Multi-Kulti zwischen Kirchtürmen

Ruhetag in Vilnius mit langem Stadtspaziergang.

Den Bier schock habe ich leidlich überstanden, leider ist Litauen ein miserables Kaffeeland, ebenso wie Polen, überall nur “Schwerterkaffee”. Vielleicht bin ich aber auch nur durch Vietnam verwöhnt, wo man den Löffel regelrecht in das muntermachende Schwarzgetränk stecken konnte.

Gintas ist auch pünktlich im Hotel, gestern Abend hatte sich ja unser Treffen etwas verzögert, natürlich wegen Kommunikationschwierigkeiten, in meiner Mail an Sigitas hatte ich das “Comfort” Hotel erwähnt, am Telefon dann nur beiläufig gesagt, dass wir jetzt im “Panorama” sind, ob er wisse wo das ist. Und natürlich wartete Sigitas dann im “Comfort” und wir im “Panorama”. Ja, die Sprache ist eben das Grundübel aller Kommunikationsstörungen.

Das Wetter ist heute wieder mehr als angenehm, zwar morgens noch ein wenig frisch, aber als wir durch die alten Straßen und Gassen ziehen wird es schon wärmer. Zentrales Element sind immer wieder die Kirchen, von denen wirklich an jeder Ecke eine steht. Über 50 soll es im engeren Stadtgebiet geben und man sagt, es gebe in Vilnius keinen Platz, von dem man nicht mindestens vier Kirchen sehen kann.

Interessant ist auch der Stadtteil “Uzupis”, der Prenzlauer Berg von Vilnius, oder wenigstens das was der Prenzlauer Berg für Berlin einmal war. In dem ehemaligen jüdischen Stadtteil haben sich nach dem Holocaust vor allem Obdachlose, Kriminelle und Prostituierte hier niedergelassen. Die Gebäude und Straßen waren ordentlich verwahrlost. In den 90er Jahren wurde es dann aber zu einer Künstlerkolonie. Als eine Kunstaktion wurde dann die “Unabhängige Republik Uzupis” gegründet mit Regierung, Präsident und 12-Mann-Armee, letztere wurde aber wegen fehlenden Feindes wieder aufgelöst. Interessant bis witzig sind die Verfassungsparagraphen der Republik. Ich nenne nur ein paar Beispiele:

• Jeder Mensch hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbei zu fließen.
• Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach.
• Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, aber das ist keine Pflicht.
• Jeder Mensch hat das Recht, Fehler zu machen.
• Jeder Mensch hat das Recht auf Zweifel, aber das ist keine Pflicht.
• Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein.
• Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich zu sein.
• Jeder Mensch hat das Recht faul zu sein oder einfach nichts zu tun

Genügend philosophisches Potential, um bei süffigem litauischen Bier lange Abende lang zu diskutieren.

Hinter dem Viertel liegen dann wieder Kirchen und der Gediminas, ein nach dem bekanntesten König des Landes benannter Berg, auf dem sich die Ruine der Festung befindet und man eine grandiose Sicht über die Stadt hat.
Hier habe ich zum letzten und zum ersten Male so ziemlich genau vor 19 Jahren gesessen, auf meiner ersten richtig großen Radtour und auch damals war ich auf dem Weg nach China. Der Blick vom Gedeminas auf die Altstadt ist eine der wenigen konkreten Erinnerungen, die noch nicht verblasst sind, damals war es allerdings kühler und regnete ein wenig. Von oben habe ich damals versucht, die Kirchtürme zu zählen und bin auf über 20 gekommen. Wir genießen heute hier wieder den Blick, die warme Sonne und das Spiel der Wolken und trennen uns dann für den Rest des Tages. Zuvor verabschieden wir uns mit einem Lied von Gintas und ich freue mich auf die nächste Begegnung. Die litauischen Radler um Sigitas wollen auch von China nach London radeln, zwar auf einem anderen Weg, aber spätestens kurz vor London sollte sich eine Begenung nicht mehr vermeiden lassen.

Einige wollen noch den Hügel mit den drei Kreuzen besteigen, mich zieht es noch in die eine oder andere Kirche und in die vielen interessanten Galerien im Zentrum. Beeindruckend ist eine kleine ethnographische Fotosammlung, gut 100 Jahre alte Fotos, sehr systematisch angelegt, Familien vor ihren Häusern und bei der Arbeit. Oftmals mehrere Aufnahmen mit der gleichen Person in verschiedenen Positionen. Die Sammlung ist eine kleine Rarität und gibt gute Einblicke in das bäuerliche und ländliche Leben. Die gute Qualität der Aufnahmen lässt mich oft ganz nahe herantreten und die Gesichter studieren, dabei versuche ich die Charaktere zu ordnen, wer hat Durchsetzungsvermögen, wer ist der Komiker, wer trinkt gerne viel Wodka…..

Den Rest des Tages gehe ich ruhig an, ein kleines Schläfchen, Wäsche waschen und Internet und ein kleines Abendessen, noch einmal Rote Beete Suppe und gesalzener Hering, zum Nachtisch einen Zitronen-Käsekuchen, lecker und eine gute Basis für einen langen Tag morgen.

