Ausruhen im Fischerdorf am Ufer des Baikal

Bilderbuch vom Ruhetag am 110. Reisetag in Possolskoje (Посольское), sonnig und warm mit frischer Meeresbrise. Von Peter Frenzel.

Das Fischerdorf Possolskoje wurde 1652 gegründet und liegt direkt am Baikal im Kabansker Rayon (Каба́нский райо́н; Burjatisch: Хабаансхын аймаг). Dieser ist 13.470 Quadratkilometer groß und hat ca. 60.000 Einwohner. In Possolskoje leben etwa 800 Menschen. Es gibt eine Schule, einen Kindergarten, ein Kulturhaus, ein Ambulatorium für die medizinische Versorgung, eine Poststelle und hier ist auch die wirtschaftliche Adminstration der Siedlung (администрация сельского поселения) sowie der Absatzgenossenschaft der Kabansker Fischfabrik. (СПК „Рыболовецкая артель“ Кабанский рыбозавод)

Die Grenzen zur Mongolei und zu China sind nicht weit entfernt, sodass es auch im 16./17. Jahrhundert für die Bewohner immer wieder neue Herrscher und Konflikte gab. Seinen Namen verdankt Possolskoje den 1651 hier gelandeten Botschaftern (posol) des russischen Zaren. Die „Botschafter“ waren unterwegs, um Steuern von der Bevölkerung einzutreiben.

Das Schiff, mit dem sie hier landeten, war folglich voll Gold, das ein Geschenk für die Mongolei war, um Brücken zwischen Russland und der Mongolei zu schaffen. Davon wollten sich die damals schon hier lebenden Burjaten und Mongolen einen Teil holen. Sie töteten 8 der „Botschafter“, darunter einen der Anführer, während die anderen mit dem Schiff entkamen. Zu Ihrem Gedenken wurde hier zunächst eine kleine Kapelle und danach die mittlerweile älteste orthodoxe Kirche in Transbaikalien errichtet. An der Kapelle erinnern 7 hölzerne und ein Steinkreuz an die getöteten „Botschafter“.

Dominierendes Bauwerk im Dorf ist ein großes orthodoxes Männerkloster direkt am Ufer. Zwischendurch war es auch Kloster für Nonnen. Es wird seit 18 Jahren vor allem mit Spenden rekonstruiert und neu aufgebaut. Die Mönche lebten früher von Ackerbau und Viehzucht, die Nonnen hatten sich auf die Herstellung von Kerzen spezialisiert. Wir dürfen das Kloster besuchen und erfahren bei einer Führung durch Olga viel Interessantes.

Wir wohnen unmittelbar gegenüber im komfortabel eingerichteten „Gästehaus am Baikal ‚Sofia’“. Ein wunderbares Plätzchen zum Übernachten, Ausruhen und zum Genießen malerischer Sonnenuntergänge.

Possolskoe liegt nicht nur direkt am Baikal, sondern auch am Südwestende des Selenga-Deltas. Die ursprünglich im Reiseplan vorgesehenen Höhepunkte („… Fahrt mit kleinen Motorbooten durch die Flussarme und … Gastfreundschaft der Wärter des ältesten Leuchtturms des Baikals … und das Wandeln … auf einer Sandbank 2 cm hoch über dem Wasser des Heiligen Meeres.“) waren leider vom Tagesprogramm gestrichen worden. 🙁

Olga, Karin B., Gerhard und Viktor machen mit dem Bus einen Kurzausflug zum Selenga-Delta und Viktor konnte endlich auch mal ein längeres Stück radeln. Gerhard hat dazu Fotos beigesteuert. Danke. Alle anderen genießen den sonnigen Tag beim Bummel durch das Dorf, am Strand, im See und auf der Terrasse.

Zum Abendessen sitzen wir zum dritten Mal im Kafe „Omuljok“,das schon so etwas wie unser Stammlokal in Possolskoje geworden ist.

Den Tag beschließen wir gemeinsam am Baikalsee mit leckerem heißgeräucherten Omul und lokalem Bier. Die Kräfte des ältesten und größten Sees der Erde werden uns auf den weiteren Radelwegen stärken.

Fischerdorf-Bilderbuch auf:

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Von Geisterzügen und sonstigen Verkehrsmitteln

109. Reisetag, von Tanchoi (Perejemnaja) nach Possilskoje, 103 km bei 18° – 23°C. Von Olga Korolenko.

Die Übernachtung war ziemlich interessant. Das Gästehaus befand sich ganz in der Nähe von einer Eisenbahnlinie. So hat unser Zimmer jedes Mal stark gewackelt, wenn irgendwelche Züge vorbei gekommen sind. Das erinnerte mich sehr an den Film “Trio aus Belleville”.

Am frühen Morgen fuhren wir mit dem Auto 10km zum Frühstück. Danach kehrten wir wieder zurück ins Gästehaus und Peter wollte nicht mit dem Fahrrad, sondern mit einem Auto fahren. Aber das Auto war zu klein und gehörte einem Kind.

