"I say hello, you say goodbye!"
Mit dem Fahrrad durch Kambodscha

"Wir bitten Verzögerungen zu entschuldigend, die durch das neue Computersystem entstehen könnten!", steht an jedem Grenzschalter. Ein Land mit Sinn für Humor, denke ich mir. Ein effizientes zumindest. Obwohl um die 30 Reisende gleichzeitig ein Grenzvisum beantragen, dauert es gerade fünf Minuten, ehe ich mein Visum in der Hand halte. Hinter dem Schalter sitzen aufgereiht acht Kambodschaner, Männer und Frauen. Erste Station: Entgegennahme der Pässe, zwei Beamte. Dann erster Check, Vergleich des Visaformulars mit dem Pass, zwei Personen. Zwei Personen kleben das Visum in den Pass. Die übrigen zwei schlagen die Pässe auf der Lichtbildseite auf und ordnen die Pässe erstaunlich sicher den wartenden Personen zu und kassieren 20 US Dollar für das Visum. Fünf Minuten! Eine normale Einreise nach Hongkong dauert ohne Visum eine Stunde. Eine knappe halbe Stunde nach der Landung habe ich alle Einreiseformalitäten erledigt, mein Gepäck und mein Fahrrad unbeschädigt vom Gepäckband genommen und stehe vor dem Flughafen..

  
Die Straße vom Flughafen in die Innenstadt Phnom Penh säumen zumeist niederstöckige Häuser, das Erdgeschoß dient als Laden, die Stockwerke darüber als Wohnung. Überall chinesische Zeichen. Nach ca. 10 km überquere ich den Mao-Zedong-Boulevard. Ein Blick auf den Stadtplan verrät mir, dass es in der Nähe auch noch einen Boulevard gibt, der nach Charles de Gaulle benannt ist. Besser könnte man die letzen 50 Jahre kambodschanischer Geschichte nicht beschreiben als durch die Namensgebung seiner Hauptstadtstraßen. Es waren die Franzosen, Chinesen und Vietnamesen, die wesentlich die Geschicke Kambodschas beeinflußten. Ich suche auf dem Stadtplan vergeblich nach einem Ho-Chi-Min-Boulevard. Zwar waren es die Vietnamesen, die mit ihrem Einmarsch 1978 die brutale Herrschaft der Roten Khmer beendeten, sie wurden in Kambodscha aber auch immer als Fremdkörper betrachtet. Zumal Vietnam wesentlichen Anteil daran hatte, dass der Kambodscha-Konflikt eskalierte. Die andere fremde Macht, die zur Eskalation beitrug, waren die USA. Einen Kennedy-Boulevard braucht man folglich erst gar nicht suchen. An einem der nächsten Tage finde ich die "Straße der EU", wie ein frisch aufgestelltes Straßenschild verkündet. Die Straße ist teils asphaltiert und teils mit Schlaglöchern übersäht. Es scheint, als wäre die Stadtverwaltung Phnom Penhs auf Augenhöhe mit der europäischen Gegenwart.

  
Der Verkehrsfluß in Kambodscha ist, um es positiv auszudrücken, kreativ. Obwohl ich asiatischen Verkehr aus China, Laos und Thailand gewöhnt bin, erschrecke ich zuweilen, wenn mir ein Auto, ein Motorrad oder ein Cyclo mit der jeweiligen Höchstgeschwindigkeit direkt entgegen kommt. Neben den Motorrädern sind die Fahrradrikschas die auffälligsten Verkehrsteilnehmer in Phnom Penh. Ich versuche, die Passagiere der Cyclos, der Fahrradrikschas, zu zählen. Ein Pärchen in inniger Umarmung. Eine Familie mit Vater, Mutter und Kind. Noch eine Familie mit zwei Kindern und einem Baby, das sich an die Brust der Mutter schmiegt. Eine ältere Frau, acht prall gefüllte Einkaufstüten und ein kleines Kind, das auf einer der Einkaufstüten thront. Vier Teenager, anscheinend auf dem Weg in die Disko, Bierflaschen in der Hand. Fünf Kästen Bier und zwei Ananas. Eine Zapfsäule mit dazugehörigem Benzinfaß. Die kambodschanischen Fahrradrikschas erinnern eher an die Hochräder des 19. Jahrhunderts als an moderne Fahrräder. Der Fahrer sitzt ungewöhnlich hoch und damit seltsam aufrecht, was eine gewisse Würde ausstrahlt. Dementsprechend bewegen sich die Rikschafahrer durch den Straßenverkehr: Ruhig und in der Gewißheit, beachtet zu werden. Da hat man es als gewöhnlicher Radfahrer ungleich schwieriger. Fahrrad fahren in Phnom Penh ist, vor allem abends, wenn einem die Motorroller zuweilen ohne Licht entgegengeschossen kommen, nur absolut geübten Radlern zu empfehlen.

