Auf zwei Rädern durch Tradition und Moderne
von Volker Häring

Mit dem Fahrrad China zu entdecken eröffnet Einblicke jenseits der ausgetretenen Pfade

Nach halbstündiger Wartezeit sichten wir endlich unsere Fahrradtaschen auf dem Gepäckband. Nur gut, dass wir nicht unserer eigenen Räder mitgenommen haben, das würde ewig dauern. Und dann die Zollformalitäten! Dann lieber die Fahrräder vor Ort kaufen, das erspart eine ganze Menge Ärger, und für diese gibt es wenigstens Ersatzteile in China.

Ein letztes Mal die Ankunft auf dem alten Pekinger Flughafen: Desinfektionsmittelgestank, die mintgrüne Sanitärfarbe an den Wänden, niedrige, verdreckte Wartehallen, ein leichter Schimmelgeruch in der Luft. Nebenan werden die letzten Handgriffe am neuen Flughafengebäude getätigt, das anläßlich des 50. Jahrestages der Gründung der VR China am 1. Oktober 1999 seiner Einweihung harrt.

Ein gecharterter Minibus bringt uns die 25 Kilometer bis ins Hotel. Eine sechsspurige Autobahn mündet mit Erreichen der Innenstadt in die dritte Ringstrasse. Vor 20 Jahren hatte Peking gerade einmal eine Stadtautobahn, die zweite Ringstrasse, dort wo bis Ende der 50er Jahre noch die alte Stadtmauer stand. Nun führen vier Ringstrassen in konzentrischen Kreisen um die chinesische Hauptstadt, eine fünfte ist in Planung. Stichautobahnen führen in alle Himmelsrichtungen. Zwischen den Stadtautobahnen ist die Stadt gewachsen. In den äußeren Stadtbezirken reihen sich riesige spiegelverglaste Einkaufszentren an hohe Wohnsilos. Offiziell hat Peking 10 Millionen Einwohner, zählt man die illegalen Bewohner und die Wanderarbeiter mit dazu, so kommt man auf über 11 Millionen Menschen, die im Verwaltungsbezirk Peking wohnen. Unsere Fahrt geht am Kempinski-Hotel vorbei, in dem sich das Paulaner Brauhaus ungebrochener Beliebtheit erfreut. Nicht nur viele der über 10.000 Ausländer in Peking erfreuen sich hier an dem vor Ort gebrauten bayrischen Bier und Chinesinnen in Dirdlkleidern, sondern auch die politische und wirtschaftliche Elite läßt sich hier gerne blicken, lauscht einem bayrischen Stimmungsduo, isst Kassler und trinkt deutsches Bier, mit über 10 Mark pro Glas kein billiges Vergnügen.

Nach einer Fahrt durch das „Ausländerviertel“ Sanlitun mit seinen Pubs, Bars und Luxushotel biegen wir in das Altstadtviertel ein, in dem unser Hotel liegt. Kleine rote Taxis zwängen sich hier gemeinsam mit einigen Lastenfahrrädern durch ein enges Gewirr aus Marktständen und windschiefen Häusern. Fliegende Händler gehen von Haus zu Haus und preisen ihre Waren an. „Pijiu – Erguotuo“, Bier und 56-prozentiger Hirseschnaps, ruft ein alter Mann mit zotteligem Bart im Maoanzug, der einige Kästen alkoholische Getränke auf seinem Fahrrad vor sich herschiebt. Das Lusongyuan-Hotel liegt in einer dieser alten Gassen, den sogenannten Hutongs. Das Hotel, im Stil eines herrschaftlichen Hofhauses gehalten, paßt sich gut in diese Umgebung ein. Die traditionellen Hofhäuser, früher meist die Residenz einer gutsituierten Großfamilie sind nun Wohnort vieler zumeist älteren Chinesen, eine Familie ein Raum, keine sanitäre Einrichtungen, keine Heizung. So ist es nicht verwunderlich, dass selbst die meisten Alteingesessenen gerne in die zwar unpersönlicheren, dafür aber ungleich besser ausgestatteten Wohnblocks der Peripherie ziehen. Nur wenige entscheiden sich, in den noch erhaltenen Altstadtviertel zu bleiben, die nun unter Denkmalschutz stehen, ein neues Konzept in einer Gesellschaft, die unter Modernität lange Jahre nur Hochhäuser und Prachtstraßen verstand. So wurden in den frühen 90er Jahren die meisten Altstadthäuser abgerissen und durch breite Straßen und Geschäftshäuser ersetzt, ehe die Regierung begriff, dass damit auch ein Stück Charakter Pekings eingeebnet wurde. Heute ist sogar eine gegenläufige Tendenz zu verzeichnen: Ganze Straßenzeilen werden im alten Stil wiederaufgebaut und wer es sich leisten kann, kauft und renoviert einen kompletten Hofkomplex, darunter auch nicht wenige leitende Kader.