Als “Abreisefoto” wollten wir alle gerne endlich ein Foto direkt am Ufer vom Baikal machen. Das Wetter heute war nicht schlecht – es regnete ein bisschen am Anfang und später kam dann langsam die Sonne.
Die Strecke war sehr angenehm, aber mit Anstiegen – für mich persönlich war das ziemlich anstrengend. Aber Martina und Sven waren super nett, haben auf mich gewartet und mich beraten, wie man besser bergauf fahren kann. Ich bin wirklich sehr dankbar dafür, das hat mir sehr geholfen.

Unser Mittagessen war heute auch ein Picknick – unterwegs gab es nicht so viele Siedlungen und Kneipen. Danach hatten wir noch ein Stück Straßenbau gehabt und bogen von der Hauptstraße nach links ab- 13 km weiter befand sich unser Hotel für die nächsten zwei Nächte. Unterwegs war die Landschaft wunderschön – fast kein Straßenverkehr, fast alles flach und… die Blumen im grünen Feld. Aber es gab ein kleines Problem – die Straße überquerte die Eisenbahntrasse. Und gerade als wir gekommen waren, wurde der Eisenbahnübergang plötzlich gesperrt. Und 5 Minuten später genauso plötzlich geöffnet (vielleicht war das ein unsichtbarer Zug?!).

Um ca. 4 Uhr nachmittags erreichten wir das Hotel in Possolskoje. Das Hotel lag direkt neben einem Orthodoxen Männerkloster. Nach dem Abendessen wollten wir ein bisschen spazieren gehen – der Sonnenuntergang war wunderschön. So ist noch ein Tag zu Ende gegangen.

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Ein Bär und viele Erdbeeren

108. Reisetag, von Sludyanka nach Tanchoj (Perejemnaja), 129 km bei 16°C. Von Olga Korolenko.

Am frühen Morgen sind wir vom Hotel mit dem Fahrrad zum Frühstück ins Restaurant gefahren. In Sludyanka wollte niemand um 7 Uhr morgens Essen für uns 10 kochen, außer Katerina. Sie ist die Eigentürmerin der Gaststätte “Magnit” und war so nett, das Frühstück für uns vorzubereiten. Danach fuhren wir weiter. Es ging wieder eine gefährliche Strecke an der Autobahn entlang und ich habe erneut als Fahrerin des Begleitfahrzeugs ausgeholfen.

27 km nach Sludyanka war dieses Stück zu Ende und… da kamen die Erdbeeren! Die Stadt Baikalsk ist sehr berühmt für ihre Erdbeeren. Und wir haben einen ganzen Eimer gekauft. Dann fuhren wir weiter ohne Begleitfahrzeug. Allerdings war die Gefahr nicht zu Ende – zuerst hat Stefan kaputte Reifen gehabt, dann, als wir die Reifen repariert hatten, kam Karin an den Sammelpunkt und sagte, sie habe einen jungen Bären gesehen. Was kann ich dazu sagen? Das ist Sibirien 🙂

Unser Mittagessen haben wir als Picknick an der Grenze zwischen dem Irkutsk Gebiet und Buryatien organisiert. 40 km später waren wir schon im Gästehaus direkt am Baikal Ufer (Sven hat vor dem Abendessen im See gebadet). Das Abendbrot haben wir in einem separaten Restaurant in Tanchoi gehabt. Danach kehrten wir zurück ins Gästehaus und haben die Banya genossen.

P.S. Gerhard hat heute Geburtstag :). Da können wir ihm gratulieren und eine Extraflasche Bier trinken.
Alles Gute zum Geburtstag, Gerhard!


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Auf der Autobahn

107. Reisetag, von Irkutsk nach Sludyanka, 113 km bei 19-23°C. Von Olga Korolenko.

Heute haben wir eine der gefährlichsten Autobahnen Russlands mit dem Fahrrad befahren. Die einheimischen Fahrradfahrer nehmen diese Strecke nicht – normalerweise fahren sie eher mit dem Zug von Irkutsk nach Kultuk und dann weiter nach Ulan-Ude oder Arschan.

Deshalb war es sicherer, noch ein Transportmittel zu benutzen – ein Begleitfahrzeug. Vom Dorf Wedentschina bis nach Glubokaya sind 6 der Gruppenteilnehmer mit dem Auto gefahren und 2 mit dem Fahrrad. Mein Auto hat als Begleitfahrzeug gedient, um die Gruppe sicher ans nächste Etappenziel zu bringen (safety first!). 10 km vor dem Dorf Glubokaya hat es plötzlich angefangen zu regnen (laut Wetterprognose sollte es sonnig sein).

Nach dem Mittagessen haben die 6 sich entschieden, mit dem Fahrrad weiterzufahren (die Straße ging ein bisschen bergauf und dann am meisten bergrunter und flach). Zu dritt sind wir mit dem Auto 2 Minuten später angekommen als die Radgruppe. Dann hatten wir eine Mittagspause im Restaurant “Karetnyj Dwor” gehabt. Gerhard hat berühmte (aber nur für die Einheimischen von Irkutsk) gebratene Wareniki (kleine Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen) mit Steinbeeren und Äpfeln bestellt. Zwei Portionen. War lecker, wie immer in diesem Restaurant. Dann fuhren wir wieder los bis zur Südspitze des Baikal – der Siedlung Kultuk. (siehe Fotos).