  
Auf meinem Weg in die Innenstadt habe ich die Wahl zwischen breiten, gut ausgebauten Boulevards mit autobahnähnlichem Verkehr und kleinen, von baufälligen Kolonialbauten flankierten Gassen mit Bombenkrater großen Schlaglöchern. Ich wähle letztere und fahre durch spärlich beleuchtete Nachtmärkte bis mich die Lichter der Uferpromenade des Tonle Sap blenden. Auf großen Leuchtreklamen werden Pizza, westliches Essen und Cocktails angepriesen. Westliche Touristen im neokolonialen Outfit flanieren die Straße entlang und vergleichen Speisekarten. Auf der anderen Straßenseite führt eine breite Promenade am Ufer entlang und eröffnet den Blick auf den Tonle Sap. Am gegenüberliegenden Ufer Dunkelheit. Als scharfer Kontrast zur kolonialen Urbanität Phnom Penhs, so werde ich am nächsten Tag im Tageslicht sehen, gibt es auf jener Seite nur Reisfelder und Holzhütten.

  
Ein Bild, das mich auch auf meiner Bootsfahrt nach Siem Reap begleitet. Mein Fahrrad konnte ich ohne Probleme auf das Schiff, ein modernes Schnellboot nehmen. Nach zwei Stunden Fahrzeit verschwinden die Reisfelder langsam am Horizont und das Schiff fährt in den Tongle Sap, mit je nach Saison 3.000 bis 10.000 Quadratkilometern Fläche wichtigstes Wasserreservat Kambodschas. Bei der Ankunft am Hafen von Siem Reap habe ich zum ersten Mal, seit ich durch Südostasien reise, das Gefühl, durch einen Slum zu fahren. Notdürftig zusammengezimmerte Hütten aus Holz und Blech, nackte Kinder. Die Brühe, auf der uns das Zubringerboot zum Ufer bringt, stinkt erbärmlich. Fischer stehen bis zu den Schultern im Wasser und ziehen, jeweils zu dritt, ein langes, selbstgeflochtenes Netz durch das Wasser. Ich beschließe, für ein paar Tage keinen Fisch mehr zu essen. Da die Vogelgrippe zwar nicht meine Lust auf das liebe Federvieh, jedoch das Angebot desselben arg eingeschränkt hat, bleibt mir nur noch die Flucht zu den Meeresfrüchten. Was wiederum in Kambodscha nicht die schlechteste Wahl ist.

Die nächsten drei Tage entdecke ich Angkor, die historische Hauptstadt der Khmer mit dem Rad. Vom nördlichen Stadtrand Siem Reaps führt eine gut ausgebaute Straße zu den Tempelanlagen. Nach zwei Kilometern erreiche ich das große Eingangstor, das eher einer Mautstation gleicht. Ich habe kaum angehalten, schon stürzen sich ein Mann und eine Frau in Uniform auf mich. Ich frage nach einem Drei-Tagesticket.

  
"Ok sir, valid three days, no refund, if you skip one day, no more day, if you loose it you have to buy again!" Der Satz klingt auswendig gelernt. Der Ticketverkäufer scheint gut geschult zu sein. Er fragt mich nach dem Passphoto. Ich gebe es ihm und er ermahnt mich: "Ok sir, valid three days, no refund, if you skip one day, no more day, if you loose it you have to buy again!" Nach einer Minute kommt er zurück und bittet mich um ein wenig Geduld. "You see, sir, valid three days, no refund, if you skip one day, no more day, if you loose it you have to buy again!" Weitere zwei Minuten und ich habe meinen Dreitagepass. "Ok sir, valid three days..., ruft er mit hinterher, während ich bereits wieder in die Pedale trete.

  
"Du fährst mit dem Fahrrad nach Phnom Penh?" fragt mich der Manager meines Hotels, dem Pavillon Indochine. "In den Achzigern sind die Leute hier mit ihren schweren chinesischen Fahrrädern einmal im Monat nach Poipet an die thailändische Grenze gefahren, um Sachen zu kaufen. Ui, das war schwierig! Teilweise mußten sie über die Reisfelder fahren, weil überall Kontrollen waren. Die Polizei und manchmal auch die Khmer Rouge. Die haben dir dann alle Kleidung abgenommen und dich, wenn du Pech hattest, als Soldat zwangverpflichtet. Geld hatten die Leute nicht, nur Gold, und das haben sie in den Radrahmen versteckt." Er schaut mich lange an. "Heute ist alles besser, die Leute wollen nicht mehr Rad fahren, nur mit dem Moto, lange Strecken mit dem Auto!" Poipet ist ca. 200 km von Siem Reap entfernt, heute führt eine gut ausgebaute Landsstraße bis an die thailändische Grenze.

