Reiten auf selbst fahrendem Fahrzeug
von Veronika Licher
Erschienen im Februar 1987 in der Stadtzeitung Saarbrücken

In der Volksrepublik China wurde 1949 die politische Entscheidung für das Fahrrad als Hauptverkehrs- und Transportmittel getroffen und dieses seitdem kontinuierlich gefördert. Was liegt demzufolge näher, als China vom Fahrrad aus kennen zu lernen?

  
Ende Oktober machten wir uns auf in die VR, um dem saarländischen Autoverkehr eine Weile zu entfliehen. Von Shanghai aus fuhren wir mit dem Zug noch ein Stück landeinwärts bis Suzhou, wo unsere Fahrradtour durch die Provinz Jiangsu, entlang des Kaiserkanals und des Jangtze, losgehen sollte. Unsere Fahrradtour begann dann aber doch erst - im Bus! Da die Chines(inn)en es sich nicht recht vorstellen konnten, wie wir uns im chinesischen Stadtverkehr behaupten wollten, und sowieso nicht wussten, wieso europäische Radfahrerinnen ausgerechnet nach China kamen, um Fahrrad zu fahren (wo wir es im Bus doch viel bequemer gehabt hätten), wurden wir zuerst höflich aber bestimmt in einen Bus hereinkomplimentiert und aus der Stadt herausgekarrt. "Die Sicherheit der ausländischen Gäste ist oberstes Gebot!" Erst in sicherer Entfernung von der Stadtgrenze bekamen wir unsere Räder endlich wieder ausgehändigt.
Das chinesische Einheitsrad
 
  
Während das chinesische Einheitsrad immer noch dem englischen Postfahrrad von anno 1937 ähnelt, mit stabilem Herrenrahmen (Damenräder gibt es kaum), ohne Gangschaltung oder Beleuchtung, dafür aber mit einer überaus lauten Klingel, erregten wir mit unseren Rennrädern entsprechend überall großes Aufsehen. Wo wir vorbeikamen, wurde die Arbeit auf den Feldern unterbrochen, wurden wir zum Tee eingeladen, kamen die Leute aus den Häusern herbeigelaufen, um uns und unsere Fahrräder genauestens zu inspizieren. Dass es nicht beim Ansehen blieb, merkten wir eines Morgens, als die vorm Hotel abgestellten Räder plötzlich verschwunden waren -in dem Glauben, in China käme nichts abhanden, hatten wir sie nicht abgeschlossen. Wie sich später herausstellte, hatten einige Chines(inn)en die Gelegenheit genutzt, um eine Probefahrt zu machen. Das Resultat war jedenfalls, dass wir uns Räder leihen mussten, um unsere eigenen Fahrräder in der näheren oder weiteren Umgebung wieder einzusammeln - mit defekter Handbremse oder verbogener Gangschaltung, sodass wir dann gleich Gelegenheit bekamen, eine der vielen Fahrradwerkstätten aufzusuchen, die es in geringeren Abständen überall an den Straßen gibt. Allerdings sollte sich frau nicht darauf verlassen, dort auch das nötige Werkzeug oder geeignete Ersatzteile vorzufinden; denn oft besteht das Sortiment in erster Linie aus einer bunten Auswahl dick gepolsterter Sättel und einer Reihe geflickter Schläuche. Bei unseren ersten Fahrerfahrungen auf den holprigen geschotterten und meist unbefestigten chinesischen Landstraßen waren wir dann auch versucht, unsere Rennsättel einzutauschen, die uns den Straßenverhältnissen so gar nicht angemessen erschienen.
Mit dem Fahrrad auf der Autobahn
 
  
Dementsprechend überrascht waren wir, als wir auf der Strecke nach Nanjing plötzlich auf eine gut ausgebaute vierspurige Straße - und ein blaues Autobahnschild stießen! Ob dies den chinesischen Landwirt/innen noch unbekannt ist oder ob es an ihrer grundsätzlichen Abneigung gegen Verkehrsreglementierungen und Asphaltstraßen liegt, die ihnen nichts bedeuten und nur den Zusammenhang ihrer Felder zerstören, jedenfalls scheinen ihnen angesichts der allgemeinen Platznot die asphaltierten Flächen bestens geeignet, um dort Misthaufen, Schweineställe oder Hühnerhöfe anzulegen und das Getreide zum Trocknen auszubreiten. Alles ist uns auf unserer Radtour entlang der Autobahn begegnet - Handkarren, Lastesel, Hausschweine, Fussgänger/innen, Radfahrende - nur keine PKWs. Bis auf den Wagen eines Kamerateams des chinesischen Fernsehens, das irgendwie auf uns aufmerksam geworden war und uns einen halben Tag lang begleitete.
Fahrradfahren in den Städten
 
