Energie

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

Zum Schluss noch ein paar Sätze aus Shanghai, der Stadt der Städte. Meine Truppe ist gerade davongeschwebt, ich bleibe noch ein bisschen und fliege dann heute Nacht. Gestern waren wir mal wieder singen, in einem anrüchigen Etablissement. Zum dritten Mal Karaoke auf einer Reise, das sagt viel über die Harmonie in der Gruppe, alles lief rund. Keine Unfälle, kaum Pannen, blendendes Wetter. China, das sich von seiner besten Seite gezeigt hat. Die beste Presse hat es ja nicht gerade. Ich kann nur empfehlen sich selber ein Bild zu machen, es ist das aufregendste Land das ich kenne. Und die Drei Schluchten-Tour geht mitten durch sein Herz, großartig. Die Tour ist radfahrerisch aber vielleicht die härteste, die wir im regulären Programm haben.

Der Geist von China manifestiert sich auf der ganz großen Bühne in Shanghai, das ständige Werden und Wachsen, zunehmend auch auf einer Ebene, die Form und Stil hat. Die Stadt hat sich vor der letztjährigen Expo schick gemacht, für den Besucher war sie in den Jahren davor deshalb von Chaos und Großbaustellen geprägt. Jetzt darf man wieder über den Bund spazieren oder am Suzhou-Fluss entlang, beide Promenaden sind elegant, mit Understatement. Der Aufwand hat sich gelohnt und so ist es an vielen Ecken der Stadt. Man hat das Gefühl, dass sie auf architektonischer Ebene ihr eigenes Gesicht entwickelt. Vor den Abrissorgien der 90er waren die Shikumen-Häuser stilprägend, schmale doppelstöckige Gebäude, eine Gasse neben der anderen. Es gibt nur noch wenige Viertel mit diesen Häusern, zwischen „Altstadt“ und Huangpu etwa, dort fühlt sich das Leben noch sehr traditionell an. Einige dieser Viertel sind geschmackvoll hergerichtet worden, die Taikang Lu ist so ein Vorzeigeprojekt. Aber der Rest der Stadt will sich nicht mit Nostalgie aufhalten und stürzt der Zukunft entgegen. Die Frage, WO unsere Zukunft gestaltet werden wird, stellt sich eigentlich kaum noch wenn man mal hier war.

Mittags ziehen die Temperaturen an, ab nächstem Monat wird es hier fast unerträglich heiß und schwül sein. Morgens und abends bzw. nachts sind die besten Zeiten in Shanghai: morgens wenn es aufwacht und die Energie sich ruhig aber stetig aufbaut, an jeder Ecke, beim Taiji, beim Standardtanz oder bei den Schwert-oder Fächertänzen. Und nachts, wenn man durch ein einziges Lichtermeer spaziert. Shanghai ist jedenfalls nochmal ein Ausrufezeichen, die würdige Endstation. Dank und Kompliment an die Familien Zhuang und Wei, an die Damen Shi und Shen, an die Herren Hu und Liang. Ich selber bin in zwei Monaten auf der Seidenstraße unterwegs. Lauter schöne Touren dieses Jahr, das gefällt! Aber jetzt erstmal ins Büro und hoffen, dass die Kollegen dort recht nett zu mir sind.

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Die Zähmung

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

Den Tag gestern haben wir dem Yangzi geschenkt und er hat es uns mit schönen Impressionen gedankt. Von seiner Wildheit ist hier am Mittellauf durch die Staumauern einiges verloren gegangen, trotzdem glorreich. Die Zähmung der Flüsse ist ein wiederkehrendes Motiv in der chinesischen Geschichte, eins der wichtigsten: Da Yu, der legendäre Urkaiser, soll damit die chinesische Zivilisation geschaffen haben. Alle chinesischen Kaiser waren Mittler zwischen Himmel und Erde und damit direkt verantwortlich für die Kapriolen der Natur. Wenn Überschwemmungen oder Dürrezeiten das Reich plagten, dann drohte der gerechte Zorn des Volkes. Das Mandat des Himmels durfte entzogen werden. Überschwemmungen des Yangzi haben auch im 20. Jahrhundert für Millionen Opfer und Unruhe im Volk gesorgt, insofern schreibt der Drei Schluchten-Damm chinesische Geschichte im Verhältnis von Herrschenden und Untertanen fort.

