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Zu Zeiten der größten Blüte der Khmer-Kultur im 13. Jahrhundert führten alle Wege nach Angkor. Jayavarman VII hatte das Reich bis nach Thailand, Vietnam und Burma ausgedehnt und ein weit verzweigtes Netz von Straßen bauen lassen, das die Hauptstadt mit den entlegenen Regionen verband. Heute scheint es so, als ob zumindest auf touristischer Ebene wieder alle Wege nach Angkor führten. War die Reise zur historischen Hauptstadt der Khmer noch vor zehn Jahren aufgrund instabiler politischer Verhältnisse sowie kaum vorhandener touristischer Infrastruktur bestenfalls abenteuerlich wenn nicht schlichtweg gefährlich, so sind die Tempelanlagen von Angkor heute bequem mit Flugzeug, Bus oder Schiff zu erreichen. Sicherlich ist das Flugzeug die bequemste Anreisevariante und auch die Busfahrt von Phnom Penh wird in den nächsten Jahren zunehmend an Attraktivität gewinnen, da noch 2004 mit der Fertigstellung der Nationalstraße 6 zwischen Phnom Penh und Siem Reap zu rechnen ist. Bis jetzt dauert die Fahrt von der kambodschanischen Hauptstadt nach Angkor jedoch mindestens acht Stunden, was bei einer Entfernung von 320 km auf den Zustand der Straßen schließen lässt. Die interessanteste und seit der Einführung eines neuen Schnellbootservices zunehmend bequeme Variante ist jedoch die fünfstündige Bootsfahrt auf dem Tonle Sap, die auf eindruckvolle Weise die geografischen und sozialen Kontraste deutlich macht, die Kambodscha in sich birgt. Bereits nach etwa 15 Minuten Fahrzeit ist von der kosmopoliten Urbanität Phnom Penhs nichts mehr zu sehen. Wo gerade noch Kolonialbauten standen und Autos auf gut geteerten Straßen die kambodschanische Version südostasiatischen Verkehrchaos demonstrierten, säumen nun nur noch Reisfelder und hölzerne Pfahlbauten das Ufer. Selten sieht man Dreckpisten, die an altersschwachen Fähren in den Fluss münden. Fast ein halbes Jahrhundert Krieg und gesellschaftliches Chaos haben Kambodscha zu eines der ärmsten Länder Indochinas gemacht. Gleichzeitig bringt der wiedererflammte Tourismusboom Inseln des Wohlstandes mit internationalem Standard und Preisniveau. Die Bootsfahrt nach Siem Reap kostet 35 US-Dollar, das entspricht in etwa einem durchschnittlichen Monatsgehalt.
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Nach etwa zwei Stunden Fahrzeit verschwinden die kleinen Dörfer mit dem Ufer aus dem Blickfeld und das Boot fährt in einen großen See. Neben dem Mekong ist der Tonle Sap der wichtigste Wasserweg Kambodschas und die Lebensader des Landes. Jedes Jahr Mitte Juni ändert der etwa 100 Kilometer lange Fluss aufgrund der vom Mekong nachdrängenden Wassermassen seine Fließrichtung und bringt dringend benötigtes Wasser in die nach der Trockenzeit ausgedörrte weite Ebene zwischen Phnom Penh und Siem Reap. Die Fläche des von ihm gespeisten, gleichnamigen Binnensees wächst von 3.000 auf 10.000 Quadratkilometer, der Wasserspiegel steigt um bis zu 10 Meter. Für die Region bringt die alljährliche Flut nicht nur Wasser zur Bewässerung der Reisfelder, sondern auch einen Fischreichtum, der in Asien Seinesgleichen sucht.
Vermutlich war es die ideale Lage am Nordufer des Sees, sicher vor den Fluten und dennoch nahe genug am Wasser, um durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem die Versorgung der Siedlungen zu gewährleisten, die die Khmer dazu veranlassten, im frühen 9. Jahrhundert das Machtzentrum der Region vom Unterlauf des Mekong nach Angkor zu verlagern. Bereits einige Hundert Jahre zuvor gab es mit dem Funan- und dem Zhenla-Reich hoch entwickelte Kulturen an der Schnittstelle zwischen der chinesisch und der indisch beeinflussten Welt. Es ist das Erbe dieser Hochkulturen und die Symbiose chinesischer und indischer Einflüsse, die die einzigartige Kultur Angkors hervorgebracht haben.
