Welt. Kultur. Erbe.

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011
„Tag zur freien Verfügung“ steht auf dem Programm. Für Jürgen (und damit auch Vera) eher „zur freien Erholung“. Jürgen hat gut geschlafen, aber die Schmerzen im Schulterbereich sind sein ständiger Begleiter. Sein größtes Leiden ist jedoch, dass er nun die Radetappen nicht mehr mitmachen kann.

Keine zwanzig Jahre ist es her, da war Lijiang noch eine Stadt. Genauer gesagt eine Kleinstadt. Es gab eine Altstadt und eine Neustadt. Die Altstadt war rückständig, durchzogen von verwinkelten Steingassen, durch die kein motorisiertes Fahrzeug fahren konnte. Bebaut mit Häusern aus Holz und Lehm, die keine Kanalisation hatten und oft keinen Stromanschluss. Dort lebten die Menschen nicht wie vor zwanzig Jahren, sondern wie vor zweihundert Jahren. Fast jedenfalls. In der Neustadt standen Betonbauten der chinesischen Frühmoderne, errichtet nach Schema F, als gäbe es nur einen einzigen Architekten in China.

Dann wackelte die Erde, 1996 erschütterte ein heftiges Erdbeben die Stadt. Sicherlich war es nicht das erste Beben in dieser Region, denn während die Altstadt das Beben fast unversehrt überstand stürzten in der Neustadt die Betonhäuser massenhaft in sich ein. Hätten die neuen Architekten mal von den alten gelernt!

Dieser Umstand hat scheinbar die Weltkulturerbekommission beeindruckt, denn ein Jahr später, 1997, stand Lijiang auf der Liste. Was nun folgte war eine Kulturrevolution der zweiten Generation und sicherlich (hoffentlich!) nicht im Sinne der Kommission. Die Altstadt wurde praktisch entkernt und jedes zweite Haus in einen Laden, ein Restaurant oder ein Hotel für Touristen umgebaut. Hauptsächlich für chinesische Touristen, denn das alles geschah zu einer Zeit, als die Chinesen begannen ihr eigenes Land zu entdecken, weil sie plötzlich und zum Glück die Zeit und das Geld dafür hatten.

Heute ist Lijiang keine Altstadt und keine Neustadt mehr. Heute ist Lijiang Stadt des inländischen Tourismus. Ein alter Charme ist gegangen, ein neuer ist gekommen. Darauf muss man sich einfach einlassen.

Auch ich hatte heute meinen „Tag zur freien Verfügung“. Den habe ich unter Anderem damit genutzt mir Radhandschuhe zu kaufen. Die habe ich nämlich in Deutschland vergessen.

Die „Bilder des Tages“ zeigen unser Hotel in Lijiang. Nett, nicht wahr?

Und: 祝你生日快乐,哥哥!

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Der deutsche Patient

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Die heutige Besichtigung des Volkskrankenhauses von Lijiang stand nicht auf dem Programm, war also ein Zusatzangebot von China By Bike. Zugegeben, wir hätten auf den Besuch lieber verzichtet.

Es passierte nur wenige Kilometer hinter Shigu: Bei der Durchfahrt einer Mautstation touchiert Jürgen mit dem Pedal eine Bordsteinkante und macht einen schmerzhaften Kontakt mit dem Betonboden. Bei ca. 25 km/h. Äußerlich ist er mit einer Schürfwunde am Rücken davon gekommen, aber die linke Schulter ist geprellt. Es stand außer Frage, dass Jürgen heute nicht mehr weiter radeln konnte. Auch Vera und ich beschließen in das Begleitfahrzeug umzusteigen, um Jürgen eine qualvoll lange Fahrt auf dem Beifahrersitz zu ersparen. Statt Königsetappe also Krankenhaus.