Wir haben den Damm gestern besichtigt, nicht schlecht, aber so richtig ehrfurchterregend wird er erst, wenn man weiß, was für Massen sich dahinter aufstauen: über 600km ist der Fluss nun gestaut, bis nach Chongqing, auf die doppelte Wasserfläche des Bodensees. Die Hebewerke sind die größten ihrer Art weltweit und der Fluss ist nun ohne Probleme auch für Hochseekähne schiffbar, bis weit in den Westen. Neben der Flussregulierung und seinem Ausbau als Wasserstraße ist es aber vor allem das Energiepotential, welches den Damm einzig macht. Mit Hilfe des entstandenen Gefälles soll ein Zehntel der chinesischen Bevölkerung mit Strom versorgt werden. Das sind unglaubliche Leistungen, sie werden am Damm gefeiert dass es kracht. Von den negativen Konsequenzen – den Umsiedelungen, der Unberechenbarkeit etc. – ist hier natürlich nicht die Rede.

Chinesische Propaganda oder nicht, die westliche Berichterstattung ist fast ebenso einseitig, meistens selbstgefällig und heuchlerisch. Man weist z.B. gerne auf die Umweltschäden hin, und richtig so: überschwemmte Industrieanlagen, der Abfall der sich im Becken stauen wird, Verschlickung des Damms und Entschlickung des Unterlaufs usw. Man fordert aber zur gleichen Zeit, als sei es eine Selbstverständlichkeit, dass China seinen CO2-Ausstoß reduzieren solle (derzeit werden hier 75% der Energie aus der Kohle generiert), man will, dass auf Atomkraft verzichtet wird. Der Damm hat die Energieleistung von 8 – 18 mittleren Atomkraftwerken, je nach Schätzung und Turbineneinsatz. In der Provinz Yunnan haben sehr viele Häuser Solarkollektoren auf dem Dach. In Nordwest-China stehen die größten Windkraftanlagen der Erde. Wasser, Sonne, Wind. Wo soll denn die Energie sonst noch herkommen für das Land? Deutschland, das alles besser weiss und lange Zeit hatte, aus seinen Fehlern zu lernen, bezieht gerade mal 10 Prozent aus erneuerbaren Energien, sonst wie gehabt: Kernenergie, Kohle, Erdgas. Und deutsche Firmen (Siemens, Voith) haben bestens mit dem Damm verdient.

Wir sind mittags den Yangzi entlanggeradelt, durch das herrliche Tal hinter dem Damm, auch über unseren letzten kleinen Pass. Welf ist dann noch die Kette gerissen, das hat der Fahrradtour einen schönen Rahmen gegeben. Die Ankunft in Yichang war chaotisch, am Hotel haben wir unseren Triumph begossen und die Räder ummontiert, dann erst habe ich gemerkt, dass es das falsche ist. Yichang ist eine Millionenstadt und man schiebt sein Rad mal nicht eben über die Straße zur richtigen Herberge. Das konnte uns nicht aus der Ruhe bringen, für alles findet sich eine Lösung und irgendwann lagen wir satt, müde und zufrieden im Bett.

Und jetzt sind wir schon in Wuhan, einer selbst für chinesische Verhältnisse großen Stadt, der Metropole im Zentrum des Landes. Über die allererste Brücke über den Yangzi (1957) sind wir gefahren und haben die Gelbe Kranich-Pagode gesehen. Im Guiyuan-Tempel haben uns 500 Arhats beäugt, dann haben wir lustige Fleischersatz-Gerichte zu Mittag gehabt. Das Provinzmuseum wusste mit uralten Funden zu beeindrucken: Prinz Yi von Zeng hat sein Grab noch zur Zeit der Streitenden Reiche, also vor der ersten Reichseinigung (221 v.Chr.), bequem ausstatten lassen, ausgefeilte Bronzekunst und schräge Musikgegenstände, vor allem aber Unmengen stilvoller Trinkgefässe sind darin gefunden worden, bestens konserviert. Der Mann wusste zu leben. Und abends sind wir schließlich durch Hankou spaziert, dem ehemaligen Konzessionsviertel. Über Wuhan gibt es so viel zu erzählen, aber irgendwann muss ja mal Schluss sein für heute.