Inmitten der Altstadt, in einer Seitenstraße östlich der Verbotenen Stadt, findet sich die Fahrradmeile Pekings. Ein gutes Dutzend Fahrradläden reihen sich hier aneinander. Zwar hat das Auto als Verkehrsmittel in den letzten zehn Jahren gewaltig aufgeholt (in Peking gibt es etwas über eine Million Autos, zumeist Taxis), mit acht Millionen Fahrrädern in der Hauptstadt bleibt das Zweirad jedoch noch bei weitem das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Vor allen in den großen Städten findet man jedoch nur noch selten die legendären schwarzen, bis zu 25 Kilo schweren traditionellen Modelle der Marken „Phönix“ und „Fliegende Taube“, Nachbauten englischer Modelle aus den 20er Jahren. In den Schaufenstern der Fahrradläden hängen vollgefederte Modelle der Marke „Giant“, dem derzeit weltweit größten Fahrradhersteller. Großer Nachfrage erfreuen sich seit Kurzem Modelle mit Elektromotor, mit umgerechnet etwa 300 DM um einiges erschwinglicher als ein Motorrad oder gar ein Auto, dennoch ein erster Schritt in Richtung der angestrebten, prestigeträchtigen Motorisierung. Nach etwas Suchen und zwei Geschäfte später finden wir Räder, die unseren Ansprüchen entsprechen: Mountainbikes taiwanesischer Produktion mit 18 Gängen, das Stück für umgerechnet 200 DM. In Deutschland würden man dafür mindestens 600 DM hinlegen. Vor dem Geschäft hat sich inzwischen eine größere Menschenmenge gebildet. „Amerikaner!“, sagt der eine. „Deutsche!“, berichtigt die andere, die schon etwas länger da ist und unsere Konversation mit dem Verkäufer mitbekommen hat. Ein junger Student drängt sich nach vorne und spricht uns auf Englisch an. Wohin wir fahren würden, fragt er. „Nach Chengde“ „Das sei weit“, gibt er zu bedenken, „mindestens 300 Kilometer.“ Aber es gäbe ja jetzt eine Autobahn, auf der ließe es sich sehr gut fahren. „Wir fahren mit dem Fahrrad“, wende ich ein. „Eben!“, sagt er und überreicht mir seine Visitenkarte, falls wir noch Hilfe bräuchten. Und unser Englisch praktizieren wollten. Noch müssen einige Formalitäten erledigt werden. Wichtig sind vor allem für den Wiederverkauf am Ende der Tour die Kaufquittungen, die belegen, dass wir die Räder nicht gestohlen haben. Fahrraddiebstahl hat sich vor allen in den Großstädten zu einem ernsten Problem entwickelt. Immerhin ist die Chance groß, sein Fahrrad nach dem Diebstahl auf dem großen Gebrauchträdermarkt in der Nähe der Pekinguniversität wiederzufinden. Zur Sicherheit schenkt uns der Verkäufer noch für jedes Fahrrad ein Schloss. Er strahlt über das ganze Gesicht. So ein gutes Geschäft macht er selten, sechs für chinesische Verhältnisse teure Räder an einem Tag! Und dann die Werbewirksamkeit: Von den Umstehenden, die unseren Kauf beobachtet hatten, unterzieht der eine oder andere das von uns gewählte Modell einer genauen Prüfung. Ausländer als Werbeträger verfehlen selten ihre Wirksamkeit in China.