  
Während die Chines(inn)en auf dem Lande auch eher gemächlich daherradeln (und sich nur einige Jüngere durch uns bisweilen zu Wettrennen angespornt fühlten), ist es in der Stadt völlig unmöglich, schnell zu fahren, ohne ununterbrochen Zusammenstöße zu produzieren. Zwar sind in den größeren Städten Fahrradspuren abgetrennt, aber da diese zugleich von Handkarren schiebenden Händler/innen und Fußgänger/innen benutzt werden sowie als Zwischenlager für Berge von Chinakohl dienen, ist es kein Wunder, dass die Radfahrenden sich kaum daran halten. Jeder fünfte besitzt in China bereits ein Fahrrad, obwohl es immerhin mehr als zwei Monatsgehälter kostet. Die übrigen Chines(inn)en sind damit auf die öffentlichen Busse angewiesen, wenn sie nicht zu Fuß gehen wollen. Um den Bussen überhaupt ein Durchkommen zu ermöglichen, haben diese absolute Priorität eingeräumt bekommen und die Busfahrer/innen nutzen diese weidlich aus, sodass es ständig zu Zusammenstößen kommt. (Sich im Bus nach vorne zu stellen - sofern man oder frau überhaupt die Wahl hat bei den meist überfüllten Bussen ist dementsprechend für empfindliche Nerven nicht angeraten. Meist gehen die Zusammenstöße noch glimpflich aus und werden von den Hilfspolizist(inn)en mit der roten Armbinde, meist Rentner(inn)en, die an den Straßen den Verkehr überwachen, in der Form geschlichtet, dass die schimpfenden Radfahrenden unsanft von der Fahrbahn gezogen werden. Verkehrsunfälle stellen aber ein zunehmend größeres Problem dar, sodass in den Großstädten wie Peking und Shanghai bereits Werbekampagnen eingeleitet wurden, die auf Wandtafeln und Spruchbändern zur Einhaltung der Verkehrsvorschriften mahnen und vor Zusammenstößen warnen. Um den Fahrradverkehr zu reduzieren, wurden in Shanghai sogar schon einige Strassen wieder für Fahrräder gesperrt, und die Arbeitenden bekommen z.T. die Buskarten ersetzt, wenn sie nicht weniger als drei Haltestellen von der Arbeitsstelle entfernt wohnen.
Fahrrad fahren bei Nacht
 
Ein besonderes Erlebnis ist das Fahrrad fahren in China bei Nacht. Vermutlich weil die Produktion von Dynamos als volkswirtschaftlich nicht vorrangig eingestuft wurde, ist jegliche Fahrradbeleuchtung verboten. Da auch die Straßenlaternen nur ein Schummerlicht verbreiten, stellen nicht nur die unbefestigten Gullis eine Gefahrenquelle dar, sondern auch die zu Fuß gehenden müssen ständig auf der Hut sein vor den fast lautlos vorbeihuschenden Radfahrer/innen.
Das Fahrrad als Transportmittel
 
  
Die mit Fahrrädern erbrachte Transportleistung ist in China heute immer noch so groß wie die von Bahn, LKW, Schiff und Flugzeug zusammen. Abgesehen von der ungeheuren Vielfalt an Lastfahrrädern, wird auch mit einfachen Rädern alles Erdenkliche transportiert, ob es sich nun um tausendjährige Eier oder halbtote Hühner, Waschmaschinen und (neuerdings) Kühlschränke, Baumstämme oder Zuckerrohr oder die Wohnzimmereinrichtung handelt. Zur Zeit scheinen Sofas gerade in Mode zu sein; jedenfalls sind uns an jeder Ecke Radfahrer/innen begegnet, die Sofas hin- und hertransportierten, wenn sie diese nicht gerade zum Mittagsschlaf am Straßenrand benutzten. Auch die immer zahlreicher werdenden Verkaufsstände auf den Freimärkten bestehen i.a. nur aus einem Fahrrad, mit dem die Waren in Draht- oder Bambuskörben, Käfigen oder Satteltaschen aus Korbgeflecht transportiert werden. Der Ideenreichtum und die Improvisationsfähigkeit der Chines(inn)en, was den Transport von Personen und Waren mit dem Fahrrad betrifft, scheint jedenfalls unermesslich zu sein.
 

 

 

 

© 2010 CHINA BY BIKE | Design by >calo< media