Aprilwetter vor Vilnius

46 km von Margis über Trakai nach Vilnius, 240 hm bei Sonnenschein, Regen, Hagel und Gewitter zwischen 15 und 24 Grad.

Der Morgen glänzt wie der gestrige Abend und wir können uns Zeit lassen und das dicke Buffet genießen. Wir verlassen dann wieder alle mit dicken Taschen den Saal und haben für unseren mittäglichen Picknick-Imbiss vorgesorgt.

Zur Hauptstraße haben wir heute keine Alternativen, aber wir sind auch nach 10 Kilometern in Trakai, der ersten litauischen Hauptstadt, bevor der Sitz nach Vilnius oder zeitweise nach Kaunas verlegt wurde. Trakai ist ein kleines Städtchen und traumhaft schön, fast ein große Museumsdorf. In den Straßen stehen alte Holzhäuser, alle pastellfarben angemalt und das litauische Gelb darf natürlich auch nicht fehlen.

Auf einer Insel gelegen befindet sich die alte Wasserburg, in der der litauische König residierte. Es ist eine richtige Ritterburg, wie man sie sich vorstellt, hohe dicke Mauern, kleiner Innenhof, Türme und Verließe, ein Rittersaal und ein Schatzkammer und an den Mauern Schießscharten, um den Angreifern das Angreifen schwer zu machen. Die Anlage soll zwar häufig belagert, aber niemals eingenommen worden sein, was allein beim Anblick schon gut vorstellbar ist.

Mich beeindruckt vor allem, dass es hier in mittelalterlichen Zeiten schon ein Luftheizungssystem gab, mit dem es in der Burg behaglich warm wurde, war ich doch noch vor vier Wochen im Schloss von Bamberg und durfte dort lernen, dass die Blaublüter dort, trotz der Kanonenöfen hier bis ins 18 Jahrhundert hinein noch mächtig gefroren haben; die adligen Hütten ließen sich höchstens auf 14 oder 15 Grad im Winter beheizen.

Was ich bisher vergessen habe zu schreiben ist, dass wir eine sehr sangesfreudige Gruppe sind, das geht vor allem auf Gerhard und Miriam zurück. Gerhard zückt zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Mundorgel, also sein kleines Gesangsbuch, von denen er drei Exemplare dabei hat, und dann schmettern wir Wohlklang in die litauische Landschaft. Heute verbrüdert sich Gerhard mit dem Musikanten vor der Wasserburg und versucht das Budget der Gruppenkasse etwas aufzubessern.

Von Trakai starten wir dann nach Vilnius, der Hauptstadt Litauens und unserem Ruhetag entgegen, wir haben zwar eine Nebenstraße ausgewählt, aber auch hier rollt dichter Verkehr, außerdem zieht eine Gewitterwolke heran, es sieht nach einem kurzen Guss aus und so versuchen wir anfangs den Regen zu ignorieren, aber der Himmel verdunkelt sich weiter und das Wetter entscheidet sich für weitere Regengüsse. Dann wird es sogar richtig heftig, denn es hagelt richtig dicke Hagelkörner, doch wir haben Glück und müssen nur vier oder fünf Minuten durch das Geprassel, dann erreichen wir eine Tankstelle, wo wir das Ende des Hagels abwarten.

Leider hört es aber nicht auf zu regnen und so entschließen wir uns weiter zu fahren. Leider geht es jetzt nur noch auf der Stadtautobahn in die Stadt und überall gibt es riesige Pfützen und so werden wir jetzt von den vorbeirauschenden LKW auch noch ordentlich seitlich mit dreckigem Wasser besprüht.

Unser Hotel finden wir recht schnell, es heißt “Panorama” und trägt seinen Namen zu Recht. Man hat einen wunderbaren Blick über die gesamte Altstadt mit ihren über 50 Kirchen und Domen und inzwischen gibt es auch eine kleine Skyline. Am frühen Abend ziehen wir noch einmal los zu einem kleinen Stadtbummel und besichtigen eine katholische und eine russisch-othodoxe Kirche. Der König von Litauen hat im Mittelalter nicht nur Baumeister aus aller Welt, also damals Italien, holen lassen, sondern auch Handwerker anderer Gilden angelockt und Religionsfreiheit zugesichert und so gibt es hier katholische, evangelische, russisch-othodoxe Kirche und natürlich auch Synagogen und eine Moschee. Die Altstadt wurde von der UNESCO dem Weltkulturerbe zugeordnet und weite Teile sind schon sehr schön saniert. Mir gefallen aber trotzdem die abgewohnten Hinterhöfe und nicht durchgestylten Nebenstraßen besser.

Nach zwei Stunden enden wir in einem traditionellen Pfannkuchenladen und neben leckeren Pfannkuchen bekommen wir hier auch leckere Suppen, ich nehme eine Gemüsesuppe auf Milchbasis, leicht gesalzen, ansonsten wenig gewürzt, aber durch das Gemüse sehr schmackhaft. Auch die kalte Rote Beete Suppe ist grandios und rech einfach herzustellen, zur Not tut es Rote Beete aus dem Glas in feinen Würfeln, dazu saure Sahne und Sahne zum verflüssigen, gewürzt wird mit Salz und wenig Pfeffer, wichtig ist als Einlage noch ein gewürfeltes gekochtes Ei und frische Kräuter und das heißt vor allem Dill und Schnittlauch ist auch möglich dazu. Ich würde zu hause vielleicht noch kleine Würfel einer filetierten Gurke dazu tun. Das ganze heißt „Saltibarsci“ und falls ich wirklich mal ein Restaurant aufmachen sollte, kommt das Zeug ab und zu mit auf die Karte.