Chinesische Krankenhäuser sind immer ein ganz besonderes Erlebnis. Bei einem einzigen Besuch lernt man fast den ganzen Komplex kennen. Das läuft dann etwa so ab: Zuerst in Gebäude 1, dort in der Schlange anstehen und für 4,5 RMB (etwa 45 Cent) ein Krankenbuch erstehen. Damit nach Gebäude 2, in der Schlange anstehen bis man vom Notarzt besichtigt und befragt wird. Keineswegs in geschlossener Abgeschiedenheit, die Schlange reicht bis in das Behandlungszimmer hinein und jeder bekommt das Wehwehchen von jedem mit. Ist ja auch interessant an was die Leidensgenossen so leiden.

Der Arzt ordnet eine Röntgenuntersuchung an. Also wieder zu Gebäude 1, an einer weiteren Schlange anstehen und die bevorstehende Röntgenbestrahlung bezahlen. Weiter zu Gebäude 3. Das Krankenhaus inklusive Möblierung strahlt den Charme der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts aus, aber das Röntgengerät ist ultramodern und Swiss made. Hier Ausnahmsweise keine Schlange, wir kommen gleich dran. Von Jürgens Schulter werden drei Aufnahmen geschossen, die innerhalb weniger Minuten entwickelt sind.

Zurück zum Notarzt in Gebäude 2. Die Schlange ist zum Glück etwas kürzer geworden. Der Notarzt schaut sich die Röntgenbilder an, stellt zu unserer Erleichterung fest, dass nichts gebrochen ist, verordnet aber eine vierwöchige Ruhe für den linken Arm und eine Tetanusspritze. Und schickt uns zurück zu Gebäude 1. Der Weg und das Procedere sind uns inzwischen vertraut, Schlange stehen und zahlen. Weiter zu einem neuen Schalter, zum Glück nicht in Gebäude 4, sondern ebenfalls in Gebäude 1. Wir stehen, diesmal ohne Schlange, quasi an der Materialausgabe des Krankenhauses. Dort erhalten wir Ampullen für die Tetanusspritze. Schnell zurück damit zu Gebäude 2. Neben dem Behandlungszimmer von Notarzt Dr. He (inzwischen kenne ich seinen Namen und bin mir sicher im Verlauf der Behandlung auch den Rest seiner Familie kennen zu lernen) bekommt Jürgen von einer Krankenschwester zwei Spritzen verpasst. Die Schürfwunde wird zwischendrin auch noch desinfiziert, in einem anderen Zimmer und von einer anderen Krankenschwester. Dann dürfen wir gehen.

Was vom Tag noch übrig blieb haben wir mit Ausruhen und Abendessen verbracht. Und dem Kauf einer schicken Armschlinge in der Altstadt von Lijiang. Die ist bestimmt handgewebt, hergestellt im Gebäude 4 vom Volkskrankenhaus.

Die ersten drei Fotos habe ich übrigens noch in Shigu geschossen. Vor unserer Abfahrt und dem fatalen Sturz sind wir nämlich mit Fahrer Wang über den Wochenmarkt von Shigu geschlendert. Hoffentlich war das nicht ein böses Ohmen, denn mit anderen Schriftzeichen kann Shigu auch „Unfall“ bedeuten.


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火把节, das Fackelfest

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Am Vorabend habe ich mich noch ein wenig mit Sean unterhalten. Sean, der eigentlich Xia Shanquan heißt, ist DAS touristische Urgestein der Tigersprungschlucht. Er war der erste, der eine einfache Unterkunft für ausländische Backpacker anbot, er hat den Höhenweg Streckenweise ausgebessert und vor allem ausgeschildert. Seine Berghütte hat er nach und nach ausgebaut, jetzt stehen mehrere komfortable Zimmer mit eigenem Badezimmer für die Gäste bereit. Seit elf Jahren übernachten unsere Gruppen bei ihm.

Da der gestrige Tag anstrengend war und uns heute nur eine relativ einfache und kurze Strecke bevor steht gönnen wir uns einen langen Schlaf, erst um 10:30 Uhr brechen wir von Seans Guest House auf. Wie schon die letzten Tage meint es das Wetter gut mit uns. Während der Wanderung gestern hatte es nur mal kurz getröpfelt und heute starten wir bei strahlendem Sonnenschein. Die ersten 22 Kilometer durch die Schlucht geht es immer wieder mal steil bergauf und wir blicken ein wenig furchtvoll die Abhänge zu unserer Rechten hinauf. Viele Felsbrocken auf der Straße zeugen davon, dass hier immer wieder mal ein Steinschlag abgeht. Aber wir schaffen es heile aus der Schlucht heraus zu kommen.

