Hitzewelle II

133 Kilometer von Koschurno nach Tschuluim, 68 hm, sonnig bei 31 Grad im Schatten, relativ ruhiger Verkehr auf der M 51, heute fast durchweg recht guter Asphalt.

Unsere zweite Zeltnacht war gelungener als die erste, nicht ganz so viel Kleingetier und man gewöhnt sich an das kleine Zelt. Unser Zeltplatz ist von der Straße kaum zu sehen, denn wir haben vier grüne Zelte, alle bei Lidl gekauft, superleicht, nur 1,5 kg. Dafür kann man natürlich keinen Luxus erwarten, es ist eben ein einfaches Zelt für den Notfall. Gegen Morgen wird es dann an den Zeltwänden recht feucht vom Kondenswasser, aber das ist kein Problem, denn es verspricht wieder ein sonniger Tag zu werden, als wir um 5 Uhr schon wieder aufstehen.

Die Morgenstunden von 6.30 bis gegen 11 Uhr sind wirklich toll auf dem Rad, es ist angenehm frisch und die grüne Landschaft fliegt vorbei. Am Anfang liegen noch einige zarte Nebelschwaden wie feine Spinnweben über der Landschaft und lösen sich schnell auf. Heute wechseln sich weite Flächen mit kleinen Birkenwäldchen ab und ab und an hören wir auch wieder einmal die Transsibirische Eisenbahn in der Nähe vorbei fahren. Welch ein Unterschied ist es hier mit der Bahn nach Beijing durchzurauschen oder mit dem Rad zu fahren. Trotz der Anstrengungen ist mir und meinen Begleitern die zweite Variante immer noch lieber. Es ist schon toll hier in Sibirien, die unendliche Weite der Landschaft ist nur schwer zu fassen. Eigentlich wünscht man sich, dass die kühlen Morgenstunden nicht enden, denn dann ist es richtig schön. Gegen Mittag steht dann die Sonne im Zenit und strahlt mit voller Kraft und heute realisieren wir zum ersten Mal bewusst: Es ist Sommer. Und wir werden uns an die Hitze gewöhnen müssen, wohl bis fast ans Ende der Tour in Beijing. Doch vorerst liegt unsere Aufmerksamkeit auf der nächsten großen Stadt Novosibirsk. Ich bin recht zufrieden, denn wir werden es wohl schaffen noch eine Tag heraus zu arbeiten bis dorthin.

Dann kommen wir drei Tage eher am Baikal an und werden Beine und Seele im kühlen Baikal baumeln lassen. Ich freue mich besonders, denn ich bekomme Besuch von meiner Freundin. Miriam und Gerhard werden am Baikal den Familienverband verstärken, denn Mirjams Schwester Annabell wird eine Etappe bis nach Ulan Bator mitfahren.

Das Mittagessen kommt bei knapp 75 Kilometern an einer angenehmen Raststätte, zuerst packen wir noch einmal Zelt, Schlafsack und Isomatten zum Trockenen aus und verursachen damit so ziemliches Chaos, doch es wird vom Personal ohne Widerspruch hingenommen. Hier kommen nicht so oft Ausländer durch. In Tjumen haben wir eine französische Familie mit dem Wohnmobil getroffen, gestern in der Raststätte zwei portugiesische Motorradfahrer, das war es dann auch schon. Anhand von Internetberichten schätze ich, dass hier jährlich ein oder zwei ausländische Radfahrer in jede Richtung vorbeikommen, so dass man wirklich noch eine Attraktion für die Trucker ist. Das Land macht es den Radfahrern auch nicht leicht, einmal ist es schwer ein Visum für drei Monate oder länger zu bekommen. Dann gibt es kaum eine touristische Struktur, die es dem Langstreckenradler einfach macht und es spricht wirklich niemand englisch, das ist hier noch extremer als in China!

Nach dem Mittag ziehen wir dann noch einmal 60 Kilometer durch, der unangenehmere Teil des Tages. Wir fahren nur mit einer Pause, denn wir sind wieder in einer Gegend, in der es nur Wiesen und niedrige Büsche gibt und dazwischen ab und zu einen kleine Sumpf oder See, also wunderbare Zuchtstätten für blutrünstiges fliegendes Kleingetier. Ab 15 Uhr stehen wir voll auf dem Speiseplan und haben wieder eine große Wolke mit Pferdebremsen um uns herum.

