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Tipps für individuelle Radreisen in China
von Volker Häring
Artikel erschienen in der "RadZeit", die Zeitschrift des ADFC
Berlin
Mit dem Fahrrad durch die VR China zu reisen war vor
wenigen Jahren noch so gut wie undenkbar. Die wenigen Reisenden, die versuchten,
das Reich der Mitte mit dem Rad zu entdecken, wurden zumeist schon an der
nächsten Polizeistation aufgehalten und in den Bus gesetzt.
Fahrrad fahren in China war auf die wenigen für ausländische Touristen geöffnete
Orte beschränkt, längere Touren daher kaum möglich. Als ich im Jahr 1990
zu ersten Mal China bereiste, mietete ich mir in Dunhuang an der Seidenstraße
ein Fahrrad und fuhr damit die 40 km bis zu dem berühmten buddhistischen
Höhlentempel in Mogao. Das Fahrrad war ein damals übliches chinesisches
Modell, Marke "Fliegende Taube", ein in meinen Augen elegantes, aber doch
etwas zu schweres Fortbewegungsmittel ohne Gangschaltung.
Ein paar Wochen später traf ich in der Provinz Sichuan die ersten Radtouristen,
zwei amerikanische Studenten, die begeistert davon erzählten, dass sie in
Chengdu, der Hauptstadt Sichuans, die ersten Mountainbikes chinesischer
Produktion und damals die einzigen in der VR China erhältlichen, gefunden
hätten. Mit diesen waren sie nun durch den Südwesten Chinas unterwegs und
berichteten von den neugierigen Menschenmassen, die sie in jedem Dorf umringten
und der lokalen Polizei, die so manches Auge zudrückte, als die beiden durch
eigentlich für Ausländer gesperrtes Gebiet fuhren. Dennoch gestalteten sich
lange Radtouren immer noch sehr schwierig und ein Deutscher, den ich ein
paar Tage später in Beijing traf, erzählte mir von seiner Tour von Deutschland
über die Türkei, durch den Iran und Pakistan, die an der chinesischen Grenze
endete. Die nächsten 2000 km mußte er mit dem Bus überbrücken, das Fahrrad
auf dem Dach festgezurrt.
Inzwischen hat sich die Situation deutlich entspannt, ständig werden neue
Orte für den ausländischen Tourismus geöffnet. Auch wenn die Größe des Landes
zuerst viele abschreckt, entdecken immer mehr Reisende China mit dem Fahrrad.
Im Folgenden sollen ein paar Tipps gegeben werden, was man beim Planen und
Durchführen einer Radtour in China beachten sollte. Wer nicht gleich ein
ganzes Jahr oder länger Zeit hat, sollte sich eine bestimmte, in drei Wochen
zu erkundende Region Chinas aussuchen. In diesem Fall empfiehlt sich eine
Anreise mit dem Flugzeug nach Beijing und dann entweder ein innerchinesischer
Anschlußflug oder, wenn etwas mehr Zeit zur Verfügung steht, die Weiterreise
mit der Bahn.
Bei der Wahl der Region sollte beachtet werden, daß die landschaftlich interessantesten
Regionen auch die touristisch am wenigsten erschlossenen sind. Wem es nichts
ausmacht, auch einmal einen ganzen Tag auf Kopfsteinpflaster oder auf Feldwegen
zu fahren und bei den Übernachtungen auf Komfort und ein Zimmer mit Bad
verzichten kann, der sollte sich die südchinesischen Provinzen Guangxi,
Guizhou oder Yunnan für eine Tour aussuchen. Bei den ersten beiden Touren
ist eine alternative Anreise über Hongkong, bei der letzteren auch eine
Anreise über Bangkok nach Kunming (der Provinzhauptstadt Yunnans) möglich,
falls ein Besuch der chinesischen Hauptstadt nicht Bestandteil der Reise
sein soll. Alle drei Regionen sind die Heimat von ethnischen Minderheiten
und somit die interessantesten und abwechslungsreichsten Provinzen Chinas.
Auch landschaftlich bieten diese Regionen eine Menge. In den Mittelgebirgslandschaften
der Provinzen lassen sich viele enge, abgeschiedene Täler finden, und von
den Passhöhen hat man einen wunderschönen Blick auf die chinesische Landschaft.