In Qiaotou treffen wir auf den Fahrer unseres Begleitfahrzeugs für die restliche Tour. Wie sich herausstellt kenne ich Herrn Wang schon seit über zehn Jahren, damals hat er noch im Verkaufsdepartment eines Hotels in Lijiang gearbeitet. Und seine Frau war es, die Volker und seine Gruppe auf der Reise Der Lange Fluss bis kurz vor Shanghai begleitet hat.

Für den restlichen Weg nach Shigu entscheiden wir uns für die neue Straße. Entlang der alten Straße wird gerade die Autobahnverlängerung von Dali nach Qiaotou gebaut, wie wir von der letzten Gruppe und Herrn Wang wissen.

Mittagspause machen wir in einem Ort, der laut Herrn Wang einfach nur Entwicklungsgebiet heißt. Kaum sitzen wir in der Garküche prasselt ein kräftiger Regen herunter. Wie passend. Es tröpfelt nur noch leicht als wir unsere Fahrt wieder fortsetzen und wir erreichen Shigu trocken.

Herr Wang lässt uns kaum Zeit zum Ausruhen. Denn heute ist das Fackelfest der Naxi und wir sind bei Herrn Wang, der in Shigu und Lijiang zu Hause ist, zum Abendessen eingeladen. Das Fackelfest wir von mehreren Volksgruppen in Yunnan und Sichuan gefeiert, darunter den Yi, Bai, Hani, Lisu, Naxi, Pumi und Lahu. Die genauen Ursprünge des Festes sind nicht bekannt. Vielleicht lässt es sich mit unserem Osterfeuer vergleichen. Fast jede Volksgruppe feiert an einem anderen Tag, aber immer um den 15. Tag des sechsten Monats nach dem Mondkalender herum. Drei Tage lang werden abends vor den Häusern Fackeln aus getrocknetem Holz angezündet.

Knapp eine Stunde nach unserer Ankunft in Shigu sitzen wir am üppig gefüllten Tisch, außer Fahrer Wang noch sein Vater, sein Bruder, und sein Schwager. Der fünfjährige Sprössling von Herrn Wang, Wang Hai, springt aufgeregt um uns herum, fuchtelt mit seiner Spielzeug-AK47 und demonstriert Kungfu-Künste. Kinder sind doch überall auf der Welt gleich. Männer auch, denn Opa Wang holt alsbald Hochprozentiges hervor und fordert uns kräftig zum Mittrinken auf. Teilweise erfolgreich. Als es endlich dunkel ist wird vor dem alten Haus die Fackel entzündet, ganz zum Entzücken von Wang Hai.
Leicht beschwipst stolpern wir durch die engen Gassen der Altstadt von Shigu zu unserem Hotel zurück.


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Weiche Knie auf dem Tiger Trail

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Jeder, der mal den Höhenweg in der Tigersprungschlucht erwandert hat, wird bestätigen können, dass er eine besondere Herausforderung für Leute mit Akrophobie ist. Sowohl Jürgen als auch ich kultivieren diese gesteigerte Form menschlichen Überlebenswillens. Bei Jürgen ist er erklärbar, vor ein paar Jahren hat er schmerzhafte Erfahrung mit dem freien Fall machen müssen. Bei mir ist es nicht erklärbar, urplötzlich war er da. Bzw. “sie“, denn manche Leute nennen es Höhenangst. 2007 fing es bei mir an, bei einer Wanderung auf der Großen Mauer von Simatai nach Jinshanling. Da bekam ich plötzlich auf einem steilen Abschnitt beim Blick nach unten Herzrasen, einen kurzen Atem und weiche Knie.