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Mashang

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

22 Uhr und ich warte auf Gepäck und Räder, der LKW ist heute morgen zeitgleich mit uns in Fengjie gestartet und lässt noch immer auf sich warten, etwa 250km für den ganzen Tag, das kann vorkommen. Wir sind die Strecke mit dem Luftkissenboot in knapp 4 Stunden gefahren. Der Yangzi ist nach wie vor der schnellste Transportweg in dieser Gegend. Mit Bau des Damms können die Hochseefrachter mittlerweile bis nach Chongqing fahren, der Fluss gewinnt also eher an Bedeutung als dass er verliert. Ein Zehntel der Menschheit lebt am Yangzi, das muss man sich mal vorstellen. Am Langen Fluss.

Der Gepäckfahrer hat jetzt schon ein paarmal „mashang“ gesagt, das ist immer ein schlechtes Zeichen (wörtlich: er „sitzt auf dem Pferd“ und galoppiert mental schon um die Ecke, das kann wirklich alles heißen). Aber eigentlich muss er sich gar nicht beeilen, denn hier ist alles höchst entspannt. Das Wetter hat sein kurzes Tief überwunden und einige unserer Häupter glühen rot, die Wetterwechsel können einen aber auch überfordern. Den Yangzi haben wir heute durchpflügt, langsame öffentliche Verbindungen sind mittlerweile unberechenbar und kaum noch zu bekommen, die drei großen Schluchten sind nur so vorbeigesaust. War schön und auch gut so. Die Schluchtenlandschaften der letzten Woche kann das ohnehin nicht übertreffen, bei weitem nicht.

Jetzt sind wir in Xin Zigui, dem „Neuen Zigui.“ Das alte Zigui hatte einiges zu bieten (Minister Qu Yuan vom Staate Chu hatte hier sein Zuhause, er ist der Grund für die weltweit beliebten Drachenbootrennen). Das neue Zigui ist eine Retortenstadt, erst ein paar Jahre alt. Sie sieht aber schon ordentlich verwohnt aus. Der Grund für neu und alt liegt in Sichtweite: der Drei-Schluchten-Staudamm, mächtig und alles ersäufend.

Die alte Stadt liegt unter Wasser, die Anwohnerschaft wurde hierher umgesiedelt, man kommt sich etwas fehl am Platz vor wie wahrscheinlich auch die Bevölkerung. Den Damm selbst werden wir uns morgen anschauen. Es ist bei diesem Projekt nicht alles so schwarz-weiß wie man das bei uns gerne sieht. Die Umsiedlungsprojekte und einiges mehr gehören natürlich auf die schwarze Seite, aber wer glaubt dass hier alle mit gebeugten Häuptern rumlaufen, der sollte mal in diese Retortenstädte kommen. Schief oder nicht, desorientiert oder nicht, der erste Eindruck vermittelt ein wie immer typisch chinesisches, pragmatisches, belustigtes Lebensgefühl.

Dieses Lebensgefühl fängt übrigens „Still Life“ von Jia Zhangke ein (immerhin Goldener Löwe in Venedig). Langsam, dokumentarisch zeigt der Film die Umwälzung und den erzwungenen Neuanfang während des Dammbaus. Der Film spielt in Fengjie, wo wir gestern waren, und wo die Altstadt mittlerweile auch unter Wasser steht
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Das Gepäck ist gerade gekommen. Die Zeit haben wir uns beim Mahjong vertrieben, nach einem wie immer vorzüglichen Abendessen, in einem netten Hinterzimmer, mit Hilfe der Belegschaft.