Die Provinz Yunnan ist im Durchschnitt auf 2.000 Meter Höhe gelegen und
hat deshalb trotz ihrer Nähe zum Äquator das ganze Jahr über gemäßigtes
Klima, so dass Touren mit Ausnahme des relativ kalten Januars praktisch
das ganze Jahr über möglich sind. Ähnliches gilt für Guizhou; die Provinz
Guangxi sollte man in den beiden Sommermonaten (Juni bis August) meiden.
Eine wichtige Entscheidung ist die Frage nach dem richtigen Fahrrad. Prinzipiell
ist es möglich, das eigene Fahrrad mit nach China zu nehmen. Nach Auskunft
der chinesischen Botschaft in Berlin ist für die Mitnahme eines eigenen
Fahrrades jedoch immer noch eine Einladung von einer staatlichen chinesischen
Institution notwendig. Es gab in den letzten Jahren immer wieder Radler,
die es auch ohne diese Formalitäten nach China geschafft haben. Die Chancen,
mit dieser Methode Erfolg zu haben, sind gut, darauf verlassen sollte man
sich jedoch nicht. Ein Tatsache spricht eindeutig gegen die Mitnahme des
eigenen Fahrrads: Fluggesellschaften, vor allem die innerchinesischen, wie
auch die chinesischen Busgesellschaften, gehen nicht gerade zimperlich mit
Zweirädern um.
Eine zu empfehlende Alternative ist der Kauf von Fahrrädern vor Ort. In
allen größeren chinesischen Städten in China sind passable Mountainbikes
zu kaufen, die je nach Ausstattung 150,- bis 300,- DM kosten. Wer mehr anlegen
möchte, findet sogar Modelle mit Federgabel und hydraulischen Bremsen für
einen Bruchteil des deutschen Preises. Ein Wiederverkauft am Zielort mit
einem ungefähr 50-prozentigen Verlust ist ohne Probleme möglich.
Noch ein weiteres Argument spricht für den Kauf eines chinesischen Rades:
Während für die Modelle einheimischer Produktion zumeist sogar in kleineren
Städten Ersatzteile zu finden sind, wird dies für manches importierte Modell
nicht möglich sein. Reparaturwerkstätten finden sich im Übrigen alle paar
Kilometer. Wer nicht selber Hand anlegen möchte, gibt sein Rad dort durchaus
in gute Hände; die Basisausrüstung an Werkzeug sollte aber auf jeden Fall
ins Gepäck!
Auch wenn es immer mehr Chinesen gibt, die Englisch oder sogar Deutsch sprechen,
ist es angeraten, sich zumindest einen Basiswortschatz Chinesisch anzueignen.
Hier empfiehlt es sich, einen kleinen Reisesprachführer, wie es ihn im Know-How-Verlag
oder von Lonely Planet gibt, mitzunehmen, da hier nicht nur die wichtigsten
Wörter und Sätze aufgeschrieben, sondern auch die dazugehörigen Zeichen
mit abgedruckt sind, was sich besonders bei Ausspracheproblemen und lokalen
Dialekten als sehr nützlich erweist.
Ein großes Problem ist es immer noch, detaillierte Karten mit Höhenangaben
für die einzelnen Regionen zu bekommen. Chinesische Karten werden zwar mit
der Zeit immer genauer in der Aufzeichnung vorhandener Straßen, topographische
Karten sind in China aber so gut wie nicht erhältlich. Brauchbare topographische
Landkarten im Maßstab 1:500 000 gibt die US Air-Force heraus; sie sind in
jedem gut sortierten Kartenladen zu finden. Hier fehlen jedoch oft kleinere
Straßen, und bei der Ortsbenennung waren eindeutig Unkundige am Werk. Zur
Planung der Touren und zur Orientierung vor Ort empfiehlt sich die gemeinsame
Nutzung aller Karten.
China mit dem Fahrrad zu erleben ist durchaus eine Alternative zu üblichen
Chinareisen. Oft ist es sogar vor Ort möglich, ein Fahrrad zu mieten und
die Umgebung zu erkunden. Mit ein paar Pedaltritten verläßt man die touristischen
Trampelpfade und taucht in den chinesischen Alltag ein. Reiseführer helfen
wenig, aber mit ein bisschen Einfühlungsvermögen findet man sich auch hier
zurecht. Entschädigt wird man durch einen Einblick in die chinesische Kultur,
der den meisten Touristen verschlossen bleibt.
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