Blicke nach unten sind auf dem oberen Weg durch die Tigersprungschlucht nicht selten. Da gibt es Stellen, wo links die Felswand ist, rechts ein Abgrund von über 1.000 Meter und dazwischen ein schmaler Weg von 50 cm. So fühlt es sich jedenfalls an, wenn man Akrophobie zu seinen herausragenden Eigenschaften zählt.

Vera hingegen ist da ganz anders. Für sie gibt es keinen Abgrund, sie tänzelt vor uns her als würde sie einen dringenden Weihnachtseinkauf am 24. Dezember erledigen müssen. Und sie ist unsere Sicherheit. Unsere Gewissheit, dass man diese vermeintlich enge Passage durchaus überleben kann.

Wir sind um 7:15 Uhr aufgebrochen und um 19:15 Uhr bei Seans Gästehaus angekommen. Zwölf Stunden. Hätte ich meine Akrophobie voll ausgelebt wären es mehr geworden.


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The road less traveled by

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by

(Robert Frost)

Rund 40 Kilometer hinter Zhongdian, gleich nach der Mautstation, muss man sich entscheiden: Entweder man fährt auf der neuen, gut ausgebauten und verkehrsreichen Umgehungsstraße, oder man nimmt die alte Straße. Selbstredend haben wir die alte Straße genommen. Diese wird zwar nicht mehr gepflegt und zerbröselt an vielen Stellen zunehmend, aber dafür ist sie fast komplett Autofrei. Nur dreizehn Fahrzeuge habe ich auf den ganzen 30 Kilometer gezählt! Die ersten acht Kilometer davon sind noch ziemlich gemütlich. Dann kommt ein kurzer, aber knackiger Anstieg zum Pass auf 3.333 Meter und dann die lange Abfahrt. Gerade wegen der vielen Schotterabschnitte nahezu ein Paradies für Vera und Jürgen, die passionierte Mountainbiker sind. Aus Mangel an Gegenverkehr kann man die Kurven -so der Belag es zulässt- prima in Ideallinie fahren. Immer wieder Pause machen, die Landschaft genießen und ablichten, und weiter geht es hinab. So macht Fahrradfahren Spaß!

Wem wir unterwegs begegnet sind:
– Einem Mann, vor seinem Haus sitzend, genüsslich eine Wasserpfeife rauchend.
– Einem ca. 14-jährigen Jungen, der sich auf seinem Klappfahrrad ohne Mantel am Hinterrad zum Pass hinauf arbeitet.
– Zwei Hunden. Der eine kennt die Regel “Den letzten beißen die Hunde“ und hetzt hinter Jürgen her, der gerade das Schlusslicht bildet. Der andere kennt sie nicht und jagt mir hinterher, obwohl ich doch vorne fahre. Erwischt haben sie keinen von uns, mit einem Hund an der Hacke erreicht man plötzlich ungeahnte Geschwindigkeiten.
– Vier Studenten auf ihrem Wander(!)weg von Dali nach Lhasa. Vier Monate haben sie sich für das Projekt vorgenommen und Jürgen meinte ganz richtig, dass sie die zukünftige Elite des Landes bilden werden: Abenteuerlustig, innovativ und neugierig.

Erst um 17:30 Uhr kommen wir in Qiaotou an. Wir haben uns für die 96 Kilometer viel Zeit gelassen. Und jeden Meter davon genossen!


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Say a little prayer

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Noch immer zehrt die dünne Luft an uns. Vera hatte gestern das Abendessen ausfallen lassen, um ihre Kopfschmerzen zu kurieren.

Heute Vormittag geht es etwas besser. Wir steigern die Aktivität in der Höhenluft, eine längere Ausfahrt führt zunächst zum Dabaosi. Versuchen Sie mal, dieses Wort auszusprechen! Dabaosi ist ein Tempel ca. 20 Kilometer westlich von Zhongdian. Nicht etwa irgendein Tempel, nein, einer der bedeutensten Zwischenstationen einer Pilgerreise nach Lhasa! Also erst zum Dabaosi, dann zum Jokhang. So erläutert es uns Tensin. Wir hören gespannt zu, verstehen aber kaum etwas, da uns die (tibetisch) buddhistische Philosophie nicht gerade in die Wiege gelegt wurde. Komisch nur, dass wir nicht einem einzigen Pilger begegnen. Wir sind, von den Arbeitern (siehe unten) abgesehen die einzigen Besucher.