Erstaunlich schnell lassen wir den dichten Verkehr Pekings hinter uns. Doch selbst entlang der Ringstraßen lässt es sich gut fahren. Entlang allen größeren Straßen der Hauptstadt gibt es breite Fahrradweg; der einzige Stau, in dem man stecken könnte, ist ein Fahrradstau. Vom Autoverkehr hat man hier so gut wie seine Ruhe, nur vereinzelt zwängt sich ein Taxi auf der Suche nach einer Abkürzung durch den dichten Fahrradstrom. An Sommerpalast vorbei geht unsere Fahrt in Richtung Nordwesten zu den Minggräbern. Die schmale asphaltierte Straße zieht sich durch riesige Obstplantagen und Reisfelder. Zehn Kilometer von der Stadtgrenze der Millionenstadt Peking entfernt ist vom Glanz und Elend der Metropole nicht mehr viel zu spüren. Einfache, zweistöckige Backsteinhäuser säumen die Straße. Auf den Feldern ist nur selten ein Traktor zu sehen, zumeist bearbeiten die Bauern den Boden immer noch mit einfachen Maschinen oder per Hand. Arbeitskraft ist selbst in Sichtweite der Hauptstadt extrem billig, moderne Maschinen für den einzelnen Bauern zumeist jedoch unerschwinglich. Die Bauern, Anfang der 80er Jahre Hauptmotor der wirtschaftlichen Entwicklung, sind in den letzten Jahren zu den Verlierern der Reform- und Öffnungspolitik geworden. Befanden sie sich Mitte der 80er Jahre noch im oberen Drittel der Einkommensskala, so ist ihr Verdienst mit zunehmender Verlagerung der wirtschaftlichen Entwicklung in die großen urbanen Zentren und gleichzeitiger Hyperinflation bei Stagnation der Agrarpreise bis nahe an das Existenzminimum gesunken. Viele Bauern verlassen deshalb ihre, ohnehin nur von Staat gepachtete, Scholle und suchen ihr Glück in den großen Städten. Dort enden sie zumeist in der Illegalität oder auf einer der vielen Großbaustellen, manchmal auch beides. Zuweilen müssen wir nach dem Weg fragen, die Karten der Region sind nicht unbedingt sehr detailliert und zuweilen sind dort Straßen als Feldwege eingezeichnet, die inzwischen zu einer vierspurigen Schnellstraße ausgebaut wurden. Und umgekehrt. Ein Lastwagenfahrer macht in dem selben Nudelrestaurant Pause wie wir. Ja, die Straße kenne er! „Lässt sich sich gut fahren?“, fragen wir. „Oh!“, sagt er und kalkuliert offenkundig, was er uns abknöpfen kann, „da findet ihr euch nie zurecht! Und die Straße, der Feldweg, ist in schlechten Zustand! Für 400 Yuan (100 DM) lade ich eure Räder auf die Ladefläche und fahre euch dort hin!“ Wir verneinen. „O.K., 200 Yuan!“ „Letztes Angebot: 100!“ „Dann wenigsten das Gepäck!“ Wir zahlen unsere Nudelsuppen und setzen unsere Fahrt fort. Der Feldweg entpuppt sich als wunderschöne Pappelallee entlang eines Bewässerungskanals. Und tatsächlich, mit dem LKW wäre die Straße schlecht zu befahren. Nach insgesamt 80 km erreichen wir den Minggräberstausee, unser Etappenziel. Wir übernachten in einem Bungalowressort direkt an der Staumauer, das sich anscheinend ganz auf Wochenendausflügler spezialisiert hat. Wer es sich leisten kann, lässt den Smog und die Hektik der Hauptstadt hinter sich, setzt sich in sein Auto (oder das der Firma, das oft genug für private „Dienstreisen“ missbraucht wird) und verbringt das Wochenende mit Freunden in der Frische der Naherholungsgebiete unweit Pekings. Wir kommen inmitten der Woche und müssen den Rezeptionisten erst einmal aus seinem Nachmittagsschlaf wecken. „Zimmer, kein Problem!“, sagt er. Ob wir etwas essen wollten? Dann müsste er den Koch anrufen, der nur an Wochenenden Dienst hat, dann würde dieser kommen und uns etwas zubereiten. Das würde aber nicht billig! Weit und breit kein Restaurant, das geöffnet hätte, dafür ein Kiosk auf der Staumauer, der die ganze Nacht auf hat. Ein kleiner Tresen, dahinter ein Regal, in dem sich Kekse, Waschmittel und Getränkedosen stapeln. Hinter hoch aufgetürmten Bierkästen ein kleiner Verschlag mit einem Feldbett. Darauf liegt ein älterer Mann starrt in einen kleinen Schwarzweißfernseher. Woher wir kämen, fragt er. „Deutschland!“ Dann wollten wir sicherlich Bier! „Deutsche trinken sehr viel Bier“, sagte er, einem Vorurteil, dem wir an diesem Abend gerne entsprechen. Dazu gibt es frisches Obst, Instantnudeln und Kekse.