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Endlich!

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

Heute hatten wir den Wettereinbruch, den wir uns lange erhofft hatten. Das Image als Schönwetterradler wurde uns nämlich langsam sehr lästig, daher heute: 20 Grad runter, kalter prasselnder Regen, oh wie fein. Der Temperatursturz kam unvorbereitet, das Hauptgepäck war ganz woanders und wir waren bestens auf stickige Hitze vorbereitet. Zum Glück mussten wir anfangs nur bergauf und kalt wurde uns nicht dabei. Nach über gut tausend Höhenmetern (davon die Hälfte allein in dieser seltsamen Stadt Wushan), auf der Passhöhe, haben wir dann beschlossen, uns den Rest der Strecke transportieren zu lassen. Die ganze Höhe für nichts und wieder nichts. Es war einfach zu kalt und zu nass. Gewärmt haben wir uns zwei Stunden lang in einem kleinen Laden, vor ein paar Briketts Kohle und bei einer Packung Instantnudeln (ok und bei ein paar kleinen Fläschchen Baijiu). Pat und Patachon haben uns dann nach Fengjie chauffiert, das muss ihr erster Ausflug in die große Stadt gewesen sein, herzig.

Dabei hatten wir alles gegeben, Wushan mit einem Feuerwerg beglückt von dem es noch lange sprechen wird, aber vielleicht war das schon Hochmut und Hochmut kommt vor dem Fall. Den Regengöttern haben wir dann abends schleunigst Lieder gesungen, in der schummrigen Karaoke-Bar unseres Hotels.

Einen Track kann ich heute nicht liefern, irgendwie musste ich ein paarmal hin-und herflitzen, irgendwie war alles chaotisch und ging kreuz und quer. Aber lustig!

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Abschied von Bus Lee

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

Xiao Li, der unseren Begleitbus gefahren hat, ist gestern nach Xi’an zurückgefahren, wo er sehnsüchtig von Frau und Kind erwartet wird. Er ist ein netter, ruhiger Mensch. Wir haben ihn in Anlehnung an einen großen Kämpfer „Bus Lee“ getauft, diesen Scherz würde er selber aber nicht verstehen. Bruce Lee heißt ja eigentlich Li Xiaolong (kleiner Drache Li), auf Mandarin, das Kantonesische lasse ich mal weg. Mit englischen Namen, noch dazu die ihrer eigenen Helden, tun sich Festlandchinesen schwer, das Namedropping unter Cineasten läuft hier nicht so geschmeidig wie anderswo. Jacky Chan heißt Chen Long (Drache Chen), Maggie Cheung heißt Zhang Manyu (Grazile Jade Zhang), Stephen Chow heißt Zhou Xingchi (Schnell wie der Blitz Zhou) usw.usf. Gespräche über den Zustand des neuen deutschen Films sucht man in China vergebens, man unterhält sich aber gerne über deutschen Fußball, vor allem mit Taxifahrern. Auch hier sollte man vorbereitet sein und die chinesischen Namen unserer Helden kennen: Lamu, Mule, Shiweiyinsitaige.

Gestern haben wir die offizielle Mitte des Reichs der Mitte durchquert (man schießt sich damit in der Volksrepublik selber ins Bein, die Westgebiete können rein geographisch nicht mit eingerechnet sein). Ein schönes Gefühl, an diesem Punkt zu stehen, drei Provinzen laufen hier zusammen, Shaanxi, Hubei und Chongqing. Ein schönes Gefühl aber vor allem, weil es die Passhöhe war und es danach nur noch bergab ging, und wie! Top 5 meiner persönlichen Abfahrten, da hat mein hochgeschätzter Kollege Oli G. nicht übertrieben (vielen Dank Oli für Deine Materialen, das macht alles viel einfacher für mich!). Es ging 30km bergab, auf neuem Asphalt, weit ausholend eine Höhenstraße entlang, man konnte es laufen lassen. Dazu fantastische Natur und kaum Verkehr. Die Temperaturen steigen allmählich und stauen sich in den Tälern, die werden immer enger, die Berge schwitzen und dampfen je tiefer wir kommen.