Viel interessanter: Der Dabaosi Tempel wird gerade neu erbaut (erfunden?)! Vor zwei Jahren wurde der alte Tempel abgerissen, um nun einem neuen Tempel Platz zu machen. Wir haben also eine Baustelle besichtigt. Aber so ist das mit der Vergangenheitsbewältigung in China, nicht nur hier und nicht nur jetzt. Schon immer wurden Gebäude abgerissen und komplett –oft im neuen Stil- wieder aufgebaut.

Netter als den Dabaosi fand ich den Besuch bei einer tibetischen Familie im Anschluss. Zugegeben, der Besuch war nicht wirklich spontan, die Familie ist an Ausländer gewöhnt und auch, dass sie einen Blick in ihre Wohnstädten werfen. Die anschließende Verköstigung von Yakbutter-Tee und hausgemachtem Käse und Fladenbrot gehört zu einem eingespielten Programm. Jedoch lebt diese Familie nicht von dem Programm, es ist ein ganz normaler Bauernhaushalt.

Anschließend Wellness. Nämlich knapp zehn Kilometer weiter in Heißen Quellen. Heiße Quellen sind genau das, was man sich nach einer luftleeren Fahrt mit dem Fahrrad wünscht. Gefühlte 35 Grad Wassertemperatur. Das erfrischt! Nun ja, uns hat es eher ein wenig ermattet. Zum Glück gab es einen kräftigen Schauer für die Rückfahrt. Die dicken Regentropfen haben wir noch im Trockenen abgewartet, die leichten Tropfen auf der Rückfahrt genossen. Wohl verpackt in entsprechender Regenbekleidung.


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Vergangenheitsbewältigung

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Vergangenheitsbewältigung, Teil 1
Im Frühflieger von Kunming nach Shangri-La erinnere ich mich zurück: Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren war ich das letzte Mal in Shangri-La. Damals hieß der Ort noch Zhongdian, und so wird er auch immer für mich heißen. Diese absurde Umbenennung, nur weil man hier den mystischen Ort aus James Hiltons fiktiver(!) Erzählung Der verlorene Horizont (englisch: Lost Horizon) meint gefunden zu haben, mache ich einfach nicht mit. Damals war es mein zweiter Besuch, der erste fand ein Jahr zuvor statt. Zhongdian war ein verschlafenes Nest, eher Gesichtslos mit den typisch chinesischen Betonbauten, die alle chinesischen Städte zieren. Der Verkehr war spärlich und es gab nicht eine einzige Ampel in den wenigen Straßen. Aber der Ort war im Umbruch begriffen: So gut wie jede Straße war eine Baustelle, denn der Fortschritt hielt Einzug und Schritt eins davon war die Verlegung einer Kanalisation! Baustellen in China stauben meist recht kräftig, daher witzelte einer meiner Teilnehmer damals, die Tour sollte doch eher „Südlich der Staubwolken heißen“.
Zehn Jahre später habe ich ein Déjà vu: Straßenbaustellen ohne Ende! Nun erfolgt Schritt fünf oder sechs des Fortschrittes. Alle Kabelleitungen, die bisher überirdisch und teilweise sehr abenteuerlich verlegt waren, werden nun unter die Straße verbannt. Vorher war das Motto „Unsere Stadt soll Moderner werden“, jetzt heißt es „Unsere Stadt soll Schöner werden“. Dazu passt auch…

Vergangenheitsbewältigung, Teil 2
Wenn es einen Eintrag für „Die jüngste Altstadt der Welt“ im Guinnes Buch der Rekorde gäbe, China wäre Rekordhalter. Überall im Reich der Mitte bekommen Städte von touristischem Interesse eine neue Altstadt verpasst. Dafür wird meist ein bestimmtes Viertel oder gleich das ganze Stadtzentrum komplett platt gemacht und an dessen Stelle etwas aufgebaut, was wie alt aussieht bzw. von dem chinesische Stadtplaner glauben und hoffen, dass die zukünftigen Touristen es für alt halten. Schöne bzw. nicht so schöne Beispiele sind Dali, Shanhaiguan und Datong. Um nur drei zu nennen.
Und auch Zhongdian. Die Altstadt ist ca. fünf Jahre alt.