Halb fünf sind wir an unserer Zielraststätte und es gibt nur noch ein Dreibettzimmer. Wir können aber unsere Isomatten ausrollen und zu fünft in dem Zimmer übernachten. Willkommen in der Jugendherberge! Nach dem Duschen schlagen wir uns den Bauch voll, ich setze mich noch ein wenig an den Computer und die anderen verschwinden schon im Bett. Wie können die nur bei der Hitze schlafen, die Sonne steht noch voll auf dem Zimmer. Ich werde noch bis 22 Uhr draußen bleiben, wo es mit jeder Minute angenehmer wird.

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Hitzewelle I

149 Kilometer von Chany nach Koschurno bei Sonne bis 30 Grad, 100 hm auf der M51.

Zeitig sind wir heute aus den Betten, dann gibt es unten im Cafe noch ein paar lausige Pfannkuchen und dann sind wir 6:20 auch schon auf der Straße. Es ist angenehm kühl und windstill und so legen wir richtig zu, denn die Sonne steigt ungetrübt in die Höhe und wir wollen eine gute Zahl auf dem Tacho stehen haben, bevor es richtig warm wird.

Gegen 11 Uhr haben wir dann 75 Kilometer weggeschraubt und fahren hungrig an die Raststätte. Dort gibt es ausgiebig und viel, natürlich wieder nur vom üblichen Menü, aber das Sauerkraut ist lecker und die Salate auch.

Die Landschaft ist heute wieder recht eintönig und weitläufig und bietet nicht viel fürs Auge und so fahren wir eher aufs Hinterrad des Vordermanns fixiert. Mach dem Mittag steht die Sonne richtig weit oben, aber ringsum gibt es kein schattiges Plätzchen für ein Schläfchen und an der Piste lauern im Schatten der Birken immer gleich Schwärme ausgehungerter Insekten auf eine blutige Mahlzeit, also heißt es fahren, fahren, fahren; denn nur im Fahrtwind ist die Hitze zu ertragen.

Bei km 105 erreichen wir die nächste Raststätte in Barabinsk, Unmengen von Kaltgetränken vernichten wir und machen ein längeres Päuschen. Allerdings ist es dann draußen immer noch nicht kühler geworden und so bleibt uns nichts weiter übrig, als zügig in die Pedale zu treten, um etwas Fahrtwind zu spüren. Glück haben wir mit dem Wind, der heute nicht auffrischt, sondern es weht nur ein laues Lüftchen und das wollen wir eigentlich auch nicht missen.

Auf einem Parkplatz kurz vor dem Zielort treffen wir wieder Wolodja, den LKW Fahrer, der uns gestern die 1000 Rubel in die Hand gedrückt hat. Heute steht er mit einer Flasche eiskalten Mineralwassers an der Straße, er ist schon wieder auf dem Rückweg nach Perm.

Viel zu früh erreichen wir die nächste Raststätte nach 150 Kilometern, die Sonne drückt immer noch, es gibt kein Hotel und es ist damit viel zu warm zum Aufstellen der Zelte. Also schlagen wir noch ein wenig die Zeit tot mit Eisessen und Dösen, bevor wir die Räder 300 Meter hinters Gasthaus schieben und unsere Minizelte aufstellen. Es gibt wieder genug Tiere, aber es nicht der Horrortrip, wie vor zwei Tagen und auch ein Insektenvernichter in Form von einem schmatzenden Igel. Gegen 22 Uhr verschwindet die Sonne dann endlich hinterm Horizont und wir können in unsere kleinen Kojen kriechen und versuchen Schlaf zu finden. Morgen wollen wir wieder zeitig los, um die morgendliche Frische wieder so effektiv auszunutzen.

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Geld für Bedürftige

107 km von Perwomaiskoe nach Chany, fast ereignisloser Tag mit glücklicherweise weniger Gegenwind als gestern, 88 bei sonnigen und heiß empfundenen 28 Grad.

Es gelingt uns wirklich um 6 Uhr auf der Straße zu sein. Da es auch am Morgen schon wieder nur so von Mücken wimmelt, geht das Zusammenpacken mehr als schnell und schon um 6 Uhr sind wir auf der Straße.

Es ist wunderbar am frühen Morgen zu fahren. es ist frisch und kühl und es weht nur ein leichter Wind von vorn, welcher Unterschied zum gestrigen Tag. Es ist frisch und angenehm kühl und richtiges Radfahrwetter. Nach 20 Kilometern kommt eine Raststätte und wir frühstücken ein paar Pfannkuchen mit Quark. Dann geht es weiter in den Tag. die Sonne ist ein gutes Stück gestiegen und brennt nun ordentlich und so halten wir bei der nächsten Raststätte wieder für eine kleine Zwischenmahlzeit.