Jetzt sind wir in Wushan, einer steilen Stadt am Zusammenfluss des Yangzi und des Daning, pro Schritt macht man hier einen halben Höhenmeter. Die Lobby unseres Hotels ist im siebten Stock. Wushan liegt im Gebiet der regierungsunmittelbaren Stadt Chongqing, welche im Zuge des Dammbau-Projekts aus der Provinz Sichuan ausgegliedert wurde. Seitdem ist sie von der Einwohnerzahl her die größte Stadt der Welt, mit weit über 30 Millionen Einwohnern – auf rein administrativer Ebene, es gibt bei diesen Rankings ja viele verschiedene Richtwerte. Das Zentrum Chongqing ist von hier noch hunderte Kilometer entfernt und diese Ecke ist noch ruhig und beschaulich, die Landschaft wirklich berauschend. Schon mit dem Rad sind wir den Daning entlanggefahren, heute mit dem Boot weiter, durch die „drei kleinen Schluchten“, die viel schöner sind als die großen. Und außerdem den Madu-Fluss, einen Seitenarm des Daning hinein, in die „kleinen kleinen Schluchten.“ Ein fauler, fotogener Tag.


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Meister Zhang

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

In Ankang habe ich noch mit Volker telefoniert (im Sonnenbad, während er sich gerade mit Nudelsuppe gegen tibetischen Frost versucht hat). Synergieeffekte nutzen, Kommunikation auf die Spitze treiben. Volker hat die Drei Schluchten-Tour geplant und natürlich musste ich lobhudeln und ihm sagen, wie schön die Strecke doch ist. Aber es ist ja die Wahrheit. Jedenfalls meinte er, sie würde noch schöner. Und siehe da, sie ward noch schöner, heute.

Es wird immer grüner und immer fruchtbarer, Teeplantagen, Reisfelder, Gemüsebeete. Eingebettet in eine Berglandschaft, die markant aber nicht mehr so schroff ist wie noch vor ein paar Tagen. Die jungen Bambustriebe werden derzeit ausgelesen, die schmecken lecker und sind gesund. Dazu hatten wir wieder güldenes Wetter, mittags sehr heiß, aber wer wollte sich da beschweren. Es war immerhin unsere Königsetappe, fast 125km und meist bergan, trotzdem waren beim Abendessen alle begeistert (oft kommt das ja Tage später, wenn man sich wieder erholt hat). Jetzt in Zhenping, einer aufgeregten kleinen Stadt, Massen von neugierigen Kindern scharwenzeln um uns herum und freuen sich besonders über unsere kleine Feuerwerkeinlage auf dem Stadtplatz, das böllerte um halbzehn in die Luft hinaus, die Polizei stand dabei und hat sich auch gefreut.

Sehr beeindruckend war die Begegnung mit Zhang Xuefeng, Maler und Kaligraph. Albin und Matthias waren zufällig in dessen Klause gerollt, versteckt im Nichts am Wegesrand, wahrscheinlich durch den kleinen Pavillon angelockt, der hier gerade im Bau ist. Zhang Xuefeng lebt wie die alten daoistischen Meister zurückgezogen in der Natur, einfach und bescheiden, wie bei den Vorbildern verschwindet der Mensch in seinen Bildern in einer gewaltigen Landschaft, ganz klein und ganz vergänglich. Meister Zhang hat uns zwei seiner Bilder geschenkt und wollte beim besten Willen nichts dafür. Er hat uns durch sein kleines Bauprojekt geführt, seine kleinen wunderschönen Gemälde gezeigt und dabei gestrahlt.