Zurück zur Tour! Wie schon erwähnt durften wir den Frühflug von Kunming nach Shangri-La nehmen. Also den um 8:00 Uhr. Ankunft in über 3.000 Meter Höhe knapp eine Stunde später. Unsere erste Frage am Flughafen: „Gibt es hier auch irgendwo Sauerstoff“. Tensin, unser lokaler Reiseleiter für zwei Tage, lächelt verständnisvoll und bittet uns in den Bus einzusteigen. Kurze Fahrt zum Hotel, ein ebenso kurzes aber dafür teures Frühstück dort, denn unsere Zimmer sind noch nicht bezugsfähig.

Endlich dürfen wir auf die Zimmer, schmeißen unsere Sieben Sachen in die Ecke und präparieren unsere Fahrräder. Das liest sich flott, hat aber etwas länger gedauert. Zeitlupentempo ist alles, was Lunge und Herz erlauben. Nachdem die Räder unseren Wünschen entsprechen machen wir uns auf für die erste Ausfahrt mit Muskelkraft.
Auf dem Programm steht das Songzanlin Kloster. Dazu schreibe ich jetzt nichts, denn Tempel sind mir weniger wichtig als Alltagskultur (sagte ich das nicht bereits?).


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Gerichte-Geschichte

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Vor langer, langer Zeit gab es im Örtchen Mengzi in der Präfektur Diannan (dem heutigen Yunnan) einen gewissenhaften Intellektuellen, der sich auf die kaiserliche Prüfung vorbereiten wollte. Dazu muss man wissen, dass bei einer Beamtenprüfung die klassischen chinesischen Texte -also Konfuzius und Co- auf eine bestimmte Fragestellung hin zu analysieren und in Form eines Aufsatzes darzulegen waren. Dafür musste man die Werke vorher eingehend büffeln, denn sie standen während der Prüfung natürlich nicht zur Verfügung. Aber das nur als Hintergrundwissen.

Jedenfalls zog sich unser Student, nennen wir ihn in Ermangelung besseren Wissens einfach Yang, zum Zwecke des Studiums auf eine einsame Insel im Nan See zurück. Eine schmale Brücke verband das Ufer mit der Insel, und diese nutze Frau Yang täglich, um ihrem fleißigen Mann das Essen zu bringen. Doch oh weh, auf der Insel angekommen musste Herr Yang feststellen, dass das Essen kalt geworden war. Fast schon nicht mehr zu genießen. Und bekanntlich studiert ein leerer Bauch nicht gern.

Eines Tages jedoch schleppte Frau Yang eine Schüssel heißer Hühnersuppe über die Brücke und stellte auf der Insel entzückt fest, dass diese nicht nur warm, sondern gar siedend heiß geblieben war! Ihr kam eine Idee: Fortan brachte sie ihrem Gatten einen Bottich Hühnersuppe, kalte Reisnudeln und rohes Fleisch und Gemüse. Auf der Insel kippte sie alle Zutaten in die Brühe, welche noch heiß genug war, um die Ingredienzien zu garen.

Auf diese Weise wohlgenährt bestand Herr Yang die Prüfung mit Bravur, wurde ein angesehener Beamter und wenn er und seine Frau nicht gestorben wären, so lebten sie wohl heute noch. Das ist das Ende der chinesischen Version der Geschichte. Ich jedoch glaube, dass Herr Yang die Prüfung in den Wind geschossen hat und mit seiner Frau ein Restaurant eröffnete, welches als besondere Spezialität Über die Brücke Reisnudeln auf der Speisekarte führte. Denn so nannten sie das von Frau Yang erfunden Gericht. Und ich bin mir sicher, dass Frau Yang klüger war als ihr Mann…

Inzwischen und viele hundert Jahre später kann man Über die Brücke Reisnudeln in vielen Restaurants in Yunnan bekommen. Wir haben diese Frühform der Erlebnisgastronomie heute auch genossen, am Abend in einem Restaurant mit einer kurzen Geschichte von nur 105 Jahren. Aber geschmeckt hat es uns wie am ersten Tag. Dessen sind wir uns sicher!