Am Abend treffen wir uns noch mit Sigitas, Physikprofessor, und Gintas. Beide kenne ich, wie Monika von der Athen-Beijing Tour. Sigitas war der Chef und Organisator der “Litauisch-Polnischen Alkoholikergruppe”, wie wir sie immer genannt haben, umgekehrt waren wir immer die “5-Sterne-Radler”. Auf alle Fälle landen wir am Abend dann noch alle in einer netten Eckkneipe, erzählen über unsere Tour, schwärmen von den guten alten Zeiten und schmieden neue Pläne bis uns der Wirt rausschmeißt und die Straße schon leicht wackelig unter meinen Füßen wird. Aber zum Hotel und dem superweichen Bett ist es nicht weit und morgen können wir ausschlafen und Gintas kommt erst um 10 Uhr vorbei, um uns ein wenig durch die Stadt zu führen.

Höhenprofil

Einmal durch den Wald und über die Wiese

137 km von Druskininkai nach Margis bei Trakai, Hauptstraße, Nebenstraße und Feldwege, 380 hm bei meistens Sonne bis 23 Grad und 34 Regentropfen.

Manchmal sind die Tage voll gestopft mit Ereignissen und an anderen Tagen ließe sich der Tag damit zusammenfassen, einmal quer durch den Wald und über ein paar Wiesen gefahren zu sein.

Vor allem am Morgen sind dir auf der großen Straße unterwegs. Glücklicherweise ist der Verkehr nicht sehr dicht, denn die Fahrer kennen kaum Gnade mit Radlern. Es wird ziemlich schnell gefahren und recht eng überholt in Litauen und vor allem bei großen Transportern mit Anhänger kommt man im Luftsog etwas ins Schlenkern. Also muss man peinlichst darauf bedacht sein, seine Spur ganz rechts zu halten. Aber wir sind nicht die einzigen Outsider auf dem Highway, heute kommt uns das erste Pferdegespann entgegen, der Kutscher hat eine rote Nase und für den späten Vormittag schon mächtig einen sitzen. Er brabbelt ein Gewirr aus Litauisch mit russischen und englischen Wortfetzen, wie auch immer freute er ich wie ein kleiner Schneekönig und Barbara wurde ordentlich umarmt und mit Handküssen bis zum Ellenbogen bedeckt, als sie erzählt, dass wir aus Deutschland kommen. Dann wird aber das Pferd unruhig und biegt samt dem noch einmal winkenden Besitzer in den Wald ab und denkt wohl: „Immer dieser Stress mit meinem Alten, wenn er was getrunken hat; ich will jetzt endlich nach Hause!“

Dann sind wir endlich wieder auf kleiner Straße und es wird ruhiger. Den ganzen Vormittag ging es einfach nur durch dichten Kiefernwald, ansonsten nichts anderes, nicht einmal eine Siedlung, das wird erst jetzt auf der Nebenstraße anders. Es gibt immer noch viel Wald, aber dann kommen auch wieder die schönen freien Flächen mit den bunt verstreuten Häusern. Hier und da leuchten die Holzhütten wieder in Gelb, die zweitliebste Farbe der Litauer scheint Grün zu sein. In manchen kleinen Dörfern scheint sich in den letzten hundert Jahren nichts geändert zu haben, es sieht manchmal wie in einem Museumsdorf aus. Vereinzelt sieht man dann aber einen Traktor übers Feld fahren, mit dem Pflug oder der Egge hinten dran. Über andere Felder stiefeln ein paar Bauern in Gummistiefeln und düngen per Hand.

Da einige Straßen, die ich heute nehmen wollte, nicht asphaltiert waren kommen mehr Kilometer zusammen als gedacht und am späten Nachmittag müssen wir dann doch noch über den Schotterweg. Es ist nicht ganz so staubig und sandig wie gestern, aber trotzdem recht anstrengend auf der Wellblechpiste. Auch stauben uns nicht ganz so viele Fahrzeuge zu. Nach 10 Kilometern durch den Staub eine kleine Verschnaufpause in einem größeren Dorf, wir tanken nach 115 Kilometern noch einmal Kraft mit Bananen und Schokolade, dann geht es weiter auf der Piste. Allerdings führen die kleinsten Straßen immer durch die schönste Landschaft und man kann sich gar nicht satt gucken, vor allem jetzt am Abend, wenn die Sonne tief steht und alles in warme Farben taucht.

Unser Hotel heute liegt dann am See und ist mehr als luxuriös, riesige Zimmer und ein riesiges Bad und ein riesiges Bett und Essen gibt es gleich unten im Lokal, während draußen die Sonne im See verschwindet.

Höhenprofil

Der 1000ste Kilometer und das Land der gelben Häuser

106 Kilometer von Suwalki über die litauische Grenze nach Drukininkai, 530 hm auf guter Straße und 8 km Piste, ohne Gegenwind! und bei herrlichen 25 Grad.

