"Ein Thai würde lieber tot umfallen, als auf einem Rad gesehen zu werden!", erklärte mir ein thailändischer Freund. Radfahren in Bangkok fügt dieser Aussage eine Nuance hinzu: Hier kann man auf einem Rad sitzen und die Chancen stehen gut, innerhalb von Sekunden tot umzufallen; gefällt von einem thailändischen Truck, einem Tuk-Tuk oder einem der Millionen Motorroller, die dem Bangkoker Verkehrschaos am kreativsten trotzen. Den Motorrollern zu folgen, so merke ich schnell, ist die einzige Methode, heil durch Bangkok zu kommen.
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Doch noch stehe ich am Bangkoker Flughafen, eine Gewitterfront hängt seit Stunden über der Stadt und kübelt, statistisch gesehen, den Regen des gesamten Winterhalbjahres innerhalb von wenigen Stunden auf die thailändische Hauptstadt. Es ist kurz vor Mitternacht, der letzte Airport-Bus in die Stadt, meine einzige Alternative, scheint abgefahren zu sein. Dennoch, ich bin fest entschlossen, Bangkok mit dem Rad zu entdecken. Beflügelt durch die Lektüre des Buches "The World Most Dangerous Places" während der letzten Wochen, hatte ich beschlossen, dem Buch in Gedanken ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.
Mit der ausgestreckten Hand prüfe ich den Feuchtigkeitsgrad jenseits der Eingangsüberdachung. Zu meiner Überraschung tröpfelt es nur. Der Regen scheint langsam aufzuhören, und so befestige ich meine Fahrradtaschen am Rad, ziehe den Reißverschluss meiner Regenjacke bis unter das Kinn zu, schwinge mich auf mein Rad und radle los. Nach einer kleinen Zubringerbrücke erreiche ich die Flughafenautobahn. Eigentlich wollte ich die Autobahn meiden, weniger aus Gesetzestreue als vielmehr aus Sicherheitsbewusstsein, aber die Bangkoker Verkehrsplanung scheint nicht auf Fahrräder eingestellt zu sein. Alternativen zur Autobahn gibt es nicht. Ich fahre durch ein Labyrinth aus Auf- und Abfahrten, die sich von der Straße, auf der ich fahre, in drei Ebenen zum Horizont schrauben. Während ich mich noch orientiere, prasseln plötzlich mehre Kubikmeter Wasser auf mich hinab. Ein Blick zurück erklärt den plötzlichen Regenguss. Durch die mehrstöckigen Viadukte geschützt, war ich immerhin zwei Kilometer im Regenschatten gefahren. Nun stehe ich mitten in einem tropischen Wolkenbruch und schätze meine Optionen ab. Zurück zum Flughafen fahren geht nicht. Es ist gefährlich genug, in der richtigen Richtung auf einer thailändischen Autobahn zu fahren. Gegen den auch kurz vor Mitternacht immer noch dichten Strom von Autos und Bussen in Gegenrichtung "zurückzuschwimmen" scheint mir die schlechteste Lösung. Nach weiteren 500 Metern erreiche ich eine überdachte Bushaltestelle. Eng gedrängt stehen etwa 20 Thailänder unter dem kleinen Dach. Mit meinem durchnässten Fahrrad mache ich mich nicht gerade beliebt, als ich mich unterstellen möchte. Hilft also nur weiterfahren, noch einmal alle Verschlüsse festzurren, und auf die versprochene Wasserdichtheit der Packtaschen hoffen.