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Hupen, aber herzlich

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

Ankang war uns sehr sympathisch. Auch hier ist die alte Bausubstanz fast komplett verschwunden, das Zentrum ist ziemlich austauschbar, aber eine Stadt lebt von ihren Bewohnern. Die Bewohner von Ankang sind erfrischend, neugierig, freundlich. Die Lautsprecher am Platz des Volkes schlagen die Stunden mit den ersten Takten von „Beat It.“

Die Strecke heute war kurz und hügelig, eine saubere schöne Gegend hier, mitten durch die Teeplantagen des südlichen Shaanxi hindurch. Nichts als Tee, wirklich. Bei der Teezeremonie in Shangzhou habe ich mich schon eingedeckt, dann bin ich in der Teegasse von Ankang derart liebenswert beschwatzt worden, dass ich nochmal nachgelegt habe. Und heute sind wir inmitten einer Teeplantage untergebracht, im ruhigen, grünen Cuimingyuan, wieder Tee gekauft (von der besten Pflückung, zur Zeit des Qingming Jie vor etwa einem Monat). Ich bin Kaffeetrinker. Seit Jahren quäle ich mich mit grauenhaftem Instant-Kaffee durch, vielleicht sollte ich das mal ändern und mehr Tee trinken, der im Koffer würde erstmal für eine Weile reichen. Wird aber wahrscheinlich mal wieder verschenkt.

Schön ruhig ist es hier, es zirpt und zwitschert, das sind wir nicht mehr gewohnt nach den Kreisstädten und ihrem lustigen Toben. Die Chinesen haben ein anderes Verhältnis zum Lärm, soviel steht fest. Es muss laut sein, heiß und fettig (renao). Viele Chinesen haben in Deutschland Anlaufschwierigkeiten, weil es dort so ruhig und geordnet und langweilig zugeht. Große kulturelle Missverständnisse ergeben sich aus solchen Umständen. Dieser Teegarten hier ist eigentlich nicht der richtige Platz, um über den chinesischen Umgang mit der Hupe zu berichten, aber Albin protzt neuerdings mit seinem neuen Gerät, batteriebetrieben und fünf Melodien (dazu haben wir 3 handbetriebene Hupen und ein paar erbarmungswürdige Klingeln in unserem Bestand).

Hier wird gehupt, und es ist nicht böse gemeint. Es ist bestimmt kein Signal der Frustration und der aufgestauten Wut wie meist bei uns. Herzliches Hupen, ein Gruß, oder aber ein Warnsignal. Der chinesische Verkehr verläuft nach einem Muster, das ohne Hupe gar nicht mehr funktioniert. Wenn alles erlaubt ist, dann muss man auf sich aufmerksam machen. Inzwischen kann ich ganz gut an der Hupe erkennen, welches Fahrzeug hinter mir auftaucht (ich meine dabei nicht mal Modell oder Lautstärke, eher die Art des Hupens): Trucks hupen kurz und nachlässig, die Könige der Landstraße, die hört man auch so und zieht schnell den Schwanz ein. Wenn sie uns sehen dann wird es oft ein Stakkato, begeistert (wenn auch nicht wir)! Überlandbusse sind am schlimmsten, die einzigen Fahrzeuge vor denen man sich wirklich in Acht nehmen muss. Sie kennen weder Freund noch Feind und brettern durch die Straßendörfer als säße ihnen der Teufel im Nacken und nicht der Schalk. Man sollte sich Sorgen machen, wenn sie mal nicht hupen. Die Brotautos (mianbaoche, geformt wie ein Brotlaib, Sammeltaxis oder die Verbindung zwischen kleineren Orten) hupen eigentlich nur, wenn sie uns sehen, ein paar mal kräftig und dann sieht man meist Hände oder einen halben Oberkörper aus dem Fenster lehnen, in Verzückung. So geht das.


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Guodao 316

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

Die letzten drei Tage hatten es in sich, alles freut sich auf den Ruhetag morgen. Erst von Tal zu Tal und schließlich den Han-Fluss hinauf, jedesmal über 100km und Höhenmeter gab es auch nicht zu knapp. Jetzt sind wir in Ankang, einer fröhlichen Stadt. Und angekommen im Süden, das zeigen die Temperaturen – gut über 30 Grad – ebenso die Flora: nach wie vor wenig Reis, aber Bambuswälder, Fächerpalmen, vereinzelt Bananenstauden.