Pünktlich um 8 Uhr steht unser neuer Fahrer aus Litauen vor der Tür, Gedeminas heißt er und es dauert eine Weile, bis wir ihm ein Lächeln entlocken und das ging so: Nachdem er mit eher frostigem Gesicht unser Gepäck verstaut hatte und wir zum Aufbruch bliesen, stellte ich ihn der Gruppe vor und diese antwortete wie ein Chor von Zweiklässlern: „ Hallo Gedeminas!“ und dann kam das Grinsen.

Die letzten Kilometer in Polen sind noch einmal mehr als interessant, denn wir stoppen in zwei schönen Dominikanerklöstern, vom Turm des Klosters Wigry hat man eine herrliche Sicht über masurische Seen und riesige Wälder. In Sejny befindet sich ein zweites Kloster, wir zahlen sogar Eintritt fürs Museum, doch das ist eher eine große Baustelle, lediglich spannend ist es in einer alten Kiste mit noch älteren Fotoplatten eines örtlichen Porträtfotografen zu kramen und die Glasplatten mit den Negativen gegen das Licht zu halten. Die Kiste mit den verstaubten Schätzen hätte ich mir am liebsten aufs Rad geschnallt.

Hier in Seijny verlässt uns dann auch Monika, sie wäre gern noch bis Vilnius mitgekommen, muss aber morgen wieder in Warschau an der Uni sein. Sie verspricht uns, eventuell in China zu sein, wenn wir dort ankommen, mal sehen ob es klappt.

An Ereignissen mangelt es nicht, noch in Seijny fahren wir an einem Auto vorbei, das genau 30 Sekunden vorher Feuer gefangen hat, die Feuerwehr ist sehr schnell und schon zwei Minuten später vor Ort, noch bevor überhaupt viele Neugierige wie wir sich auf der Straße sammeln konnten.

Wenige Kilometer später, kurz vor der Grenze nach Litauen haben wir unser erstes Jubiläum: die ersten 1.000 Kilometer von Berlin liegen hinter uns und damit schon ein zwölftel der Reise, einfach nicht zu glauben. Wir arrangieren ein schönes Stillleben mit Maysie (das Schaf von meinem Sohn Peter, das auf meinen Reisen immer auf mich aufpasst), dem GPS mit der Kilometermarke und unserem Zubrowka-Schnaps, einem 40%igem Wodka mit Büffelgras, was dem Getränk einen leicht kräuterigen Geschmack verleiht.

Dann sind wir in Litauen und versuchen uns mutig auch gleich an der ersten Abkürzung. Die winzige Straße führt durch eine viel sanfter Landschaft als in Polen, alles ist leicht hügelig und fast beschwingt und die Litauer lieben kleine gelbe Holzhäuser, die in jedem kleinen Dorf oder einfach in der Landschaft verteilt zu sehen sind.

8 Kilometer müssen wir über ein Piste, was nur einmal unangenehm wird, als uns zwei LKW in einer dichten Staubwolke verschwinden lassen, dann haben wir wieder Asphalt zurück. Bis zum Ziel geht es weiter über seichte Hügel und weite Frühlingslandschaften und etwas später durch Kiefernwälder in den kleinen Ort Drushkinkai, einem Kurort mit einem schönen See fast im Zentrum. An dessem Ufer finden wir auch ein lokales Restaurant mit tollem litauischen Essen. Zepellinui sind mit Fleisch gefüllte Kartoffelklöße und es gibt eine hervorragende Sauerkrautsuppe. Im Nachbarsaal sorgt eine zwei Mann (plus Frau) Combo für Stimmung bei Kurgästen. Bei russischen Schlagern kommt Gerhard dann auch in Stimmung und etwas später schwingen auch Barbara und Karin das Tanzbein. Alles endet dann glücklicherweise noch nicht bei Wodka, sondern bei einem Abschiedsfoto.

Wir müssen etwas eher ins Bett, denn mit der Grenze haben wir heute die erste Zeitzone überschritten und es erst am Ziel gemerkt, als keine Wechselstube mehr auf hatte, aber zum Glück gibt es ja noch Bankautomaten.

Höhenprofil

Abschied von Polen

100 km von Gizycko nach Suwalki, 510 hm bei schönstem Wetter bis 25 Grad leichtem Gegenwind, letzte Nacht in Polen.

Der heutige Tag lässt sich eigentlich kurz zusammenfassen, schönes Radeln. Das wetter war wieder einmal toll und die Landschaft noch einmal wunderbar masurisch, also Hügel, Wälder, Wiesen und Seen. Der anbrechende Frühling tut sein Übriges, in den Wäldern wieder Buschwindröschen und andere Blumen. Die Störche klappern in ihren Nestern und ab und zu steht irgenwo eine Kuh auf der Weide und guckt uns nachdenklich nach. Wenn da nicht der ständig leichte Gegenwind wäre, der über den Tag gesehen dann doch die Kräfte aus den Knochen saugt.