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Nach weiteren zwei Kilometern verstöße ich, sollte ich weiterfahren, auch offiziell gegen das Gesetz. Ein mir unbekanntes aber nichtsdestoweniger deutliches Verkehrsschild verbietet Motorrädern, Tuk-Tuks und Fahrrädern die Weiterfahrt. Daneben ein Polizeihäuschen. Zwar bezweifle ich, dass die Polizisten bei diesem Regen ihren Unterstand verlassen würden, nur um einen verrückten Westler aufzuhalten, dennoch habe ich genug von der Autobahn und biege links in die Seitenstraße ab. Das heißt, die Seitenautobahn, die anscheinend offen für Zwei- und Dreiräder ist, wie mir klar wird, als ein Tuk-Tuk um Haaresbreite an mit vorbeifährt und mich von unten bis oben nass spritzt. Anscheinend entsteht hier eine Art Autobahnzubringer, da auf beiden Seiten Baumaschinen stehen. Große Sandhaufen werden vom Regen auf die Straße gespült und hinterlassen einen unangenehmen Schmierfilm. In der Ferne weisen grelle, regenverschwommene Neonleuchten auf einen Straßenmarkt hin. Bei einer großen, dampfenden Nudelsuppe wärme ich mich unter fragil wirkenden Plastikplanen auf und werfe einen Blick auf den Stadtplan. Die Straße, auf der ich fahre, ist als kleine Nebenstraße eingezeichnet. Der Plan ist von 2004. Soviel zur rasanten asiatischen Entwicklung. Der Regen scheint ein wenig aufzuhören, das heißt, es regnet nur noch Hunde, keine Katzen mehr. In geschätzten zwei Kilometer Entfernung deutet sich eine Straßenkreuzung an. Die Kreuzung entpuppt sich als Roundabout, von dem acht jeweils vier- bis sechsspurige Straßen sternförmig abgehen. Straßen, die alle in meinem Stadtplan nicht vorkommen. Mein GPS zeigt schon seit einer Stunde gar nichts mehr an. Ich beschließe nach Orientierungssinn zu fahren und biege nach einer 240 Grad Umrundung des Kreisverkehrs in eine Straße ein, die nach meinem Gefühl Richtung Süden, das heißt Richtung Innenstadt führt. Hier gibt es sogar einen Randstreifen, der, wenn auch knöcheltief mit Wasser bedeckt, einen kleinen Sicherheitsabstand zwischen mich und dem immer noch dichten Verkehr bringt. Jedes Auto bedeutet eine mittlere Flutwelle, die Richtung Randstein schwappt. Nach weiteren zehn Kilometern kommen mir zum ersten Mal Zweifel an meiner geistigen Gesundheit. Die wenigen Menschen auf der Straße, schauen mich an, als hätten sie einen Geist gesehen. Als ich an einer Kreuzung fast in einen Elefanten fahre, kommen mir zudem Zweifel an der Fahrtrichtung. Zwar hatte der Elefant, wie anscheinend vorgeschrieben, einen roten Rückstrahler am Schwanz, aber im dichten Regen hatte ich ihn trotzdem zu spät gesehen. In der Bangkok Post vom Vortag hatte ich gelesen, dass arbeitslose Elefanten, die in den großen Städten um Futter betteln, auch in Bangkok zunehmend ein Problem sind; nach meiner Schätzung müsste ich jedoch bereits im Innenstadtbereich sein, und da sind Elefanten auch unter den geschilderten Umständen eher selten. Das GPS, das inzwischen anscheinend wieder funktioniert, zeigt meine Fahrtrichtung als Norden an und eine Position etwas südlich von Bang Pa-In, dem königlichen Sommerpalast. Das kommt mir doch seltsam vor und ich steuere ein Tankstelle an. Die Verständigung gestaltet sich schwierig, da der Tankwart wohl zum ersten Mal einen Bangkoker Stadtplan in der Hand hält.
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Ich versuche es mit Handzeichen, zeige in eine Richtung und frage "Norden?" Er nickt. Ich zeige in die Gegenrichtung und sage "Süden!" Wieder nickt er. Um sicher zu gehen, wechsele ich die Richtungen aus und frage noch einmal. Wieder nickt er. Auch eine Polizeistreife kann mir nicht weiterhelfen. Schließlich entdeckt ein Taxifahrer die Hochbahn auf der Karte und zeigt in meine bisherige Fahrtrichtung. Tatsächlich kann man die Viadukte der Bangkoker S-Bahn in der Ferne erahnen. Entlang der Hochbahn zu fahren erweist sich dann als einfach. Einzig allein die überforderte Kanalisation lässt mich wünschen, ich säße auf einem Hochrad. Zuweilen steht mir das Wasser bis kurz unter die Knie. Wenn es denn nur Wasser wäre, das da aus den Gullis quillt!
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Für den Weg zurück zum Flughafen habe ich mich gut vorbereitet. Mein GPS funktioniert wieder, der Stadtplan von Bangkok klemmt in der Sichttasche meiner Lenkertasche, und zum Mittagessen, zwei Wantansuppen in Chinatown, hatte ich zwei Flaschen Singha-Bier. Schien mir der Bangkoker Nachtverkehr bereits dicht, so gleichen die Hauptstraßen während des Tages eher Parkplätzen als Verkehrswegen. Kurz hinter dem Hauptbahnhof ?? beschließe ich, in die Seitenstraßen abzubiegen, um dem stillstehenden Verkehr zu entfliehen. Die Entscheidung bereue ich sofort: Ich befinde mich in Chinatown. Im Gewirr aus Obstständen, Kramläden, Händlern und Touristen vorwärts zu kommen ist noch schwieriger als eine durchschnittliche Bangkoker Hauptverkehrskreuzung in drei Ampelphasen zu überqueren.
Es lässt sich gut Radfahren in Bangkok, vorausgesetzt, man hat zwei Flaschen Singha-Bier intus und tendiert zum Masochismus. Wen dieser Artikel nicht abgeschreckt haben sollte, der sollte jedoch erst auf der heimischen Stadtautobahn üben.