Nach Kultuk war es nicht so gefährlich und ich konnte direkt zum Hotel fahren. Das Abendessen gab es im Restaurant “Goldene Jurte” als kleine Vorbereitung für die Republik Buryatien und die Mongolei. Es war das letzte Abendessen in Irkutsk, morgen überqueren wir die Gebietsgrenze und werden durch Buryatien fahren.

P.S. Wir haben unterwegs noch zwei Fahrradfahrer gesehen (auch Ausländer), aber sie fuhren nach Irkutsk, in die andere Richtung.


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Славное море, священный Байкал … / Herrlicher Baikal, du heiliges Meer …

Bilderbuch vom 106.Reisetag mit Ruhetags-Ausflug zum Baikalsee an einem sonnigen sibirischen Sommersonntag. Von Peter Frenzel.

Was soll man(n) über dieses „Meer“ schreiben? Da gibt es unzählige Bücher, Webseiten u.v.a. Infoquellen. Ihr kennt sicher viele davon.

Der Baikalsee, oft auch nur einfach Baikal genannt (о́зеро Байка́л / osero Baikal; von burjatisch Байгал / Bajgal) ist mit 1642 Metern der tiefste und mit mehr als 25 Millionen Jahren der älteste Süßwassersee der Erde. Sein Abfluss Angara fließt über den Jenissej in die Karasee des Polarmeeres. Seine Wasseroberfläche liegt ca. 455 m hoch über dem Meeresspiegel und ist fast 32.000 km² groß. 1996 wurde die Baikal-Region von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Viktor hat sich bereit erklärt, mit uns zusammen die 70 km zum Baikal zu fahren. 🙂 Wir mussten also nicht auf eines der zahlreichen Angebote von kleinen und großen Veranstaltern in Irkutsk zurückgreifen oder gar mit der direkten Autobuslinie hinfahren. Aber hin wollten wir unbedingt, denn auf den weiteren Radelwegen wird uns der See meist nur aus der Ferne „begleiten“. Olga war auch dabei und so hatten wir zusätzlich jede Menge weitere Informationen. Vielen vielen Dank an Viktor und Olga. Sie hätten ja sonst auch einen „Ruhetag“ gehabt.

Wir fuhren also bis Listwjanka (Листвянка). Das ist eine sogenannte „Siedlung städtischen Typs“, 70 Kilometer südöstlich von Irkutsk nahe der Stelle, an der die Angara aus dem Baikalsee fließt. Also hinaus, nicht hinein. Listwjanka hat rund 2000 Einwohner. Den Namen hat der Ort den vielen Lärchen (russ. listwenniza) zu verdanken, die drumherum wachsen. Der 1773 erstmals als Poststelle bzw. Fährplatz erwähnte Ort ist in der Vergangenheit vor allem von Intourist zum Touristenort aufgebaut worden und genau den Eindruck hatten wir auch.

Olga empfahl uns zu einem Aussichtspunkt hochzufahren und das letzte Stück zu laufen oder bequem mit dem Sessellift zu fahren. Jede(r) entscheidet sich anders und wir treffen uns oben zum Gruppenfoto.
Danach bummelten wir wie viele andere „Touris“ auch durch alle Angebotsstände und Touristeninfos entlang der Gorkistraße bis zu einem etwas größeren Markt und ließen uns zum Mittag leckeren heißgeräucherten Baikalfisch schmecken.

Karin B., Viktor, Martin, Sven und Gerhard wagten sogar ein kurzes Bad im maximal 14°C „warmen“ Wasser. Chapeau!

Mehr Baikal-Romantik war leider nicht. Kommt vielleicht noch.

Ich hänge hier trotzdem die legendäre Baikalhymne dran. Mit dem Lachs ist natürlich der berühmte Omul oder Baikal-Omul (Омуль байкальский) gemeint und im Text ist der hier weit verbreitete Schamanismus unverkennbar.

Herrlicher Baikal, du heiliges Meer / Славное море, священный Байкал

1.
Herrlicher Baikal, du heiliges Meer, auf einer Lachstonne will ich dich zwingen!
Starker Nordost treibt die Wellen daher. Rettung, sie muss mir gelingen.
Starker Nordost treibt die Wellen daher. Rettung, sie muss mir gelingen.

2.
Jahrelang schleppt ich die Kette am Bein, fern in Sibiriens eiskalten Bergen.
Bis eines Tags es gelang zu befrein, mich von den Ketten und Schergen.
Bis eines Tags es gelang zu befrein, mich von den Ketten und Schergen.

3.
Schilka und Nertschinsk, nicht schreckt ihr mich mehr.
Tigern und Bären bin heil ich entgangen; nimmer noch traf mich des Jägers Gewehr.
Bergwacht, sie konnt mich nicht fangen.
Nimmer noch traf mich des Jägers Gewehr. Bergwacht, sie konnt mich nicht fangen.