Am Morgen haben wir in Suwalki noch ein kleines Besichtigungsprogramm absolviert. Zuerst waren wir an der Drehbrücke, die den Kanal zwischen den beiden an der Stadt liegenden Seen verbindet. Ein kleines technisches Wunderwerk, das leider gerade renoviert wird und so gab es nicht viel zu sehen und wir müssen unsere Räder zweimal über die steile Treppe der Fußgängerbrücke schieben. Etwas vor der Stadt liegt die Feste Boyen aus dem 18. Jahrhundert. Damals eine der modernsten Festungsanlagen mit dem Grundriss eines siebenzackigen Sterns. Leider wurde auch diese Festung zum Teil wieder abgerissen und ist ansonsten schön grün überwuchert. Man kann aber die Mächtigkeit der Bollwerke und Verschanzungen noch erahnen. Ein Fall für Archäologen in 200 Jahren, scherzen wir, die können dann die Anlage wieder ausgraben und renovieren.

Gegen 17 Uhr erreichen wir Suwalki, wieder eine sehr kleine Stadt, aber schöner als Gizycko, wo es sehr viel neubauten aus den 70er und 80er Jahren gab. In Suwalki gibt es ein sehr schönes Zentrum mit kleinen Häusern aus dem 19. Jahrhundert und im Zentrum einen riesigen Platz, der bei Wikipedia noch als „größter Marktplatz in Deutschland“ gehandelt wird, irgendwie hat da der Autor ein paar geschichtliche Ereignisse übersehen.

Heute Abend heißt es Abschied nehmen von unserem ersten Fahrer Jarko, dessen Job hier endet. Wir gehen noch zusammen essen, bevor wir dem roten Kleinbus noch einmal hinterher winken. Viel Arbeit hatte Jarko nicht mit uns, wir machen eben einen etwas anderen Trip als andere Gruppen, die hierher zum Radfahren kommen, aber es war schön unser Gepäck immer schon im Hotel zu haben oder mal schnell die Jacke ins Auto werfen zu können.

Das Abendessen war noch einmal polnisch mit Teigtaschen oder Schnitzel oder gefüllten Pfannkuchen und für den morgigen Tag, an dem wir unsere ersten 1000 Kilometer vollenden werden, besorge ich noch eine Flasche mit Bisongras Wodka.

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Spuren deutscher Geschichte

128 km von Ostyn nach Gizycko, zumeist ruhige Straße, Besuch des Klosters Heiligelinde und des Führerhauptquartiers-Ost „Wolfsschanze“, deftige 750 hm bei Sonne bis 25 Grad und anfangs leichtem Gegenwind

Es ist fast gespenstisch am Morgen, die Straßen und Plätze wie leergefegt. Niemand ist am Ostermontag so zeitig draußen wie wir. Deshalb brauchen wir nach Barczewo auch nicht die Nebenstraße zu nehmen. In Barczewo treffen wir dann auch wieder auf die erwachten Polen. Doch jetzt heißt es vorsichtig zu sein, denn am Ostermontag ist es hier Tradition für die Kinder und Jugendlichen, sich mit kräftigen Wassergüssen zu durchnässen. Ab und zu sehen wir kleine wilde Jagden mit dem Wassereimer hinter dem Gartenzaun und die Teenies laufen alle schon recht feucht herum. Zum Glück sind die Kids alle ordentlich mit sich selbst beschäftigt und nehmen keine Notiz von uns. Auch die sonntäglich gekleideten Spazier- und Kirchengänger scheinen nicht behelligt zu werden.

Landschaftlich ist es heute wieder richtig „masurisch“, endlich hin und wieder ein schöner See, aber natürlich auch ordentlich hügelig. Die meisten Dörfer machen einen gepflegten Eindruck und ab und zu sieht man mehr als schicke Häuser, hier kann man vom Tourismus also recht ordentlich leben. Die kleinen Städte und Dörfer unterwegs sind recht sehenswert, überall gibt es recht schöne Kirchen, wir haben schon die in Barczewo besichtigt, relativ einfach ausgestattet, aber trotzdem imposant durch die riesige Höhe im Kirchenschiff. Auch in Rezel leuchtet uns wieder ein größere Kathedrale entgegen, sowie die Reste einer Ordensburg. Aber wir lassen diese links liegen, da wir heute noch mehr Programmpunkte haben.

Die meisten Städte haben neben den polnischen Namen auch noch die deutschen Namen. Die meisten größeren Siedlungen wurden vom Deutschen Orden im 13. Jahrhundert gegründet und gehörten dann je nach der politischen Situation zu Deutschland oder Polen. Meistens hielt sich der polnische und deutsche Bevölkerungsanteil die Waage. Das letzte deutsche Kapitel begann hier mit dem Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg, einige Städte wurden dem „polnischen Korridor“ zugeordnet, andere konnten per Volksentscheid abstimmen, zu welchem Staat sie gehören.