Von der einstiegen Größe des Khmer-Reiches ist bei Ankunft am Hafen Siem Reaps zunächst wenig zu sehen. Der Besucher betritt Angkor sozusagen durch die Hintertür. In der Trockenzeit kann das Schnellboot nicht bis zum eigentlichen Hafen fahren, sondern ankert an einer im See schwimmenden Plattform. Wir steigen in kleinere Schiffe um und fahren durch eines der vielen Schwimmenden Dörfer, die mit dem Wasserspiegel und der Jahreszeit wandern.
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Auf dem Weg von Hafen in die Stadt sind Werber für Hotels und Gasthäuser auf Motorrädern meine ständigen Begleiter. In den letzten Jahren entstanden vor allem im mittleren und unteren Preissegment unzählige neue Gasthäuser, so dass die Konkurrenz selbst in der Hochsaison hart ist. "Hast Du schon ein Hotel?!", werde ich mehr als einmal gefragt und bin froh, dass ich tatsächlich bereits eine Unterkunft habe. Ich nenne den Namen des Hotels und ernte ein gespielt besorgtes "Pavillon Indochine? Viel zu weit vom Stadtzentrum entfernt!" "Das will ich hoffen!", antworte ich. Ich hatte das Pavillon Indochine ausgesucht, weil es nahe an den Tempelanlagen liegt. Da ich Angkor mit dem Fahrrad erkunden möchte, ist die Lage des Hotels ideal.
Tatsächlich lassen sich die Tempelanlagen Angkors am Besten mit dem Fahrrad entdecken. Viele Hotels, Pensionen und Restaurants vermieten Räder für etwa 2 bis 3 Dollar am Tag. Die Räder sind zumeist einfache Mountainbikes, die allerdings für das flache Terrain und die im zentralen Bereich Angkors exzellenten Straßen allemal ausreichen. Die meisten der Sehenswürdigkeiten sind im 30-km-Umkreis von Siem Reap und so auch für Gelegenheitsradler gut zu erreichen. Alternativ kann man sich mit dem Motorradtaxi, einer Motorrikscha oder per Minibus beziehungsweise Leihwagen durch die Ruinen fahren lassen. Motorrad-Taxis kosten ungefähr 5 bis 8 Dollar, Motorrikschas 9 bis 12 Dollar, Minibusse bzw. Leihwagen mit Fahrer schlagen mit etwa 40 Dollar pro Tag zu Buche. Allerdings geht auf diese Weise vieles der Atmosphäre des Ortes verloren. Den Charme Angkors machen nicht nur die Ruinen und Tempelanlagen aus. Auch die Lage der alten Hauptstadt inmitten von Urwald und landwirtschaftlicher Kulturlandschaft trägt viel zu der Faszination bei, die Angkor auf den Besucher ausübt.
Etwa vier Kilometer nördlich von Siem Reap befindet sich der Haupteingang Angkors. Es gibt Eintages-, Dreitages- und Wochenpässe für 20, 40 beziehungsweise 60 US-Dollar. Für die letzten beiden Pässe wird ein Passphoto verlangt. Die meisten Besucher zieht es zuerst nach Angkor Thom, dem Königspalast. Aufgrund der Lichtverhältnisse gilt der Vormittag als die beste Zeit für den Besuch der Palastanlage, in der seit dem 10. Jahrhundert 14 Khmer-Könige herrschten.
Dies bestätigt sich auf eindruckvolle Weise, als ich mich dem Südtor nähere. Erst sehe ich ein Gesicht, das in etwa fünf Meter Höhe an der Spitze eines Laterittores in der Sonne glänzt. Dann tauchen nach und nach Details auf, kleine Verzierungen, und schließlich zwei weiter Gesichter im Profil, die nach Osten beziehungsweise Westen blicken. Abgelenkt durch diesen Anblick fallen mir die riesigen Nagaköpfe an der Spitze der Eingangbrücke erst jetzt auf. Langsam tauchen, eine nach der anderen, Figuren hinter den Nagas auf, die das Brückengeländer bilden. Eine Prozession von Götter und Dämonen, die dem Ankömmling mit weit aufgerissenen Augen entgegenblicken, und auf eine hinduistische Legende hinweist, dem "Aufbuttern der See aus Milch", in der Götter und Dämonen gleichermaßen mithalfen unter der Aufsicht Vishnus das Elixier der Unsterblichkeit aus der See zu gewinnen. Diese Szene findet sich immer wieder in Angkor und ist auch Zeichen des Strebens der Khmer-Herrscher nach Unsterblichkeit.