Über den Han-Fluss sind wir noch gestern gesetzt und heute den ganzen Tag entlanggefahren. Er ist der größte Zufluss des Yangzi und wird in Wuhan in diesen einfließen. Am Anfang der Reise stand der Wei bzw. das Einflussgebiet des Gelben Flusses, jetzt sind wir am Han und in den Fängen des großen Yangzi. Das sind zwei verschiedene Kulturen und eine komplett andere Landschaft, innerhalb weniger Tage. Der Han Jiang wird an einigen Stellen mächtig gestaut, dann spiegelt sich die ganze Welt darin, wenig später ist er ein kümmerliches Rinnsal. Aber der Regen kommt erst noch. Überall wird fleißig Kies gehoben.

Wir fahren die Nationalstraße 316 entlang. Die Nationalstraßen (guodao) sind die guten, verlässlichen Freunde des China-Reisenden, sie durchqueren das Land von Nord nach Süd, von West nach Ost, Tausende von Kilometern. Wir sind bei km 1888 (von der Ostküste aus) vorbeigekommen, dieser Zahl musste Tribut gezollt werden. Jetzt nicht nachlässig werden, Wetter war wieder gut heute. Die Nationalstraßen sind meist zweispurig und spiegeln das Leben und die Saison des jeweiligen Landstrichs wieder, an der 316 wurde heute Gelbwurz getrocknet, wurden Kirschen verkauft und Honig produziert. Häuser und Dörfer liegen direkt an der Straße, Bauweise und Alltagsleben verändern sich mit den Kilometern, im Fall der 316 reicht die Spanne von der Küstenprovinz Fujian zur islamisch geprägten Stadt Lanzhou weit im Westen, am Eingangstor des Hexi-Korridors. Dagegen die neue Generation der Autobahnen: steril, vier-bis-sechsspurig das Land zerschneidend, kreuz und quer, ohne Anfang und ohne Ende. Auf den Nationalstraßen dagegen will man ins Abendrot reiten.


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Es gibt kaum Reis, Baby

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

Die gestrigen Mühen haben sich gelohnt, die Wanderarbeiter-Kohorten haben uns heute eine butterweiche Fahrt beschert. Durch ein mal wieder wunderschönes Tal, ohne Verkehr, man käme kaum aus dem Fotografieren, würde man es nicht irgendwann einstellen. Hier gibt es jetzt endlich vereinzelt Reisfelder, auch wenn Weizen und Gerste nach wie vor tonangebend sind, die meisten dieser kleinen Parzellen liegen außerdem noch brach und manchmal wächst Lotus darin. Die Reissaison kommt mit dem Regen und der fängt demnächst erst an. Einige Bauern können es nicht abwarten und setzen den Reis schon jetzt in ihr Stückchen Land, nach alter Tradition jede Pflanze in den Boden drückend. Da hilft irgendwann auch kein Kieser-Training mehr. Mittlerweile gibt es rückenschonendere Verfahren (meistens sind die Setzlinge mit einem Erdklumpen beschwert und werden in die Suppe geworfen, sie pflanzen sich dann quasi selber ein). Aber bei solch winzigen Feldern besteht sicherlich eine besondere Bindung zu jeder einzelnen Reispflanze.

Die Ausnutzung jeder kleinen Ecke, jedes Stück Hangs, ist besonders in China. 7% des weltweit nutzbaren Ackerlandes müssen hier 22% der Weltbevölkerung ernähren. Das ist eine große Leistung. Land ist kostbar, verschwenderisch sollte damit nicht umgegangen werden. Auf winzigen Terrassen wird Weizen angebaut, das muss mehr oder weniger zum Eigenverbrauch sein (der Weizen braucht im Gegensatz zum Reis eigentlich viel Platz, um eine ordentliche Ernte abzuwerfen). Die wilden Hügelketten und die absurd scheinenden Terrassierungen darauf sind jedenfalls ein Augenschmaus. Mittags gab es eine richtig harte Steigung und die Sonne brannte auf uns hernieder, danach wieder eine lange Abfahrt mit allerhand kleinen Ablenkungen.

