Weiche Knie auf dem Tiger Trail

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Jeder, der mal den Höhenweg in der Tigersprungschlucht erwandert hat, wird bestätigen können, dass er eine besondere Herausforderung für Leute mit Akrophobie ist. Sowohl Jürgen als auch ich kultivieren diese gesteigerte Form menschlichen Überlebenswillens. Bei Jürgen ist er erklärbar, vor ein paar Jahren hat er schmerzhafte Erfahrung mit dem freien Fall machen müssen. Bei mir ist es nicht erklärbar, urplötzlich war er da. Bzw. “sie“, denn manche Leute nennen es Höhenangst. 2007 fing es bei mir an, bei einer Wanderung auf der Großen Mauer von Simatai nach Jinshanling. Da bekam ich plötzlich auf einem steilen Abschnitt beim Blick nach unten Herzrasen, einen kurzen Atem und weiche Knie.

Blicke nach unten sind auf dem oberen Weg durch die Tigersprungschlucht nicht selten. Da gibt es Stellen, wo links die Felswand ist, rechts ein Abgrund von über 1.000 Meter und dazwischen ein schmaler Weg von 50 cm. So fühlt es sich jedenfalls an, wenn man Akrophobie zu seinen herausragenden Eigenschaften zählt.

Vera hingegen ist da ganz anders. Für sie gibt es keinen Abgrund, sie tänzelt vor uns her als würde sie einen dringenden Weihnachtseinkauf am 24. Dezember erledigen müssen. Und sie ist unsere Sicherheit. Unsere Gewissheit, dass man diese vermeintlich enge Passage durchaus überleben kann.

Wir sind um 7:15 Uhr aufgebrochen und um 19:15 Uhr bei Seans Gästehaus angekommen. Zwölf Stunden. Hätte ich meine Akrophobie voll ausgelebt wären es mehr geworden.