Am nächsten Tag verlassen wir die Pekinger Zentralebene. Auf unserem Weg um den Stausee kommt uns eine Rennradlerin in windschnittigem Outfit entgegen, offensichtlich im Training. China schickt sich an, auch im Sport eine Weltmacht zu werden. Nach der knapp verpassten Olympiaausrichtung 2000 bewirbt sich Peking nun erneut für das Jahr 2008. Bis dahin sollen chinesische Athleten in allen Disziplinen Weltniveau haben. Der Radsport darf da im „Land der Fahrräder“ natürlich nicht fehlen. Nachdem wir einen mittleren Pass überwunden haben, erreichen wir Huanghua, einem kleinen Örtchen an der „Wilden Mauer“. In den letzten 10 Jahren wurde ein um das andere Stück der Chinesischen Mauer restauriert und für den Tourismus geöffnet. Seilbahnen ersparen in- und ausländischen Touristen den erschwerlichen Aufstieg und bringen sie innerhalb kürzester Zeit auf eine Mauer, deren ältester Stein 20 Jahre alt ist. Nicht so in Huanghua. Dieses Teilstück der Mauer ist erstaunlich gut erhalten. Auch ohne Restaurierung ist es seit einigen Jahren für den Tourismus geöffnet. An einem kleinen Wasserreservat vorbei erklimmt die Mauer hier gut 600 Höhenmeter. Auf der Mauerkrone wachsen Pfirsich- und Kakibäume. Auf einem der gut erhaltenen Wachtürme treffen wir ein Ehepaar aus der Provinz Sichuan. Sie wären extra nach Huanghua gekommen, um die Mauer zu besteigen. Es sei wunderbar, kaum Touristen, keine Souvenierstände und eine Mauer, die noch im Originalzustand erhalten ist. Inzwischen suchen auch viele chinesische Touristen das individuelle Erlebnis und versuchen dem inländischen Massentourismus zu entgehen. Zurück im Hotel, auch dies ein kleines Ressort mit einem kleinen Ritterburgtor als Eingang, treffen wir auf eine Gruppe Wochendurlauber aus Peking, im Innenhof stehen zwei schwarze Limousinen mit getönten Scheiben. Die beiden Pärchen sind nicht verheiratet. Eigentlich dürften sie nach chinesischem Gesetz kein Zimmer teilen, dazu braucht man ein Ehezeugnis. Doch der Hotelbesitzer drückt beide Augen zu, schließlich sind solche Besucher seine Haupteinahmequelle. Die Abendverpflegung lässt diesmal nichts zu wünschen übrig. In China bestellt nicht jeder für sich selbst, sondern man ordert etwas so viele Gerichte wie Personen am Tisch sitzen und stellt dann alles in die Mitte auf eine runde, drehbare Platte, „Lazy Susan“ genannt. So hat jeder die Möglichkeit, die Vielfalt der chinesischen Küche kennenzulernen und den Geschmacksnerven wird es nie langweilig. Nach dem Essen laden uns die anderen Wochendgäste in die angeschlossene Karaokebar ein. Ursprünglich aus Japan kommend, hat das Singen zu Playbackmusik in den 90er Jahren seinen Siegeszug durch China angetreten und ist inzwischen zur beliebtesten Abendbeschäftigung der Chinesen geworden. Wir geben einige „Beatles“- Lieder zum Besten, die Chinesen singen chinesische Popsongs, viele davon aus Hongkong und Taiwan, zumindest in diesem Bereich unbestrittene Vorbilder.