Wie haben wir dieses Wetter verdient? Wir haben es uns erarbeitet! Indem wir heute Nachmittag möglichen Regen gewarnt und hinweggeböllert haben (gute chinesische Tradition, nicht umsonst der Name „Chinakracher“). Und auch indem wir uns sklavisch der Zahlenmystik unterworfen haben. Gehalten wird etwa unter keinen Umständen bei km 44 (Unglückszahl). Jutta, Albin und Matthias haben sich ein Nummernschild „Zhongguo 888“ (Glückszahl) anfertigen lassen und ans Fahrrad gehängt etc. pp.

Außerdem essen wir immer schön auf, man darf nicht arrogant werden.


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Straßen und Wege der Volksrepublik China

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.04. bis 08.05.2011

Das Straßennetz in China sucht seinesgleichen. Es gab eine Zeit, in der man hier nicht unbedingt Radfahren wollte, die großen Autobahnen wurden gerade gebaut und waren noch nicht offen, auf den alten Straßen hat sich neben dem normalen Verkehr noch der Baustellen-Verkehr getummelt. Mittlerweile sind die wichtigen großen Verbindungen alle fertig, die Nationalstraßen und die alten Provinzstraßen wurden gleich mit renoviert und sind heute verkehrsarm und sehr gut zu befahren. Auf diesen alten und doch ziemlich neuen Straßen radeln wir also jetzt, die Superhighways kreuzen ab und zu unser Blickfeld.

Was in China gebaut wird kann man sich kaum vorstellen, vor allem eben neue Trassen und Straßen, riesige Pfeiler stehen in der Landschaft und warten auf ihren Einsatz. Die Täler durch die wir uns zur Zeit bewegen sind einsames Hinterland, trotzdem kommen wir hier an Straßenbauprojekten vorbei, die in Deutschland kaum vorstellbar wären. Das Land versucht, die Wanderbewegungen in den Osten zu bremsen, indem es auch das Hinterland anbindet. Vor allem der Westen der VR wird mit gigantischen Infrastrukturprojekten erschlossen (Xibu Kaifa/“Die Erschließung des Westens“). Rhetorik und Herangehensweise erinnern an die USA des 19. Jahrhunderts, an das Vorrücken in Richtung Westen und den Glauben, die Frontier ausweiten zu müssen. Genau wie damals in Amerika war das Konzept vor allem ein ideologisches, es ging um die Grenzen im Kopf, um das Selbstbewusstsein, dass nichts unmöglich ist und alles steil nach vorne gehen wird, auf unbestimmte Zeit. Genau dieses Gefühl hat man derzeit in China, und wenn die Menschen hier noch so staunend und schüchtern auf uns reagieren.

Heute haben wir zunächst profitiert von den Straßenbaumaßnahmen und später darunter geächzt. Wir sind schnell in ein für den Verkehr abgesperrtes Tal gefahren, außer kleineren Baustellen und Steinschlagschäden hatten wir eine großartige Strecke nur für uns. Nach dem Mittagessen sollte der Rest eigentlich nur noch Formsache sein, im Geiste waren wir schon beim Bummel durch die schöne Altstadt von Manchuan, doch die letzten 30km waren Staubstraße, Schotter und schließlich eine einzige Baustelle mit hunderten, wahrscheinlich tausenden Bauarbeitern. Sonntag abend, 18 Uhr. Die meisten haben fassungslos geschaut. Es ist ja auch kaum erklärbar, weshalb man sich freiwillig und schneckengleich durch den Staub bewegt und durch Flüsse watet und dabei so komisch aussieht. Nach der Schreckstarre hat man uns aber enthusiastisch angefeuert. Wir kamen erst kurz vor Sonnenuntergang an. Es war der erste richtige Härtetest, das Schmutzbier lief glückliche, erschöpfte Kehlen hinunter, bestanden!


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