Gegen 13 Uhr sind wir in „Swieta Lipka“, am Kloster der heiligen Linde, einem Wallfahrtsort. Entsprechend viel Trubel ist hier, leider ist der Dom eingerüstet. Die Linde, an der es eine Marienerscheinung gegeben haben soll ist nicht auf Anhieb zu finden. Um sie wurde die Kirche gebaut und der Baum steht nun verdorrt in einer Ecke und wir bekommen ihn nicht zu Gesicht, denn in der wirklich mehr als prachtvoll mit Decken- und Wandgemälden ausgestalteten Kirche läuft gerade eine Messe und wir wollen uns nicht durch die Betenden wühlen, nur um die vertrocknete Linde zu fotografieren. Um die Kirche herum gibt es zahlreiche kleine Läden mit Devotionalien wie kleine Jesusse und Marien und pseudoreligiösen Kitsch in bunten Farben, wie sich doch die Religionen dieser Welt ähneln.

Bis zu einem dunkleren Punkt der deutschen Geschichte sind es nicht einmal 25 Kilometer, bei Rastenburg befindet sich das ehemalige Führerhauptquartier-Ost „Wolfsschanze“, ein Areal von gesprengten Bunkern tief im Wald gelegen. Selbst die Bevölkerung in der Umgebung hat nicht einmal geahnt, dass der Führer hier mehr als 800 Tage in den „Farbwerken Askona“ verbracht hat. Seite dem Stauffenberg Film „Operation Walküre“ mit Tom Cruise als Graf Stauffenberg sollte den Ort jedoch jeder kennen, auch wenn der Film in den Babelsberger Studios in Potsdam gedreht wurde. Die Bunkeranlage ist beeindruckend, obwohl mehrere hundert Tonnen Dynamit verplempert wurden, um die Anlage beim Rückzug 1945 zu sprengen, ist es nur zum Teil gelungen, den bis zu 20 Meter dicken Stahlbeton zu spalten.

Heute führt ein fast romantischer Waldweg mit vielen Blumen an den düstern Bunkerruinen vorbei, überall prangen Warnschilder, die Anlagen nicht zu betreten oder zu weit in den Wald zu schlendern, bisher hat man schon 54.000 Mienen entschärft.

Leider ist meine Gruppe verschwunden, als ich noch ein paar Fotos machte und so muss ich alleine meine Runde ziehen, um zu sehen in welchem düstern Loch sich Hitler vor Bombenangriffen schützte. Mit einiger Wahrscheinlichkeit boten die Bunkeranlagen keinen großen Komfort oder Luxus. Auf dem Parkplatz treffen wir uns alle wieder. Die Kilometer gegen den Wind am Morgen machen sich langsam bemerkbar und so schleppen wir uns dann mehr oder weniger die letzten 25 Kilometer bis nach Gizycko. Währenddessen wird es noch einmal richtig schön, die Sonne steht schon tief am Horizont und leuchtet rot über den Seen vor der Stadt.

Wir kommen also wieder einmal ordentlich müde an und schaffen es gerade noch in die nächste Pizzeria und vernichten drei riesige Family-Pizzen, bevor wir dann zurück in Richtung Bett schleichen.

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Ruhige Ostern!

Ruhetag in Olstyn, der wegen des Feiertages noch ruhiger verläuft als geplant, das Wetter ist wieder schön mit ein paar Wolken am Nachmittag und kräftigen Windböen, die uns heute am Arm vorbeigehen.

Das Zentrum von Olstyn ist nicht sehr groß und eigentlich haben wir das wichtigste schon gestern Abend abgeklappert, aber wir machen die runde durchs Städtchen noch einmal. Leider ist heute zum Ostersonntag so absolut gar nichts los in der Stadt, erst gegen Mittag kommen eine handvoll Spaziergänger aus den Häusern, ansonsten ist kaum eine Seele auf der Straße und natürlich hat auch alles zu, aber auch wirklich alles, jeder laden und jedes Restaurant und jedes Cafe.

Ich nutze die Zeit zu einem langen Mittagsschlaf und ein bisschen Arbeit an meiner Webseite und da es ein Ruhetag ist, gibt es heute auch nur einen kurzen Eintrag im Blog.

Karin, die gestern am späten Abend aus Deutschland wieder zu uns gekommen ist, hat selbst gebackenen Kuchen von der Goldenen Hochzeit ihrer Eltern mitgebracht und rettet damit den kulinarischen Teil des Tages.

Auch am Abend gibt es kein einziges Restaurant, das geöffnet hat, nur die Kneipe neben dem Hotel mit über 200 Biersorten hat auf. Wir probieren Kakaobier und Cherrybier und einiges andere und zwei Bier sind schließlich auch ein ganzes Steak.

Masuren kompakt

57 km von Osteroda über Olstynek nach Olstyn, Besuch im Freilichtmuseum, kleine Straße und große Straße bei bis zu 25 Grad, 600 Höhenmeter, Sonnenschein und 12 Regentropfen plus eine blitzende und donnernde Gewitterwolke.

Die Frühstücksbuffets in Polen sind immer grandios, so dass wohl dieser Standard kaum noch gehalten werden kann, wenn wir weiter nach Osten vorstoßen. Gepökelter Fisch, Würstchen, gefüllte Eier, eingelegte Pilze, dazu natürlich Wurst und Käse, Pastetchen und auch genug Dinge für die Müslifraktion.