Huch, jetzt habe ich doch glatt den heutigen Tag mit dem Abend begonnen. Was davor geschah: Frühes Aufstehen und Abfahrt Richtung Flughafen in Beijing bei strömenden Regen. Der Himmel schüttete, kannte kein Erbarmen und unsere Abreise fühlte sich eher wie eine Evakuierung an. Zu diesem Gefühl trugen auch die vielen Menschen am Flughafen und der um zwei Stunden verspätete Abflug bei.

Ankunft in Kunming bei heiterem Wetter und vergleichsweise milden 25 Grad. Im Schatten wohlgemerkt, denn in der Sonne spürt man die knapp 2.000 Höhenmeter, auf denen Kunming liegt, sofort. Kurze Pause und los zur Stadterkundung. Der Yuantong-Tempel ist natürlich ein Muss, auch wenn hier gerade umfangreich restauriert wird. Weiter zum Cuihu-Park, Garant für buntes Treiben und Alltagskultur. Sagte ich schon, dass mir Alltagskultur mehr liegt als Tempel und Paläste? Scheinbar nicht, aber dazu komme ich später noch. Nach dem Park ein Marsch durch Kunming, vorbei an neuen Bauten und der kaum noch vorhandenen Altstadt zu einem Restaurant, welches Über die Brücke Reisnudeln anbietet. Womit ich wieder am Anfang wäre: Vor langer, langer Zeit…


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Can you see us Major Yang?

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Bekanntlich ist die Chinesische Mauer das einzige Bauwerk auf der Erde, welches man vom Weltall aus sehen kann. Also haben wir ganz kräftig gen Himmel gewunken, als wir heute auf der Mauer bei Huanghua standen. In der Hoffnung, die Besatzung der ISS schaut just in diesem Augenblick aus dem Fenster auf den Blauen Planeten herab und steht auch noch zufällig gerade über uns. Später habe ich mich dann gefragt, ob die ISS überhaupt Fenster hat.

Alles Lüge, natürlich ist die Mauer mit dem bloßen Auge nicht aus dem Weltall zu sehen. Diese urban legend entsprang einer Zeitungsente. Selbst der erste chinesische Raumfahrer, der Taikonaut Yang Liwei, hatte seine Landsleute 2003 mit der Feststellung „Die Aussicht war wunderschön. Aber ich konnte die Große Mauer nicht sehen.“ enttäuschen müssen. Al Jazeera spöttelte damals mit dem leicht veränderten Text eines Songs von David Bowie (der Titel für den heutigen Blogeintrag ist also mal wieder nur geklaut).

Ein weiterer, fast nicht tot zu kriegender Mythos in Bezug auf die Mauer der zehntausend Li: Arbeiter, die während der Bauarbeiten gestorben waren, wurden kurzerhand eingemauert. Unsinn, ein toter Körper kompostiert, hinterlässt dann einen Hohlraum und würde somit die Stabilität der Mauer gefährden. Das wussten auch schon die alten Chinesen.

Die Mauer ist mein Lieblingsbauwerk in China. Heute bin ich es mental durchgegangen, bisher habe ich neun Abschnitte der Wehranlage besichtigt und erklettert. Darunter das Fort Jiayuguan, welches das westliche Ende der Mauer bildet, Shanhaiguan bzw. den Alten Drachenkopf, wo die Mauer bis in das Gelbe Meer hinein gebaut wurde, einen relativ unbekannten Abschnitt bei Dandong an der Grenze zu Nord-Korea und natürlich die Abschnitte in der Nähe von Beijing. Wie oft ich schon in Huanghua oder gar Simatai war ist meinem Gedächtnis entfleucht.