  
Richtung Süden, nach Kampong Thom, sind es 150 km. Obwohl mir der Manager versichert, dass die Straße gut ausgebaut sei, bin ich skeptisch. Zu Recht, wie sich herausstellt. An der Ortsausfahrt Siem Reap verkündet ein neues Verkehrsschild den Beginn der Autobahn Siem Reap - Phnom Penh. Bundesstraße wäre die treffendere Bezeichnung, doch selbst diese Herrlichkeit währt nur 25 Kilometer. Es wird gebaut, wie fast auf der gesamten Strecke nach Phnom Penh. Immer wieder begleiten mich Schüler mit dem Rad, Kinder am Straßenrand winken mir zu und schreien "Hello, goodbye!". Wie oft kann man am Tag "Hello!" sagen? Ich habe mir angewöhnt, zuweilen nur noch die Hand zu heben, doch nun habe ich Muskelkater vom vielen Winken und kambodschanische Straßen bergen unzählige Überraschungen auf der Schlagloch-Ebene, so dass Einhändigfahren nicht angeraten ist. "Hello, goodbye!" in der Endlosschleife. Mir gehen die Beatles schon seit Tagen nicht aus dem Kopf: "I said hello, you said goodbye!" Wenigstens etwas, was mich von den Schlaglöchern und dem konstanten Gegenwind ablenkt.

  
Etwa 100 Kilometer vor Phnom Penh ist die Straße nur noch Dreckpiste, roter Schlamm, und dort, wo die Baufahrzeuge ihn noch nicht gewässert haben, roter Sand. Ein westliches Pärchen kommt mir auf einem Tandem entgegen und sieht wie eine Saharaexpedition aus. 40 Kilometer von einem Schlagloch in das nächste, bei sandbedingten Sichtweiten von weniger als fünf Metern. Endlich wieder Asphalt unter den Reifen, mache ich in Sampong Chey Pause. Ein kambodschanischer Mann Mitte 50 nimmt meine Radfahrer-Sonnenbrille und setzt sie auf. Er blickt um sich und erwartet wohl so etwas wie Anerkennung. Die Kambodschaner um ihn herum ignorieren ihn. Ich bedeute ihm, das sie ihm steht. Er ist skeptisch, schaut noch einmal durch die Brille, spuckt auf die Gläser und wischt sie dann mit seinem Hemd frei von einer einige Millimeter dicken Staubschicht. Nach dem Mittagessen sehe ich die kambodschanische Landschaft erstaunlich klar. Als ich in Phnom Penh ankomme, sehe ich jedoch immer noch wie eine wandelnde Sanddüne aus.

Beim Abendessen beobachtet mich die Bedienung des Restaurants seit einiger Zeit, wie ich in meinen Computer tippe. "Very busy!", sagt sie mit einem Fingerzeig auf das Notebook. "I write for a travel magazine." erzähle ich ihr. "Travel magazine" übersteigt ihren Wortschatz und sie lacht. Später erzählt sie mir, dass sie früher Englisch studiert hat, aber nun lieber im Restaurant als Kellnerin arbeitet. "Hier verdiene ich gut und kann täglich Englisch sprechen, ich lerne viel! Ein Lehrer bekommt 23 US $ im Monat, nicht viele Studenten finden das attraktiv!" Im Restaurant verdient sie 40 Dollar im Monat plus Trinkgeld und unterstützt ihre Familie davon.

  
Für die Fahrt nach Vietnam habe ich mein Rad auf einen der Überlandbusse verladen. Sobald ich im Bus sitze, weiß ich wieder, warum ich das Fahrrad als Fortbewegungsmittel bevorzuge. Die Sitze sind für asiatische Größen ausgelegt, mein Nebenmann sitzt folglich fast auf meinem Schoß. Die Rückenlehne läßt sich nicht arretieren, so dass ich, sobald ich mich zurücklehne, Bekanntschaft mit meiner Hinterfrau mache. Aus den Lautsprechern plärrt überlaut kambodschanische Popmusik. Als ich denke, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, fängt die Frau hinter mir an, lauthals mitzusingen. Was würde ich jetzt für ein vielstimmiges "Hello, Goodbye" geben.

 

 

 

 

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