Wasserbüffel und Hochhäuser
von Volker Häring
erschienen in der "Drachenpost", 3/99

An Radfahrer in allen Lebens- und Straßenlagen müßten die Chinesen gewöhnt sein, sollte man glauben. Das Fahrrad ist trotz zunehmender Motorisierung immer noch Fortbewegungsmittel Nummer eins in China. Halbe Schweine werden auf den Rädern genauso zum nächsten Markt transportiert wie Möbel, und selbst große Strecken werden auf dem Land oft mit dem Fahrrad überwunden.


Das hatten die Chinesen jedoch noch nicht gesehen: Eine Gruppe Laowai (=Ausländer), die auf Drahteseln durch die Guiliner Karstlandschaft strampeln, "Wo es doch jetzt so eine tolle Busverbindung gibt", wie ein Chinese kopfschüttelnd anmerkt. Die chinesischen Cafébesitzerin Yangshuo, einer kleinen Stadt am Li-Fluß und der Ausgangspunkt unserer Reise, kommentieren unser Vorhaben mit einem Lächeln und einem ironischen "Ihr seid verrückt, ihr Ausländer!"

Als wir um 6.30 Uhr aufstehen, dämmert gerade der Tag. Nebelschwaden verhüllen noch die charakteristischen Karstkegel und lassen nur von Zeit zu Zeit eine Bergspitze durchscheinen. Langsam erwacht das Leben in Yangshuo, die ersten Cafés öffnen ihre Türen. Unser letztes westliches Frühstück: Toastbrot mit Marmelade, Pfannkuchen und Nescafé. Um 8.00 Uhr wartet das gemietete Boot am Hafen auf uns. Unser erster Tag auf Achse! Wir fahren das kurze Stück vom Hotel zur Anlegestelle und verladen unsere Räder auf das Boot.

Noch liegt etwas Nebel auf dem Fluß, doch langsam kämpft sich die Sonne durch und enthüllt uns eine magische Landschaft: Bizarre Karstkegel die über dem Wasser zu schweben scheinen. Viele Kegel tragen Tiernamen und wenn man genau hinschaut (und weiß, welches Tier der Berg darstellen soll) kann man z.B. den Rüssel des Elefantenhügels erkennen. Diese Landschaft ist es auch, die wir auf vielen klassischen chinesischen Bilder finden und die in chinesischen Gedichten besungen wird.

Das Boot bringt uns 30 km stromaufwärts. Wasserbüffel grasen am Ufer, kleine Bambusflöße mit Komoranfischern kommen uns entgegen. Liu, der Kapitän hat seine kleine Familie mit an Bord gebracht und so ergibt sich ein zwangloses Gespräch, "liao tianr", vom Himmel schwätzen, wie die Chinesen sagen. Wenn er genug Geld gespart hat, wird er sich eingroßes Boot kaufen, so eins, mit denen die Pauschaltouristen reisen, mit getönten Scheiben und einem goldenen Drachen am Bug. Daß es gerade ein einfaches Holzboot wie seines ist, auf dem wir fahren wollen, kann er nicht verstehen.

Zum Mittagessen gibt es gebratenen Eierreis mit Gemüse, den Lius Frau für uns zubereitet. Nach vier Stunden Flußfahrt sind wir in Yangdi, einem kleinen Fischerdorf am Li-Fluß angekommen und fahren mit den Räder weiter nach Guilin. Zwischen Karstkegeln gelegen hat Guilin den Ruf, eine der schönsten Städte Chinas zu sein. Mit fortschreitender Modernisierung ist der Ruf geblieben und ein Blick von einem der Hügel auf die Stadt ist immer noch ein Erlebnis. Unten auf den Straßen allerdings drängen sich die Autos zwischen blitzenden Neubauten und Leuchtreklamen. Ein Bild, das einem alle großen chinesische Städte heutzutage bieten. "Bis zum Jahre 2020 soll jede dritte chinesische Familie ein Auto besitzen", erzählt uns ein Busfahrer, und am Verkehrschaos seien die vielen Fahrräder schuld. China sei ein rückständiges Land, sagt er achselzuckend. In der Liste der meistverschmutzesden StädteAsiens, die "Newsweek" 1994 veröffentlichte, waren fünf chinesische Städte unter den Top Ten.