Heute also Huanghua zum x-ten Mal. Kurz vor unserer Ankunft hatte es geregnet und die Platten der teilweise sehr steil nach oben führenden Mauer waren noch glitschig. Also legten wir nach den ersten zwanzig Metern zunächst eine längere Pause ein. Aber dann kam die Sonne (endlich mal wieder etwas Sonne!) hervor, trocknete die Steine im Handumdrehen und Vera und ich wagten den weiteren Aufstieg bis zur ersten höheren Stelle des westlichen Abschnittes. Wen man dort nicht so alles trifft! Genau genommen waren wir fast allein auf der Mauer, aber oben trafen wir auf ein Quartett junger Backpacker, die den sehnlichsten Wunsch hegten einmal nackt auf der Großen Mauer zu stehen. Das haben sie dann auch gemacht.

Im Anschluss an die Mauer spazierten wir noch durch das Dorf Huanghua, entdeckten mit Papier bespannte Fenster und solar- und windenergiegespeiste Straßenbeleuchtungen. Alt und Neu, Tradition und Moderne dicht bei dicht!


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Hallo, Herr Kaiser!?

Südlich der Wolken, 16.07. bis 07.08.2011

Die Audienz bei Herrn Kaiser hatten wir uns etwas anders vorgestellt. Dass er im Himmelstempel nicht sein konnte war klar, dorthin kommt ja nur für ein paar Tage im Jahr, um für eine gute Ernte zu beten. Trotzdem haben wir uns die Anlage am Vormittag angesehen und waren von den tanzenden und singenden Beijinger im Park fast mehr angetan als von den Gebäuden selbst.

Am Nachmittag in der Verbotenen Stadt haben wir den Kaiser auch nicht getroffen. Oder vielleicht schlichtweg übersehen? Denn so viele Leute wie heute im Alten Palast (so der chinesische Name der Verbotenen Stadt) hatte ich selten erlebt. Klar, auch in China sind jetzt Sommerferien, daher trifft man nicht nur viele reisende Familien in den Sehenswürdigkeiten der Stadt, sondern auch ganze Schulen, die nach dem Motto „Lernen und Reisen“ ein Sommerschulprogramm durchführen. So zum Beispiel die Grund- und Mittelschulen aus Wuhan, die mit gefühlten tausend Schülern, einheitlich in gelben T-Shirts gekleidet, in der Verbotenen Stadt vertreten waren.
Die Menschenmassen haben bewirkt, dass uns der Palast schon nach etwas über einer Stunde am Nordtor ausspuckte. Dann doch lieber in die Wangfujing, Beijings Fußgängerzone, um ein Ladegerät für Vera und Jürgen zu erstehen und eine Limo zu schlürfen.

2008 hat IBM zusammen mit dem Palastmuseum ein kleines, kostenloses Programm entwickelt, mit dem man wie bei einem Computerspiel die Verbotene Stadt virtuell erforschen konnte. Als ich eben im Internet danach suchte, musste ich leider feststellen, dass es dieses Programm wohl nicht mehr gibt. Lediglich auf Youtube erhält man noch einen Eindruck davon.

Zwischen Himmelstempel und Verbotener Stadt stapften wir in den Fußspuren unserer Vorgängergruppe. Aber wir waren ja vorgewarnt, dass Dazhalan nun eigentlich Disneylan heißen muss. Und den Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens, der immer falsch mit Platz des Himmlischen Friedens übersetzt wird, haben wir natürlich auch überquert. Das gehört sich einfach so, wenn man in Beijing ist.

Pech haben wir etwas mit dem Wetter. Der Himmel ist Grau bedeckt, es ist schwülwarm und die kurzen Regenschauer gestern und heute sind eher wie ein Aufguss in der Sauna. Schade, als ich am Samstag nach Beijing kam war der Himmel noch fast blau. Der Dunst ist eher natürlichen Ursprungs und weniger dem Smog geschuldet. Der Taxifahrer, der uns gestern vom Flughafen ins Hotel gebracht hatte, erzählte mir, dass es in Beijing jedes Jahr nur 30 bis 40 Sonnentage gibt.


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