Unterwegs haben wir eine eigenartige Begegnung. Ein LKW-Fahrer stoppt uns und drückt uns 1.000 Rubel (25 €) in die Hand. Er findet es toll was wir machen, fragt noch schnell nach dem woher und wohin, wünscht uns eine glückliche Reise. ich kann gerade noch nach dem Namen fragen, da verschwindet Wolodja schon wieder in seinem Truck und bläst weiter. Keine Chance die Gabe zurück zu weisen.

Meine Karte zeigt für 30 Kilometer eine Nebenstrecke an und so biegen wir in den kleinen Ort Tatarsk ab, doch leider ist die Strecke nicht asphaltiert, obgleich sie in meiner Karte sogar als Straße mittlerer Ordnung gekennzeichnet ist. Also müssen wir wieder zurück auf die M51.

Obgleich dieser Highway die Hauptverbindung vom Ural nach Osten ist, hält sich der Verkehr in erträglichen Grenzen und ist nicht mit den Strecken zwischen Moskau und Kasan zu vergleichen. Auch scheint die Qualität der Straßen nicht abzunehmen, sondern es ist eher das Gegenteil der Fall. Die schlimmsten Pisten hatten wir zu Beginn unserer Reise hier in Russland bis nach Moskau, von dort an wurde es systematisch besser und besser.

Schon um 15 Uhr erreichen wir eine Raststätte am Abzweig nach Chanui, obwohl wir am Nachmittag dann doch wieder ein wenig mit dem Gegenwind zu kämpfen hatten, aber es war kein Vergleich mehr zum gestrigen Tag. Eigentlich wollten wir dann noch in einen Kurort an einem See, aber meine Mitstreiter haben bei der Hitze keine Lust mehr auf die 15 Kilometer und so bleiben wir hier an der Raststätte im Motel. Natürlich ist es nicht schlecht, auf den Nachmittag noch ein Schläfchen zu halten, aber mir wäre es lieber gewesen, noch ein nettes Städtchen kennen zu lernen, durch Straßen mit Holzhäuschen zu wandeln und die Waden beim Baden im See zu kühlen. Aber so ist das leider mal mit der Demokratie und ich weiß schon, warum ich kein Fan einer solchen bin.

An der Raststätte treffen wir noch zwei müde Portugiesen, die von völlig verdreckten Motorrädern steigen. Sie waren während der Regentage im Ural und haben dort ordentlich im Dreck gesteckt. Sie wollen aber noch weiter bis nach Novosibirsk, um dort einige kleinere Reparaturen an den Maschinen durchzuführen.

Wir beenden den Abend damit vor der Raststätte unser Zelte und Schlafsäcke zu trocken und eine reichliche Mahlzeit zu uns zu nehmen. Dazu teilen wir dann eine von den 2,5 Liter Flaschen mit Bier, die es in diversen Sorten gibt. Das ist noch nicht das obere Ende, es gibt einige Sorten auch im praktischen 5 Liter Plastikbehälter. Russland ist eben wirklich ein Land für Alkoholiker.

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Teamwork im Gegenwind

142 km von Omsk nach Perwomaiskoe im straffen Gegenwind bei 24 Grad, Sonnenschein und 213 hm, Übernachtung im Zelt.

Der Wetterbericht im Internet hat mehr als recht behalten, ein raues Lüftchen weht uns schon am Morgen entgegen, als wir nach dem dicken Frühstück im Hotel um 8 Uhr die Stadt Omsk verlassen. Auf einem kleinen Feldweg am Stadtrand bahnen wir uns dann den Weg zur Hauptstraße, die kleinen Abstecher in die Natur, zwischen Birkenwäldchen auf schmalen Wegen bringen immer wieder Spaß. Der hört dann auf der Hauptstraße auf. Zwar ist der Verkehr angenehm ruhig und der Asphalt recht gut, aber mehr als 16 km/h sind gegen den Wind nicht drin. So üben wir uns heute zum ersten Mal richtig im Teamwork und es funktioniert verdammt gut. Aller 5 Kilometer lösen wir uns vorn an der Spitze ab und aller 15 Kilometer machen wir eine kurze Pause, das reicht auch völlig aus, denn beim Stehen kommen gleich unzählige Bremsen und Mücken und wir sind dann froh, schnell wieder auf dem Rad zu sitzen.