So verlassen wir Guilin so rasch wie möglich in Richtung Berge. Die Karstkegel weichen langsam den Ausläufern eines Mittelgebirges. War Guilin noch eine der touristischen Hauptattraktionen Chinas, so begeben wir uns nun ins touristische Niemandsland. Ein vielstimmiges "Hallo" schalltuns in jedem Dorf entgegen, das wir durchfahren. Kinder rennen lachend hinter unseren Fahrrädern her, alte Männer mit langen grauen Bärten unterbrechen ihr Schachspiel. Die Region, durch die wir fahren ist hauptsächlich von Minoritäten bewohnt. China ist ähnlich wie die ehemalige UdSSR ein Vielvölkerstaat; insgesamt 55 sogenannte "nationale Minderheiten" sind offiziell von der chinesischen Regierung anerkannt. In Longsheng, unserer nächsten Station, treffen wir auf die Miao, die Zhuang und die Yi. Auf dem Weg zur den in der Nähe liegenden heißen Quellen werden wir von einer Zhuang- Familie zu einigen Snacks und Tee eingeladen. Es gibt gekochte Wasserkastanien und gesalzene Erdnüsse. Zentrum des Wohnraumes ist der Hausaltar; über einer Buddhafigur hängen Marx-, Engels-, Lenin-, Stalin- und Mao Zedong -Portraits: Alte neben modernen Schutzgeistern.

Es ist chinesischer Nationalfeiertag, der 1. Oktober, der Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949. In den Straßenrestaurants ist kaum ein Platz zu finden. Es wird gefeiert, und mit der Reformpolitik haben auch die alten kulinarischen Spezialitäten ihren Weg zurück auf die Festtagstische gefunden. Die Festtagsgesellschaft neben uns ißt rotgebratenen Hund, Schlangensuppe und Froschschenkel. Dazu gibt es reichlich Bier und einige Flaschen "Ergoutou", 65prozentigen Schnaps. Einige Mitglieder unserer Gruppe kommen auf den Geschmack, und so steht auch bei uns in den nächsten Tagen einmal Schlange auf dem Speiseplan. "Schmeckt wie Huhn mit Gräten", ist die einhellige Meinung, der Kitzel des Besonderen kommt nur auf, als der Küchenchef das Blut der frischgeschlachteten Schlange in das eine, die Galle in das andere Schälchen preßt, mit Alkohol aufgießt und uns zum Trinken anbietet. Das soll gut für die Durchblutung und die Potenz sein, trotzdem können sich die wenigsten dazu überwinden, auch nur zu nippen.

Doch auch jenseits der Schlangen und Hunde gibt es einiges in der chinesischen Küche zu entdecken. Neben Süß-und-Sauer-Schweinefleisch und den auch bei uns bekannten chinesischen Speisen sind es vor allen die Gerichte der Minoritäten, die uns schwärmen lassen: Fisch im Bambusrohr, gebackene Fleischspieße, gemischtes Gemüse auf heißer Eisenplatte. Da ist es gut für unsere Linie, daß wir fast jeden Tag auf den Fahrrädern sitzen; zwischen 50 und 90 km sind unsere Tagestouren lang; es bleibt viel Zeit für Pausen, zum Mittag gibt es meist gebratene Nudeln, abends wird geschlemmt.

Die nächste Station ist Sanjiang, im autonomen Gebiet der Dong-Minorität. Die Dong sind bekannt für ihre "Wind-und-Regenbrücken", große, überdachte Holzbrücken mit kunstvoller Schnitzerei und Bemalung. Zwei dieser Brücken können wir auf einem Tagesausflug zu einem Dong-Dorf bewundern. Sanjiang beschert uns auch einen Besuch bei der Polizei; angeblich würden wir illegal in unserem Hotel wohnen und müßten nun Strafe zahlen. Nur bestimmte ( zumeist die teureren, aber nicht notwendigerweise besseren) Hotels sind für Ausländer geöffnet, dieses, so der Polizist, sei es nicht. Wie oft in solchen Situationen in China findet man einen Kompromiss; wir zahlen eine kleine Strafe und dürfen weiterhin in unserem Hotel wohnen, und wir haben Visitenkarten mit dem Polizistenausgetauscht, der zufälligerweise auch touristische Touren in die Umgebung anbietet und auf Zusammenarbeit bei späteren Reisen hofft.