4.
Heimlich entwich ich in stockdunkler Nacht, wochenlang musst ich die Taiga durchtraben, Städte umging ich, das Bauernvolk bracht Brot mir und andere Gaben. Städte umging ich, das Bauernvolk bracht Brot mir und andere Gaben.

5.
Herrlicher Baikal, du heiliges Meer. Auf einer Lachstonne will ich dich zwingen,
spann meinen Kittel als Segel verquer, Rettung, sie muss mir gelingen.
Spann meinen Kittel als Segel verquer, Rettung, sie muss mir gelingen.

Hier zum Hören …

(The Holy Baikal – old russian song)

… und hier zum Mitsingen:

1.
Славное море, священный Байкал, Славный корабль – омулёвая бочка.
Эй, баргузин, пошевеливай вал, – Плыть молодцу недалечко.
Эй, баргузин, пошевеливай вал, – Плыть молодцу недалечко.

2.
Долго я звонкие цепи влачил, Душно мне было в горах Акатуя,
Старый товарищ бежать пособил, Ожил я, волю почуя.
Старый товарищ бежать пособил, Ожил я, волю почуя.

3.
Шилка и Нерчинск не страшны теперь, – Горная стража меня не поймала,
В дебрях не тронул прожорливый зверь, Пуля стрелка миновала.
В дебрях не тронул прожорливый зверь, Пуля стрелка миновала.

4.
Шёл я и в ночь и средь белого дня, Вкруг городов озирался я зорко, Хлебом кормили крестьянки меня,
Парни снабжалимахоркой. Хлебом кормили крестьянки меня,
Парни снабжали махоркой.

5.
Славное море, священный Байкал, Славный мой парус – халат дыроватый. Эй, баргузин, пошевеливай вал, –
Слышатся бури раскаты. Эй, баргузин, пошевеливай вал, –
Слышатся бури раскаты.

Baikalbilderbuch auf:

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Irkutsk, das frühere „Paris Sibiriens“ und Babr mit dem Zobel

Bilderbuch am 105. Reisetag in Irkutsk an einem heißen sibirischen Sommertag. Von Peter Frenzel.

„Von Berlin über das Baltikum und Moskau zum Baikalsee.“, steht auf der Startseite von http://www.weltweit.bike/. Was haben wir noch vor Monaten gewitzelt, wenn wir über diese bevorstehende Reise erzählt haben. Na, wir fahren einfach stringent Richtung Osten und biegen dann vorm Baikalsee rechts ab in Richtung Mongolei …

Hey! Wir sind an diesem Abzweig und bummeln durch Irkutsk (Ирку́тск), die Hauptstadt der russischen Oblast Irkutsk am einzigen Abfluss des Baikalsees, der Angara. Die fast 600.000 Einwohner sind stolz auf die Bezeichnung Universitätsstadt. Natürlich hält hier auch die Transsibirische Eisenbahn. Per Zug erreicht man Irkutsk von Moskau innerhalb von nur 79 Stunden.

Von Irkutsk sind es jetzt noch etwa 70 km bis zum südwestlichen Ende des Baikalsees. Noch unglaublicher ist dieser Vergleich, s.a. das Foto aus der Hotelhalle (des „Empire“, gleich neben der Brotfabrik, in dem wir 3-sternig komfortabel ruhetagen): Bis Wladiwostock sind es „nur“ noch 4172 Kilometer, bis Moskau dagegen 5029 Kilometer!

Inna begleitet uns natürlich beim Rundgang durch ihre Stadt, in der sie jetzt lebt und arbeitet. Sie weiß unendlich viel über die Geschichte, Einrichtungen und Persönlichkeiten zu erzählen. Martina und Sven, die unsere Gruppe auf den weiteren Radelwegen verstärken, sind natürlich auch schon mit dabei. Bitte nicht abfragen, was wir uns von den Fakten und Geschichtchen alles merken konnten. 🙁

Eins ist aber besonders wichtig. Das Wappen, das Wahrzeichen von Irkutsk: Der Tiger Babr hält einen Zobel als Beute im Maul. Steht sogar als riesige bronzene Skulptur vor dem Zugang zur zentralen Flaniermeile.

Am Südostrand der Stadt wird die Angara zum Irkutsker Stausee aufgestaut, unterhalb seines Staudamms – aber noch im Irkutsker Stadtgebiet – mündet der von Südwesten kommende Irkut ein, dem der Ort seinen Namen verdankt.

In Irkutsk herrscht hochkontinentales subarktisches Klima. Charakteristisch dafür sind sehr kalte Winter und warme Sommermonate. Das zweite können wir bestätigen. Bei über 30° C in praller Sonne nutzen wir unterwegs jedes schattige Plätzchen.

Irkutsk entstand wie Krasnojarsk auch aus einem Kosakenfort (Ostrog), das 1661 vom Kosakenführer Jakow Pochabow am Ufer der Angara angelegt wurde. 1686 bekam Irkutsk das Stadtrecht. Erst gegen 1760 wurde der Sibirische Trakt, die erste Straßenverbindung zwischen Moskau und Irkutsk fertiggestellt. Am 4. August wird der 120. Jahrestag des ersten hier angekommenen Eisenbahnzuges gefeiert.