Weiter geht unsere Fahrt durch grüne Mittelgebirgstäler zum Miyunstausee, einer von fünf grossen Trinkwasserreservaten im Norden Pekings. Vor allem im Winterhalbjahr ist Peking extrem trocken; nur eine Bergkette trennt Peking von der Wüste Gobi und den Steppen der Inneren Mongolei. Noch vor 50 Jahren waren die nun so idyllischen Täler mit ihren dicht bewaldeten Berghängen Staubwüsten, entstandenen durch jahrelange Trockenheit und radikale Abholzung. Erst mit Gründung der VR China begann ein großangelegtes Aufforstungs- und Bewässerungsprojekt, das bis heute besteht. Trotzdem bestehen weiterhin Probleme: 1993/94 fiel fast ein Jahr lang kein Niederschlag in der Region Peking, und auch heute noch sind die Wasserspeicher gerade einmal halb voll.

Auf unserem Weg zum See fahren wir durch eine tiefe Schlucht. Über die Jahrhunderte hat sich das Wasser hier bis zu 800 Meter in den Stein gefressen. Auch hier begegnen wir den ersten Vorboten des Wochenendtourismus. Ein Werbeplakat kündigt die Möglichkeit einer Wildwasserfahrt mit dem Schlauchboot an. Kurz vor Erreichen des Stausees spannt sich ein Stahlseil in etwas 100 Meter Höhe über das Tal, an dem man sich, mit einem Geschirr an einem Karabinerhaken befestigt fast einen Kilometer über den See schwingen kann. Ob es denn auch sicher sei, fragen wir. Würde sie antworten, so wollten wir das sicherlich nicht mehr ausprobieren, gibt die Frau im Kassenhäuschen zurück

Übernachtungsstation machen wir in einem Hotel direkt am See. Die Rezeption fragt uns nach unserer Ehebescheinigung. Offiziell schlafen deshalb heute Männer mit Männern und Frauen mit Frauen in einem Zimmer.