Einer klebt am Rad des anderen und die Kilometer im Wind gehen nur langsam vorbei, besonders, wenn man an vorderster Position im Wind steht. Danach kann man wenigsten körperlich 15 oder 20 Kilometer ausruhen, aber man muss trotzdem höllisch aufpassen, dem Vordermann nicht in die Packtaschen zu fahren. Glücklicherweise sind die Straßen recht ordentlich, so dass man nicht auch noch ständig auf Buckel und Löcher achten muss.

Die Sonne brennt den ganzen Tag klar und schön vom Himmel und es wird recht heiß, ohne den Wind wäre es wahrscheinlich kaum zu ertragen. Viel gibt es kaum zu berichten vom Tag, es ist heute eben ein Kampftag, jeder Meter muss dem Wind abgerungen werden. Am Abend sieht es schlecht aus mit Hotels oder Motels, also schlagen wir uns in einer Raststätte den Bauch voll und fahren noch 15 Kilometer weiter. Dann biegen wir in einen Feldweg ab und suchen uns eine Wiese an einem Birkenhain. Doch es ist eine Katastrophe, denn dichte Wolken von Moskitos umschwärmen uns und auch die Insektensprays helfen dagegen nicht komplett. Jetzt am Abend hat der Wind nachgelassen und die Sonne steht um 20 Uhr noch hoch am Himmel, aber wegen der Mücken muss man mit dicker Jacke und Kapuze das Zelt aufbauen. Ins Zelt kann man auch noch nicht, denn dort ist es rasch auch über 30 Grad warm. Also müssen wir die Mücken und die Zeit bis kurz vor 22 Uhr totschlagen, dann wird die Sonne endlich rot und verschwindet hinter einem fernen Birkenwäldchen. Ohne die Mücken könnte man von einem schönen Sonnenuntergang sprechen, so war es eher ein blutroter.

Mit 142 Kilometern gegen den Wind haben wir ein gute Leistung geschafft, morgen steht auch wieder eine lange Strecke auf dem Plan und so beschließen wir, so zeitig wie möglich aufzubrechen und vielleicht schon um 6 Uhr auf den Rädern zu sein.

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Ruhetag in Omsk

Ruhetag in Omsk mit Stadtspaziergang bei 25 Grad und Sonne.

Der Irtysch fließt in Rufweite vorbei und am Strand finden sich schon am Vormittag die ersten Badegäste, die die Sonne genießen wollen. Es lässt sich gut aushalten unter dem Planeten, denn es weht wieder ein frisches Lüftchen. Uns ist das zwar zum Ruhetag mehr als egal, aber die Windrichtung und Windstärke verheißen für die kommenden Tage wenig Gutes und auch die Tagesetappen von 130 bis 140 Kilometern sind nicht von Pappe.

In der Stadt geht der Sonntag eher ruhig und gemächlich los, die Straßen sind leer und es gibt nur wenige Spaziergänger. Am Strandcafe proben die Kids einer Tanzschule und führen die Eltern ihre neu erlernten Schrittkombinationen vor.

Die Stadt ist viel angenehmer als Jekatarienburg, es gibt viel schöne alte Bausubstanz mit klassizistischen Häusern, die gut renoviert sind. Dazu kommen ein paar leuchtende Kuppeln der orthodoxen Kirchen und ein paar moderne Gebäude, einigermaßen ins Stadtbild eingepasst und kein wilder Versuch des Architekten sich selbst ein missglücktes Baudenkmal zu setzen.

Wir schlendern durchs gesamte Zentrum noch einmal bis zum alten Stadttor, an dem wir gestern die Tanzenden beobachtet haben. Aber heute geht es auch hier mehr als ruhig zu.

Im Kunstmuseum soll es eine der besten sibirischen Ausstellungen mit Bildern von Repin und Wrubel geben. Obgleich ich noch einmal die Adresse des Museum abgleiche, landen wir dann doch in einer Ausstellung mit Bildern über das künstlerische Leben in Omsk während der Sowjetunion. Aber eigentlich war es ein Glücksgriff, denn es ist nicht einfach so viele Werke des sozialistischen Realismus auf einen Schlag sehen zu bekommen.

Obgleich die Stadt von weitem einen netten und schönen Eindruck macht gibt es auch hier noch sozialistischen Realismus, zum Strand führen ziemlich kaputte Treppen und es fliegt überall Müll herum. Zentrale Grünflächen im Zentrum wirken zum Teil nicht sehr gepflegt, vor allem die Uferpromenaden sind zugewachsen. Auf den Straßen fehlen Gullideckel und so weiter, also die übliche Schlamperei wie im ganzen Land.