Die Stadt entwickelte sich zum Dreh- und Angelpunkt für den Handel mit den Schätzen Sibiriens und den Importen aus dem Kaiserreich China. Mit dem Handel entwickelte sich die Stadt auch zu einem bemerkenswerten Zentrum für Wissenschaft und Kultur – nicht zuletzt dank der großen Zahl von hierhin politisch Verbannten, darunter auch die Dekabristen.

Wikipedia schreibt zur Geschichte noch dies:
„Am 14. Januar 1920 stellte der Oberbefehlshaber der alliierten Interventionstruppen in Sibirien Maurice Janin den russischen Admiral und militärischen Führer der Weißen Koltschak unter den „alliierten Schutz“ der Tschechoslowakischen Legion. Die Legion brachte ihn nach Irkutsk, wo der Stadtrat der Sozialrevolutionäre den Durchzug erlauben wollte, falls man Koltschak auslieferte. Janin, der sich bereits in Wladiwostok aufhielt, genehmigte das. Der Stadtrat wurde kurz darauf von den Bolschewiki übernommen, die Koltschak am 7. Februar 1920 standrechtlich exekutierten und seinen Leichnam in einem Eisloch in der Angara versenkten.“
An der Exekutionsstelle wurde vor wenigen Jahren ein Denkmal für Koltschak aufgestellt, um das es immer noch viele Diskussionen gibt. „Wahrscheinlich wird es stehenbleiben“, meinte Inna.

Die große Bedeutung als politisches und wirtschaftliches Zentrum Sibiriens musste die Stadt im Verlauf des 20. Jahrhunderts an Nowosibirsk abtreten. Irkutsk ist jedoch bis heute mit seiner großen Anzahl Theater und Museen eines der wichtigsten kulturellen Zentren. Irkutsk zählt zu den relativ wenigen Städten Sibiriens, in denen die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts erbauten Kaufmannsbauten, aber auch Beispiele reizvoller sibirischer Holzarchitektur im Stadtzentrum flächendeckend erhalten sind. Es gibt viele großzügig angelegte Plätze und Parks.

Die Erlöser-Kirche von 1723 ist das älteste Baudenkmal. Sie war damals das erste Steinhaus der Stadt. Die römisch-katholische Polnische Kirche beherbergt heute einen Orgelsaal. Sie steht an der Stelle, wo der Irkutsker Ostrog gegründet wurde. Die Gedenkstätte zu Ehren des Sieges des Sowjetvolkes im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945 befindet sich gegenüber.

Das Kunstmuseum, 1870 ursprünglich als eine Privatsammlung gegründet, beherbergt etwa 14.000 Kunstwerke: Gemälde, Skulpturen, Mosaike und Ikonen.

In Irkutsk endet auch die russische Fernstraße P-255, die unsere Haupt-„Fahrradstraße“ seit Nowosibirsk war. Hier beginnt die P-258, über die wir ab Montag weiter Richtung Ulan-Ude radeln werden.

Seit 1999 unterhält Irkutsk eine Partnerschaft mit der deutschen Stadt Pforzheim.

Die populärste Sportart in Irkutsk ist übrigens Bandy, eine vom Eishockey abgewandelte Sportart und mit dem Verein HK Baikal-Energija Irkutsk stellt die Stadt einen der erfolgreichsten Vereine in der nationalen Liga. Irkutsk war sogar Austragungsort der Bandy-Weltmeisterschaft 2014.

Den Tag beschließen wir mit einem gemeinsamen Abendessen im urigen Restaurant „Rassolnik“ im Stadtteil mit den meisten noch erhaltenen Holzhäusern, in der Nähe der Babr-Skulptur..
Wir verabschieden uns von Inna (danke für die schöne Zeit miteinander!) und begrüßen Olga, die uns nun bis zur russisch-mongolischen Grenze begleiten wird.

Bilderbuch auf:


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Даль-даль-даль-даль / Dal-dal-dal-dal … und atemberaubend schöne Landschaften

Radelsingsang. Von Peter Frenzel.

Es gab ja heute am 102. Reisetag leider nicht viel zu „bloggen“, aber ich hatte da glücklicherweise schon länger mal was vorbereitet. 😉

Thema: Der gaaanz normale sibirische Radweltreise-Alltag. Der Wochentag ist völlige Nebensache.

Zwischen 6 und 7.30 Uhr wecken, packen, frühstücken und 8.00 … 9.00 Uhr auf’s Fahrrad, bei langen Etappen natürlich alles etwas früher. Nach 5 – 10 Stunden mit 2 – 4 Zwischenpausen einschl. Mittagspicknick wieder absteigen und im Hotel einchecken. Abendessen, bloggen u.v.a.m., schlafen.