Auf dem Weg von Sanjiang nach Rongshui tauchen wieder Karstkegel am Horizont auf, wir fahren durch ein breites Flußtal. Ein Wasserkraftwerk befindet sich in Bau, die Energieversorgung in China kann nicht mit der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung Schritt halten, so ist Strom knapp und die chinesische Regierung setzt alles daran, diesen Energienotstand zu beheben. Von den Auswirkungen der Reformpolitik ist in Rongshui jedoch nicht viel zu sehen, die Stadt wirkt wie in den frühen 70er Jahren stehen geblieben, ungewöhnlich viele Menschen auf der Straßetragen immer noch den Mao-Anzug, und es gibt kaum private Geschäfte. Einzig die als Friseurgeschäfte getarnten Massagesalons gibt es auch hier; Prostitution ist das am meisten boomende Geschäft in China, auch eine Folge der wirtschaftlichen Reformen.

Von Rongshui zurück nach Guilin überqueren wir noch einmal eine Bergkette. So manch ein Mitglied der Gruppe stöhnt beim Aufstieg, doch werden wir auf der Paßhöhe für alle Anstrengungen mehr als entschädigt. Wir blicken auf Karstkegel bis zum Horizont und dann geht es in rasanter Anfahrt hinunter in das Li-Fluß-Tal, zurück nach Yangshuo.

Vor dem Rückweg nach Deutschland machen wir in Beijing (Peking) Station. Auch hier wird uns der extreme Kontrast zwischen Stadt und Land in China klar. Wäre da nicht die "Verbotenen Stadt" im Zentrum Beijings, man könnte die Stadt für eine westliche halten. Wir sind in der "Wangfujing", Beijings größter Einkaufsstraße. Die größte McDonalds-Filiale der Welt gibt es hier, nebenan mußte ein Peking-Oper-Theater und ein Buchladen weichen, wo jetzt ein riesiges Einkaufszentrum, Großinvestition eines Hongkonger Geschäftsmannes, entsteht. "Benetton" ist hier genauso vertreten wie "Kentucky Fried Chicken". Um die Ecke gibt es noch einige Reste des alten Beijing: Schmale Gassen mit einstöckigen Hofhäusern. Was auf westliche Touristen oft romantisch wirkt, ist in Wirklichkeit einhartes Leben. In diesen Häusern gibt es kaum sanitäre Einrichtungen, und im Winter sorgt nur ein rußender Kohleofen für Wärme. So ist es Traum vieler Chinesen, in einem der Hochhäuser an der Peripherie Beijings zu wohnen. Aber es gibt auch den umgekehrten Trend; wer es sich leisten kann, kauft eine alte Hofanlage im Zentrum und renoviert sie, baut Bad und Toilette ein, und manchmal sogar einen Swimmingpool.

Der Unterschied zwischen arm und reich ist im einst so egalitären China wieder größer geworden. Neben einigen Superreichen gibt es wieder Hunger in China. Extrem sind die Gegensätze zwischen Stadt und Land. Während Städte wie Beijing, Shanghai und Guangzhou (Kanton) in vielen Bereichen schon Westniveau erreicht haben, scheint sich in manchen ländlichen Gebieten in den letzten 50 Jahren kaum etwas verändert zu haben. Uns haben beide Extreme erstaunt, wie so vieles auf dieser Reise, die uns abseits der ausgetretenen Touristenpfade geführt hat. Geblieben ist neben der Faszination auch Nachdenklichkeit, und so manches Chinabild geriet ins Wanken. Für viele in der Gruppe war klar, daß dies nicht die letzte Reise nach China war.
 

 

 

 

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