Wir beschließen heute nicht nach Osterode zur Stadtbesichtigung zurück zu fahren. Stattdessen geht es über eine wirklich schöne Nebenstraße nun langsam in die Masuren, das heißt, es wird hügeliger, es gibt mehr Wald und ab und zu Seen zu sehen. In den Wäldern blühen Unmengen von Buschwindröschen, davon hatte ich ja gestern schon Bilder im Blog. Auf der Straße geht es mehr als ruhig zu, aber es ist ja gerade hier in Polen auch schon Feiertag. Heute treffen sich die halben Dörfer auf ein Osterfest. Wir treffen in den Dörfern viele Familien, die ins Dorfzentrum Pilgern und Körbe mit Eiern und Schokolade in der Hand haben.

Entgegen leichter Bedenken hat das Freilichtmuseum der Masuren in Olstynek heute geöffnet. Viele Gäste gibt es nicht, doch uns soll es nur recht sein. Fast zwei Stunden pilgern wir durch die große Anlage, bestehend aus vielleicht zwei Dörfern mit vielen hölzernen Bauernhäusern, reichere und einfache, mit Fachwerk oder nur aus sorgsam ineinander verschachtelten dicken Stämmen. Es gibt eine Kirche, eine Schule, eine Kneipe und Windmühlen verschiedenen Typs. Die Gebäude stammen alle aus der Umgebung und sind 70 bis 150 Jahre alt. Einige Häuser sind begehbar und liebevoll ausgestattet mit altem Mobiliar. Im Gegensatz zu anderen Museen erscheint das Leben hier zwar eben etwas altmodisch, aber nicht ohne Gemütlichkeit gewesen zu sein. Manche Stube wirkt recht einladend, die Betten sind zwar alle recht klein, aber der Platz auf der Ofenbank war wohl vor allem im Winter nicht der Schlechteste.
Interessant ist es, die Nase in die Details zu stecken und zu sehen, wir die Windmühle nun wirklich funktionierte, welcher Raum in den Häusern sich am besten beheizen ließ und wer, wo im Haus geschlafen hat. Rundherum tummelt sich auch jede Menge Getier: Enten auf dem Teich und Pferde und Schafe auf der Koppel.

Irgendwann zieht dann eine dicke Regenwolke heran und es tröpfelt ein wenig. Als wir weiter fahren grummelt es ein wenig aus der Wolke und ein oder zwei Blitze zucken. Wir werden aber nicht nass und können sogar picknicken. Dazu haben wir inzwischen eine Tradition entwickelt. Wir mopsen uns die Zutaten vom Buffet und schmuggeln dann alles unter scheuen Blicken aus dem Frühstückssaal. Miriam bringt dazu immer ihre Jacke mit und ich ziehe meine Hose mit den großen Taschen an. Barbara blickt inzwischen nicht mehr „unauffällig“ durch den ganzen Saal, bevor sie ihre Sandwichs in Servietten verpackt. Wie der geneigte Leser also erkennen kann, leben wir unsere kriminellen Energien gut aus und haben sogar Spaß daran.

Am frühen Nachmittag sind wir in Olstyn, eine nette kleine Stadt und wir machen schon einen Rundgang, aber ich schreibe noch nicht zu viel, denn sonst bleibt für morgen nichts mehr übrig. Probleme gibt es nur ein Lokal zum Abendessen zu finden, denn wegen Ostern hat alles zu. Nach einiger Suche landen wir in einem Steakladen, aber es gibt auch nichtsteakiges und wir brauchen nicht hungrig ins Bett. Gegen 21 Uhr trifft dann auch Karin wohlbehalten wieder ein und unsere Truppe ist ab morgen wieder komplett.

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Tag der geschlossenen Türen

113 km von Grudziadz nach Osteroda bei schönstem Wetter bis 23 Grad, leichtem Gegenwind auf kleinen Straßen.

Auf dem Weg aus der Stadt fragen wir uns nach der alten Festung durch. Diese soll tolle Bollwerke aus dem 19. Jahrhundert haben und liegt etwa 2 km südlich von Grudziadz. Wir finden auch schnell den Eingang, aber alles ist militärisches Sperrgebiet und man kann nicht hineingehen, nur ein Tor, Schlagbaum und viel Stacheldraht. Also geht es weiter, der Umweg war nicht groß und wir fahren heute sogar auf der Hauptstraße, denn hier ist in Pogozno eine alte Ordensburg verzeichnet und die Straße hügelt vor sich hin durch die Wälder. Irgendwann taucht dann auch links im Laubwald die Burg auf, doch auch hier stehen wir vor verschlossenen Türen, die Burg gehört einem Bauern und es sieht nicht so aus, als ob Touristen hier willkommen wären.

Dann geht es auf Nebenstraßen nach Lasin, die hiesigen Sehenswürdigkeiten sind mehr als schnell abgearbeitet, das Rathaus von außen, der Wasserturm ist eher klein als bemerkenswert und die Marienkirche besticht auch eher durch Bescheidenheit. Ähnlich ergeht es uns in Ilawa, die „Lokals“ sagen sogar, dass es nichts besonderes zu sehen gäbe, wenigstens finden wir in der Stadt eine nette Bank mit Grün und Blumen drumherum zum Picknicken. Danach geht es auf einer kleinen schlechten Straße gegen den Wind, schön wird es erst, als wir in einen Waldweg abbiegen, der ist jedoch super asphaltiert und wir haben keinen Wind und Verkehr gibt es auch nicht. Das motiviert dann sogar für die letzten 12 km auf der Hauptstraße. Wegen einer Hoteländerung kommen wir aber gar nicht ins Zentrum von Osterode, obwohl dort ein paar schöne alt Gebäude und eine Burg zu besichtigen wären. Aber unser Hotel liegt in einem Vorort oder besser Vordorf ungefähr 5 km südlich aus der Stadt heraus.