Was macht man(n) aber nun an so einem Radeltag zwischen Start und Ziel? Ja klar, in die Pedale treten und nicht zu weit vom äußersten rechten Straßenrand abkommen, weder nach rechts (da ist meist grober Schotter) noch nach links (da ziehen u.a. die Brummis vorbei), Löchern im Straßenbelag ausweichen, die kleinsten Lücken bei rissigem Asphalt zum Überollen erspähen und vor allem – die vorbeiziehende Landschaft genießen. Siehe unten!

Wenn der Tages-„Track“ mal nicht nur über eine Magistrale / Rosaftodor, also über eine Autobahn führt, dann sind Fahrten durch kleine und größere Orte eine prima Abwechslung. Und sonst? Sich ununterbrochen über die Vollpfosten in großen und kleinen Autos (einschl. Trucks) ärgern, die uns mit über 100 Sachen auf ihrer Überholspur direkt entgegenrasen, geht auch nicht. Texte auf Schildern am Straßenrand lesen. OK. Darüber hatte ich schon geschrieben.

Ein Radel-Lied singen?! Warum eigentlich nicht? Muss ja nicht laut sein, aber auch das wäre total egal bei dem zeitweiligen Lärm um uns herum und außerdem radeln wir zwischen den Pausenstopps jede(r) im eigenen Rhythmus, oftmals x-Kilometer und y-Minuten weit auseinandergezogen. Würde also niemand unnötig am Gehör belästigt. Luft zum Singen haben wir allemal noch übrig! Da ich laut noch nie gut singen konnte, „singe“ ich von Zeit zu Zeit still „im Kopf“.

Frage: Welches Repertoire an Fahrradliedern gibt es eigentlich? Was fällt euch Bloglesern und -innen denn da so ein?

Na bestimmt „Bicycle Race“ von Queen („Bicycle bicycle bicycle – I want to ride my bicycle …“), oder Die Prinzen – „Mein Fahrrad“ („Neulich bin ich mit hundertzwanzig auf meinem Fahrrad ‚rumgefahren, und wie immer konnt‘ ich nur hoffen: Die Polizei hält mich nicht an. …“), oder gar „Ja, mir san mit’m Radl da“ aus der Schatulle mit den Perlen teutonischen / bairischen Volksliedschaffens (Melodie vom amerikanischen Gospel Just Over in the Glory Land von 1906 geklaut, pardon „covered“), usw. usf.

Das „Fahrrad-Wiki“ (http://de.fahrrad.wikia.com/wiki/Liste_der_Fahrradlieder) hat schon eine nette kleine Liste zusammengetragen.
Kennt jemand noch weitere? Kommentare willkommen.

Mir geht spätestens seit wir die Grenze nach Russland überquert haben insbesondere ein Lied öfter im Kopf herum, das noch nicht im „Fahrrad-Wiki“ gelistet ist.

Ich habe es im vorigen Jahrtausend (1976 und 1977) als Student in den Sommerferien in Moskau beim gemeinsamen Arbeiten auf dem Bau mit Studenten des MEI (Moskauer Energetisches Institut) gehört und gelernt.

Es lief damals im Radio rauf und runter und wenn nicht, sangen wir es zusammen im Bus oder am Lagerfeuer, das „Lied der Fahrradfahrer“ von der Band „Singende Gitarren“.
Es hat die Jahre überdauert. Soweit ich weiß hat die Gruppe vor ein paar Jahren ihr Konzert zum 40. Bandjubiläum genau mit diesem Lied eröffnet und der Saal sang mit. Findet ihr bestimmt bei YouTube.

Wir hatten es uns schon mal zusammen an einem Abend noch weit vor Moskau über Viktors iPad angehört und Karin meint, das wäre früher zu Hause auch mit deutschem Text gelaufen. Kann sich daran noch jemand erinnern?

Hier liegt ein Original (in schwarz-weiß) von damals zum Hören und Sehen:


(Поющие гитары – Песенка велосипедистов / Singende Gitarren – Lied der Fahrradfahrer)

Elvira Milaschina (Nishni Novgorod / Gorki) und Igor Potapow (Sotschi) haben mir geholfen, den Inhalt des Textes ins Deutsche zu übersetzen.
Da sind Worte und Redewendungen drin, die ich mit seit fast 40 Jahren brach liegendem Schulrussisch nie so verstanden hätte. 😉
Vielen Dank.

Singende Gitarren – Lied der Fahrradfahrer

Der Mensch hatte es schwer
vor zehntausend Jahren,
er ging zu Fuß zur Apotheke,
zur Arbeit, zum ZOO.
Er kannte keine Fahrräder,
Blind glaubte er an Wunder,
weil all die Vorteile des Rades unbekannt geblieben waren,
des Rades.

Sonne auf den Speichen,
Bläue über’m Kopf
Wind ins Gesicht,
Überholen wir den Erdengang.
Winde und Meilen
Ins Weite fliehen.
Setz dich und drücke einfach aufs Pedal

Dal-dal-dal-dal
Dal-dal-dal-dal
Dal-dal-dal-dal
Dal-dal-dal-dal
О-о, о-о, о-о, о-о

Aber jetzt in aller Welt
radelt alles irgendwohin,
Fahren Erwachsene und Kinder
zur Arbeit, in den ZOO,
fahren zu Banja und Apotheke,
fahren zur Schwiegermutter zum Mittagessen,
Was geschieht mit dem Menschen
Noch in zehntausend Jahren
tausend Jahren?