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Diese hat sich Jayavarman VII gesichert. Von fast jedem Tempelturm blickt dem Besucher sein Gesicht entgegen. Man vermutet, dass die unzähligen Gesichter Avalokistisvara, den Boddhisatva der Barmherzigkeit darstellen, mit dem sich der Herrscher identifizierte. Auch die bekannteste Tempelanlage des Königpalastes, das Bayon, geht auf Jayavarman VII zurück, der als einer der mächtigsten und kreativsten Könige in die Khmer-Geschichte einging. Neue kulturelle und religiöse Einflüsse fanden während seiner Herrschaft den Weg nach Angkor. Eine davon bekam den Status einer Staatsreligion: Der Mahayana-Buddhismus. Von der Tempelanlage des Bayon faszinieren vor allem die Fresken, die in ihren detaillierten Darstellungen des Lebens in Angkor zu Friedens- wie zu Kriegszeiten einen ausgezeichneten Einblick in die ansonsten oft obskure Geschichte und Kultur der Khmer geben. Es gibt wenige verlässliche Aufzeichnungen, und so geben einzig die Inschriften und Fresken einiger Tempel, allen voran des Bayon und Angkor Wats, sowie die Aufzeichnungen chinesischer Händler wie dem im 13. Jahrhundert in Angkor weilenden Zhou Daguan Aufschluss über Geschichte und Bräuche der Khmer.
Ginge es nach der historisch- chronologisch korrekten Reihenfolge, so müsste man die Besichtigung Angkors mit einem Abstecher nach Kbel Spen und zum Phnom Pulen beginnen. Es war am Phnom Kulen, wo mit Jayavarman II der erste Herrscher Angkors die Befreiung der Khmer von den Javayanern feierte und im Jahre 802 den Grundstein für das Khmer-Reich legte. Seither galt der Phnom Kulen als heiliger Berg und symbolisierte nach hinduistischer Kosmologie den Weltenberg Meru, Sitz der Götter. Das Wasser floss vom Phnom Kulen durch Kbel Spen nach Angkor und bildete dort den Lebensnerv der Hauptstadt. Ein Besuch Kbel Spen lohnt sich vor allem in der Regenzeit, wenn sich der Fluss seinen Weg in Wasserfällen durch den tropischen Urwald bahnt und nur zuweilen die in den Fels und das Flussbett gehauenen hinduistischen Gottheiten freigibt. Zur Trockenzeit ist von dem Fluss nicht viel mehr als ein Rinnsal übrig. Für einen Blick in den kambodschanischen Alltag lohnt sich die Fahrt zu dem ca. 50 km im Norden Siem Reaps gelegenen Tempel allemal, vor allem, wenn sich der Kambodschabesuch, wie bei vielen Reisenden, nur auf Angkor beschränkt. Auf dem Weg dort hin empfiehlt sich der Besuch der "Zitadelle der Frauen", dem Banteuil Srai, quasi ein Angkor Wat en miniature, einer der wenigen Tempel, dessen Steinfresken fast vollständig erhalten sind.
Höhepunkt eines jeden Angkorbesuches ist Angkor Wat. Die Tempelanlage ist allein aufgrund ihrer Größe von 1.500 mal 1.300 Metern beeindruckend. Der die Anlage umfassende Wassergraben ist 250 Meter breit, der zentrale Prang fast 60 Meter hoch. Doch es ist vor allem die filigrane Ausführung und die Detailverliebtheit, die das riesige Gebäude nie klobig erscheinen lassen und der Anlage eine fast luftige Atmosphäre geben.