Die 113 km fast ausschließlich gegen leichten Gegenwind haben wieder ordentlich geschlaucht und so gibt es nach einem kräftigen Schluck Wodka nur noch zwei Programmpunkte: Abendessen und Schlafen.

Ich realisiere, dass ich heute kaum Fotos gemacht habe, die Landschaft war aber den ganzen Tag lang schön, aber eben nicht spektakulär und wenn es gegen den Wind geht hat man kaum Lust anzuhalten. Zumal ich Mittag zwei Stunden Probleme mit dem Hinterteil hatte, aber die waren dann gegen Nachmittag genauso plötzlich wieder verschwunden, wie sie gekommen sind, so dass eine Ursachenanalyse nicht möglich war.

Höhenprofil

Alte Städte an der Weichsel

80 km von Torun über Chelmno nach Grudziadz, schlaffe 137 hm bei angenehmen 20 bis 23 Grad und Sonne, zwei schöne Altstädte und Sonnenuntergang an der Weichsel

Wieder ein Morgen wie aus dem Bilderbuch und gleich hinter Torun wird die Straße sehr ruhig, die Landschaft ist nicht spektakulär sondern eher einfach und ländlich, aber ohne Rückenwind ist es ein entspanntes Radeln und Gucken. Ich mag die polnischen Dörfer, es ist nicht so sauber und unerträglich clean wie in Bayern, sondern es sieht ein wenig gemütlich verschlampert aus.

In Chelmno, einer alten kleine Stadt treffen wir wieder auf die Weichsel. Die Stadt ist ein recht beeindruckend, ein tolles Renaissancerathaus auf dem Markt. An der Westseite ist ein eiserner Maßstab angebracht, die Culmer Elle, ein breiter Stahl, 4,37 Meter lang mit einer 14er Unterteilung, im 14 Jahrhundert das hier gültige Maß. Gab es Streit beim Messen von Stoffbahnen, die auf dem Markt gehandelt wurden, konnte man diesen hier schlichten. Auch die St. Marienkirche ist beeindruckend, der hohe gotische Saal ist reich geschmückt und eine Orgel schmückt die Rückwand. Ich mag diese großen Säle, hier könnte selbst ich religiöse Gefühle entwickeln, Licht, Akustik und Temperatur wirken halt auf Geist und Seele.

Gut für die Seele ist auch unsere Mittagspause vor einem bunt mit Blumen geschmücktem Friedhof. Wir haben wieder die geklauten Brötchen vom Frühstücksbuffet und eine Menge an frischem Gemüse und Obst. Zusätzlich habe ich noch eine Flasche Wodka organisiert und bis auf Jarek, unseren netten polnischen Fahrer nehmen alle einen kräftigen Schluck, das „Zoladkowa Gorzka“ Zeug ist wirklich gut und es fährt sich danach sogar noch ein wenig angenehmer. Aber keine Angst, wir haben nicht viel getrunken und auf der Straße gab es faktisch keinen Verkehr. Den gibt es dann auf dem Weg in die Stadt Grudziadz umso mehr, aber es gibt einen Radweg, der böse haken schlägt, aber vor den Trucks und wilden Autofahrern schützt.

Gegen 15 Uhr ziehen wir wieder los, diesmal zu Fuß, ich mag die Stadt, denn auch hier sind die alten Gebäude nicht auf Hochglanz poliert für den Tourismus, sondern es gibt auch noch graue Gebäude und mehr als ab und zu bröckelt eben auch mal der Putz. Vom Stadtwall hat man einen hervorragenden Blick über die Weichsel und ein schmaler Weg führt durch blühende Sträucher am Ufer entlang. Auf einer Erhöhung werden die Reste der Kreuzritterburg aus dem 12. Jahrhundert ausgegraben und langsam wieder hergestellt und man hat in alle Richtungen eine gute Aussicht.

Wir schlendern durch die alten Straßen mit den historischen Speichern, manche dienen als Wohngebäude, manche sind fast verfallen und manche schon chic renoviert. Der Mix macht eine gute Mischung. Schwieriger wird es ein Restaurant zu finden, die „Pirrogarnia“ war leider schon geschlossen und auf Pommes hatten wir natürlich keine Lust, doch neben dem Hotel gab es einen „Chinesen“. Der hat zwar mit chinesischem Essen so viel zu tun, wie Hodscha Nasreddin mit dem Weihnachtsmann, aber es schmeckt nicht übel und es gibt gigantische Portionen zum netten Preis. Danach sind wir so voll, dass wir einen weiteren Spaziergang brauchen. An der Weichsel geht die Sonne unter und es ist wieder ein wunderschönes Foto für meine „10.000 langweiligsten Sonnenuntergänge der Welt“.

Höhenprofil