Sonne auf den Speichen,

Für Karaoke-Fans und alle, die das Original mitsingen wollen, hier noch der russische Text:

Текст (слова) песни «Песенка велосипедиста» (распечатать)

Трудно было человеку
Десять тысяч лет назад,
Он пешком ходил в аптеку,
На работу, в зоосад.
Он не знал велосипеда,
Слепо верил в чудеса,
Потому, что не изведал
Всех достоинств колеса,
Колеса.

Солнце на спицах,
Синева над головой,
Ветер нам в лица,
Обгоняем шар земной.
Ветры и вёрсты,
Убегающие вдаль,
Сядешь и просто
Нажимаешь на педаль.

Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
О-о, о-о, о-о, о-о

А теперь на белом свете
Все куда-то колесят,
Едут взрослые и дети
На работу, в зоосад.
Едут в баню и аптеку,
Едут к тёще на обед,
Что же будет с человеком
Через десять тысяч лет,
Тысяч лет…

Солнце на спицах,
Синева над головой,
Ветер нам в лица,
Обгоняем шар земной.
Ветры и вёрсты,
Убегающие вдаль,
Сядешь и просто
Нажимаешь на педаль.

Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
О-о, о-о, о-о, о-о
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль
Даль-даль-даль-даль

Damit ihr in die richtige Stimmung zum Mitsingen kommt, hier ein paar Fotos mit landschaftlichen Highlights zurückliegender Radeltage dazu:

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Winter am sibirischen Fluss mit 3 Buchstaben mit Asyl für Ehemänner

102. Reisetag: 63 km von Kuitun nach Sima an einem angenehm sonnigen sibirischen Sommertag, ideal für einen kurzen Radausflug. Von Peter Frenzel.

Heute hatten wir einen sehr kurzen Radeltag mit schlappen 63 Kilometern bis zum sibirischen Winter, denn Sima heißt übersetzt Winter.

Das Wetter spielte super mit – Sonne, Wolken, um die 20° und trocken. Gegen 14 Uhr waren wir schon am Ziel.

Unsere heutige Unterkunft „An der Oka“ (mit „Bequemlichkeiten“, d.h. separate Dusche und WC im Zimmer), liegt wenige hundert Meter nach der Brücke über dieselbe. Die Taverne daneben nennt sich „Entfernt von den Ehefrauen“ (Wdali ot schen) – hm, stimmt, zumindest was Gerhard, Viktor und mich betrifft.

Bildchen vom Tage dazu:

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Entspannen und Technik-Check bei Kosakin Ija (казачка Ия)

Bilderbuch am 100. Reisetag im Wald nahe Tulun, bewölkt und eher frisch als Sommer, nachmittags sogar leichter Regen. Von Peter Frenzel.

Tulun (Тулун) ist eine Stadt mit ca. 45.000 Einwohnern, die schon in der Oblast Irkutsk liegt. Eine erste Erwähnung soll es bereits um 1735 geben. Der Name bedeutet auf Jakutisch Tal. 1927 bekam das frühere Dorf Tulunowskoje dann das Stadtrecht.

Tulun liegt am Streckenkilometer 4795 (ab Moskau) der Transsibirischen Eisenbahn, etwa am Radweltreisekilometer 8190 (ab Berlin, nach meiner Zählung) an der Fernstraße P-255 / M-53 Nowosibirsk – Irkutsk – Listwjanka sowie am Fluss Ija, die als kräftiger Strom durch das Tal fließt. Die Ija (Ия) ist 484 km lang und von Anfang November bis Ende April zugefroren. Wie gut, dass wir am 8. Juli hier angekommen sind. Sommerlich heiß ist es aber gerade auch nicht. 😉 Weiter hinter Tulun mündet die Ija in den Bratsker Stausee, der auch von der Angara durchflossen wird. Wir haben also auf dem Land- , dem Schienen- und dem Wasserwege schon direkten Kontakt zum Baikal!

Von der Stadt bekamen wir nur einen kleinen Eindruck beim Durchradeln zur Unterkunft, die sich einige Kilometer außerhalb an der Ija befindet und eine „Erholungs-Basis“ (ба́за о́тдыхa) mit dem Namen „Kosakin Ija“ (казачка Ия) ist. So richtig gut läßt sich das aber nicht übersetzen, sagen Inna und Viktor.

Wir nutzen also die heutige Stille (die lauten Wochenendgäste sind alle abgereist) und machen tatsächlich mal nichts als entspannen.
R u h e t a g eben!
Wenigstens fast. Nach einigen tausend Fahrkilometern brauchen auch unsere bisher stets zuverlässigen „tout-terrains“ (und auch die beiden Räder von Karin & Martin) ein wenig Pflege.
Dreck wegputzen, Schraubverbindungen fetten, Schwalbe-Reifen kritisch beäugen (alles bestens!) einschl. Luftdruck prüfen, Gatescarbonriemenspannung justieren, wo nötig Magura-Bremsen justieren etc. pp und – ganz wichtig! – Ölwechsel im Rohloff-Getriebe.