Der Khmer-Tradition nach war der König zugleich Vertreter des Himmelspantheon auf Erden. Suryavarman II, der Angkor Wat in Auftrag gabt, war ein Vertreter des Vishnu-Kults und so ist die Tempelanlage dem hinduistischen Gott Vishnu geweiht und folglich nach Westen ausgerichtet. Für Fotografen heißt dies, dass die beste Besichtigungszeit der späte Nachmittag ist, wenn die Sonne die westliche Fotoansicht beleuchtet. Dieser Tipp findet sich jedoch auch in jedem Reiseführer und so kann es passieren, dass sich vor allem japanische Touristengruppen vor der Linse tummeln und die Türme Angkor Wats hinter Sonnenschirmen, posierenden Gruppen und Sonnenhüten verschwinden.
Nach dieser Erfahrung beschließe ich, noch einmal am frühen Vormittag wiederzukommen. Der Parkplatz im Westen der Anlage ist vielversprechend leer. Eine Nagabrücke führt über den Schutzgraben zur äußeren Einfriedung. Diese Brücken symbolisierten den Regenbogen und hiermit den Übergang von der säkularen zur göttlichen Welt. Mit dem Eintritt in göttliche Gefilde erschließt sich zugleich der Blick auf die charakteristischen drei Türme der inneren Einfriedung Angkor Wats. Auch hier symbolisieren die Prang genannten Türme den Weltenberg Meru und gleichzeitig die hinduistische Dreieinigkeit Vishnu, Shiva und Brahma. Tatsächlich verlieren sich nur wenige Touristen in der riesigen Anlage. Ich steige die steilen Treppen zum Osteingang hinab und habe Angkor Wat für mich alleine. Das heißt fast: Eine deutsche Reisegruppe diskutiert mit dem sichtlich indignierten kambodschanischen Reiseleiter den Unterschied zwischen Angkor und Luxor. Der steile Aufstieg zur höchsten Tempelplattform fordert glücklicherweise alle Konzentration und Atem. Oben angekommen fehlt jedem Besucher der Atem, um mehr als Kontemplation an den Tag zu legen.
Das innere Sanktum war ausschließlich dem König zugänglich. Hier hielt er die Riten ab, die eine glückliche Regierungszeit gewährleisten sollten. Während der 37-jährigen Herrschaft Suryavarman II war Angkor Wat Staatstempel. Schon bald danach wurde es vom Bayon abgelöst und verlor seine Bedeutung. Zweihundert Jahre später zerfiel das Khmer-Reich. Innere Fehden, exzessive Bautätigkeit und Kriege hatten die Ordnung im Reich und die Staatsfinanzen zerrüttet. Im Jahre 1432 wurde Angkor von den Thai erobert, niedergebrannt und geplündert.
Im Tempel Ta Phrom kann man sehen, wie die meisten Tempel wohl ausgesehen haben, als sie der französische Forscher Henri Mouhot in den 60 Jahren des 19. Jahrhunderts "entdeckte". Mächtige Wurzeln von Urwaldbäumen überwuchern die Ruinen des Tempels, den Jayavarman VII seiner Mutter weihte.
"Dies ist der Tempel, bei dem du im Videospiel mit dem Motorrad durchfahren kannst!", stellt fachkundig ein amerikanischer Backpacker fest. Der Lara Croft Film wurde augenscheinlich im Ta Phrom gedreht. In der Realität kann man selbst mit dem Fahrrad keinen der Tempel befahren. Zumindest als Ausländer nicht, kambodschanische Bauern benutzen die Tempelwege nicht selten als Abkürzung.
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Im "Red Piano", einem Café in der Innenstadt, das der Filmcrew als Basis diente, kann man einen "Tomb Raider" - Cocktail bestellen, der aus Limettensaft, Tonic und einem Schuss Cointreau besteht. "Lara Croft's Special" steht auf der Speisekarte. Schmeckt wie Sprite mit Rohrzucker. Angeblich geht die Mixtur auf Angelina Jolie zurück, die die Lara Croft im Film verkörperte und den Drehtag wohl gewöhnlich mit diesem Drink ausklingen ließ.
Wahrscheinlich nachdem sie den Ta Phrom mit dem Motorrad durchquert hatte.