Am nächsten Tag geht es zuerst noch ein wenig am See entlang. Ziel ist noch einmal die Große Mauer, diesmal in Simatai. Lange Zeit Geheimtip in der Ausländergemeinde Pekings fällt auch dieses Stück der Mauer langsam den Touristenströmen anheim. Dennoch ist Simatai immer noch einen Ausflug wert. Bis zu 800 Meter fallen die Felswände hier vom Gipfelgrat, auf dem die Mauer steht, ab. Auch bei der Restaurierung geht man einen Zwischenweg: Die ausgetretenen Stufen werden ausgebessert, ansonsten wird die Mauer jedoch in ihrem Urzustand belassen. Nach einem Ruhetag begeben wir uns in das große Unbekannte. Etwas nördlich von Simatai beginnt die Provinz Hebei. Verlässliche Straßenkarten gibt es für dieses Teilstück nicht. Mit Überquerung der Provinzgrenze hört auch die asphaltierte Strecke auf. Die Häuser am Straßenrand werden schlagartig ärmlicher. In den Dörfern ist die wirtschaftliche Entwicklung noch nicht angekommen. Der einzige Laden, an dem wir vorbeifahren führt nur das Basissortiment an Lebensmitteln und Haushaltswaren. Ärmlich gekleidete Kinder säumen die Straße und starren uns an; offensichtlich die ersten Langnasen, die ihnen begegnen. In regelmäßigen Abständen fahren wir an Hanfplantagen vorbei. Sicher kein Wildwuchs, eher illegaler aber tolerierter Anbau für den Verkauf in Peking, mit seinem steigenden Bedarf an Cannabis, vor allem in der Ausländerkolonie. Das einzige, was sich in dieser rückständigen Region mit großem Gewinn anbauen lässt. Als wir wieder die Hauptstraße erreichen wartet bereits die Polizei auf uns. Was wir den hier wollten, fragt der Polizeichef. Das Gebiet wäre für Ausländer geschlossen. Haben wir nicht gewusst, erwidern wir. Auf jeden Fall müssten wir so schnell wie möglich von hier weg. Was sich gut trifft, da es bereits später Nachmittag geworden war und wir sowieso nach auf der Suche nach einem Bus gewesen waren, um die restlichen Kilometer bis Chengde zu überbrücken. Ein Bus ist auch bald gefunden, die Polizei hilft uns dabei, froh sich dadurch eine Menge Verwaltungsaufwand zu ersparen. Und wir sind am frühen Abend in Chengde, dem nördlichsten Punkt unserer Tour. Hier hat uns auch das moderne China wieder. Als ehemalige Sommerresidenz der chinesische Kaiser ist Chengde eine touristisch gut erschlossene Kleinstadt, die auch eine Menge andere Investoren anzieht. Alt und neu stoßen hier auf kleinsten Raum aufeinander. Neben modernen Neubauten gibt es immer noch unzählige kleine Straßenmärkte, auf denen man Gemüse, Kleidung und – Tribut an die vielen Touristen – Antiquitäten kaufen kann. Daneben kleine Garküchen, auf denen Nudelsuppen, Maultaschen und andere Spezialitäten für wenig Geld angeboten werden. An manchen Stellen, wo die alte Bebauung das moderne Stadtbild stört, hat man diese hinter großflächigen Werbeplakaten versteckt. Wir übernachten in einem alten Hotel aus den 50er Jahren im stalinistischen Stil. Auch den kommunistischen Kadern war und ist Chengde ein beliebtes Ausflugsziel.

Von Chengde aus fahren wir mit der Eisenbahn zurück nach Peking. Die Räder kann man ohne Probleme auf die Bahn geben. Nur gut verpacken sollte man sie: Die Eisenbahner gehen nicht unbedingt zimperlich mit den Zweirädern um. Aber das ist ja nicht unbedingt ein chinesisches Phänomen. Unsere Räder erreichen auf jeden Fall ohne eine Schramme Peking. In den verbleibenden Tagen erkunden wir noch die chinesische Hauptstadt mit den Fahrrädern. So kurz vor dem 50. Jahrestag der Staatsgründung sind die meisten Baugerüste, die den Boulevard des ewigen Friedens, die Hauptostwestachse Pekings, säumten, bereits entfernt und enthüllen in kurzen Abständen aneinandergereihte spiegelverglaste Repräsentationsbauten, wo vor zwei Jah-ren noch einstöckige Hofhäuser standen. Straßenkehrer wischten den Bauschutt von den Eingängen der neuen U-Bahnlinie, einer dringend benötigten Ost-West-Verbindung. Blumenrabatten und Wasserspiele verzieren auf beiden Seiten die Straße. Alte Männer, alt genug, um den Gründungstag der Volksrepublik noch in lebhafter Erinnerung zu haben, fahren mit staunenden Augen ihre Frauen auf kleinen Lastenfahrrädern durch das frisch enthüllte China der Zukunft. Menschentrauben bildeten sich vor Wasserspielen, die zu den Brandenburger Konzerten Fontänen in die Höhe spien.

Wir haben unsere Fahrräder wieder verkauft, nach kurzen Verhandlungen werden wir mit einigen Angestellten unseres Hotels handelseinig, die sich freuen, solch gute Räder für die Hälfte des Neupreises zu bekommen. Ein letzter Blick auf Peking: Rote Fahnen wehen vor dem neu eröffneten neuen Flughafen; eine gewagte Dachkonstruktion, hohe, lichte Wartehallen, auf Wachstum gebaut. Unverkennbar stand der neue Hongkonger Flughafen Pate. Ein weiteres Prestigeobjekt der chinesischen Modernisierung ist damit fertiggestellt.

Fassade oder Realität? Wir haben beides in den letzten drei Wochen erlebt.
 

 

 

 

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