Vielen vielen Dank an Gerhard, der uns seine Erfahrungen dabei vermittelte und das technische Management übernommen hatte. So haben nach knapp 4 Stunden auch alle mit den Interna unserer Rad-Hightech-Boliden noch nicht so Vertrauten ganz Wichtiges hinzugelernt. Hatte ich schon erwähnt, daß bei Karin und mir seit Berlin außer mal Luft nachpumpen in den hinter uns liegenden über 8000 Kilometern absolut kein technisches Problem aufgetreten ist? Hey Volker – alles perfekt „konfektioniert“ und die richtigen Sponsoren gewonnen! Ach so, an den immer noch wasserdichten MSX-Lenkertaschen musste bisher auch nix gewartet werden, außer einem kleinen Problem an meinem Schulterriemen. Da half mir übrigens bei einem Aufenthalt in Atschinsk ein netter junger Mann im „Remont Obufi“ (Schuhreparatur), der mir nach 15 Minuten gleichzeitigem angeregten Gespräch das Teil genäht und perfekt verklebt mit den Worten zurückgab „Kostet natürlich nichts, ist ein Geschenk Russlands an die tapferen Radfahrer aus Germanija“. Sowas vergißt man den Rest seines Lebens nicht mehr. 🙂

Für den heutigen Abend haben wir uns ein „Buffet“ (Шведский Стол / Schwedski Stol) mit lokalen Spezialitäten (z.B. mit Wild-Fleisch und besonderem Fisch) bestellt, um den Hundertsten gebührend zu feiern, bevor es morgen früh weiter in Richtung Irkutsk geht. Dahin sind es nicht mal mehr 400 km.

Waldbilderbuch auf:

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Warum oder wo sind die Messer?

Tag 99, von Nischneudinsk nach Tulun 121 km, am Vormittag trüb und frisch – 12°, ab Mittag Sonne mit Wattewolken – 20°, nach Ankunft ein heftiger Schauer. Von Gerhard Leiser.

Erneut sind wir auf unserem Weg nach Irkutsk und dem Baikalsee durch abwechslungsreiche Taigalandschaft mit weiten Blicken auf die Umgebung und die Transsib geradelt. Aber Bilder sprechen mehr als alle Worte, deshalb der Verweis auf die Bildergalerie.

Einer Frage will ich mich heute widmen: was bringt normale Menschen, auch solche im fortgeschrittenen Alter dazu, sich auf ein Fahrrad zu setzen um die halbe Welt oder gar weiter zu umrunden?

Um von einem Ort zum anderen zu kommen, das kann es nicht sein. Hier gibt es heute schnellere und bequemere Mittel. Aus Spaß? Ja, wir haben unseren Spaß und unsere Freude unterwegs, aber nicht immer macht es Spaß. Die Straße steigt kilometerweit bergan, die Sonne sticht oder es geht gerade ein Starkregen auf uns nieder. Von qualmendem, stickendem, einen von der Straße drängendem, manchmal gefährlichem Verkehr ganz zu schweigen.

Eine kleine Umfrage unter den Mitreisenden führte auch zu keiner eindeutigen Antwort, teilweise gab es auch keine. Eines eint uns, so unterschiedlich wir auch sind. Alle sind wir weit gereist und haben schon viele Ecken der Welt gesehen.

Vielleicht haben wir alle, so wie ich, den Wunsch, die Veränderung der Landschaft mit ihren Gerüchen und Tönen hautnah und langsam genug zu erleben, verbunden mit dem Ziel immer weiter und weiter zu kommen und neues zu erkunden.

Die anderen Lebensumstände der Menschen unterwegs zu sehen und zu erleben, um nach der Rückkehr nach Hause zu wissen, dass man in anderen Region der Welt ebenfalls leben kann und muss, ohne das perfekte Funktionieren wie bei uns zu haben. Um zu lernen oder um sich daran zu erinnern, dass in unserer doch sehr bequemen Lebensumgebung durchaus auch auf etwas verzichtet werden kann. So kann ein „Nichtfunktionieren“ bei uns mit Geduld und Gleichmut hingenommen werden, ohne sich darüber aufzuregen.

Sicherlich spielt auch der Anspruch und Ehrgeiz die Rolle, eine solche Stecke über Tausende von Kilometern bewältigt zu haben. Um vor der Weltkarte zu stehen und sich selbst zu sagen: „von hier bis dort hin bin ich mit dem Rad gefahren!“

Nein, es gibt keine einfache Antwort für diese Unternehmung, genauso wie es keine Antwort gibt auf die Frage: „warum gibt es in Sibirien im Café immer nur Gabel und Löffel?“ Wegen der Verletzungsgefahr im Umgang mit Messern, als Training für Stäbchen in China oder weil alle geklaut wurden? Auch die Einheimischen wissen es nicht.

Wer noch eigene Gedanken zu diesen Fragen hat, gerne als Kommentar.


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