Am Abend treffen wir uns dann wieder auf einen weiteren kurzen Spaziergang und ein Abendessen in der Pizzeria, das gibt genug Energie für den nächsten Tag. Ich habe mal im Internet den Kalorienrechner aufgerufen und zusammengestellt, wieviel wir an einem Fahrradtag so verbrennen und bin da bei einem 140 Kilometer Tag auf knappe 6000 Kalorien gekommen, für die Mädels könnte es etwas weniger sein, vielleicht etwas über 5000 Kalorien; und jetzt muss man auf der anderen Seite einmal nachrechnen wie viel man dafür (fr)essen kann, um genug Energie auf die Rippen zu bekommen. Gerhard hat seine Gürtel schon zwei Löcher enger geschnallt und die Erfolge, die ich im März mit meiner Schokoladendiät zu verbuchen hatte, sind auch schon wieder aufgebraucht.

Morgen geht es weiter durchs wilde Sibirien mit sehr viel Nichts und agressiven Bremsen, dafür werden wir wohl mindestens 6 oder 7 Tage kein Internet haben, bevor wir in Novosibirsk ankommen.

Langer Ritt im Gegenwind

146 km von Tjukalinsk nach Omsk, 260 hm bei Sonnenschein bis 26 Grad und deftiger Briese von vorn.

Auch unser heutiger früher Aufbruch gelingt. Genau um 6 Uhr macht das Restaurant auf und wir schieben Kalorien in Form von Plinui, also Pfannkuchen ein. Schon eine halbe Stunde später gehört die Straße uns und es ist noch sehr wenig Verkehr und lässt sich wunderbar fahren. Ahnend, was heute noch auf uns zukommt fahren wir gleich zwei Mal dreißig Kilometer am Stück. Dann ist es wieder richtig warm und auch die Insekten kommen zurück. Aber mit etwas Insektenmittel ist man den Schwarm bremsen am Rad zwar nicht los, aber die Viecher setzen sich nicht und beißen. Dann nimmt der Gegenwind zu und die Tiere sind ganz weg.

Landschaftlich war es heute ein wenig öder als gestern, leider nicht mehr so viele schöne Gruppen mit Birken, vor allem auf Omsk zu wird alles wieder sehr weit und nur ein paar chemische Werke lockern die Landschaft ein wenig auf. Unterwegs gab es höchstens zwei oder drei Dörfer und auch dies lagen nicht direkt an der Straße. Ab Nachmittag hat sowieso jeder von uns mit dem Wind zu kämpfen, wir trainieren wieder Windschattenfahren, aber der Wind ist böig und weht noch von der kante, so dass man mit den überholenden Trucks in den Sog kommt und bei entgegen kommenden Fahrzeugen gegen eine Wand zu fahren scheint.

Etwas Abwechslung bekommen wir erst bei der Einfahrt in die Stadt. Über eine große Brücke geht es über den Irtysch. In der Stadt gibt es einen Binnenhafen, von dem aus die Reginen im Norden, wo es bald kaum noch Straßen gibt, versorgt werden. Wenn im Winter die sibirischen Ströme zugefroren sind und kein Eisbrecher mehr durchkommt, dann werden die Flüsse zu Autostraßen und man kommt bis in die entlegenen nördlichen Winkel des Landes, weit in die Taiga und bis zum Polarmeer. Allerdings habe ich keine Lust zu dieser Jahreszeit eine Radtour hier zu machen.

Die Menschen in der Stadt scheinen die Sonne nach der Regenwoche zu genießen, in einem Park spielt eine Kapelle und die Leute tanzen dazu oder stehen einfach nur dabei und beobachten das fröhliche Spektakel. Ich fühle mich ein wenig an China erinnert, wo wir in den Städten überall die Abendtänzer auf den Straßen erleben werden.

Die drei Hotels im Zentrum befinden sich nicht weit von einander entfernt und das erspart und einige Mühe. Die Preise sind recht deftig und auch für das Unterstellen der Fahrräder wird wieder kräftig abkassiert. Wir erleben dann gleich noch eine Überraschung, denn es ist schon wieder eine Stunde später, wir sind schon wieder eine Zeitzone weiter gerutscht und haben zu Deutschland jetzt fünf Stunden Unterschied.

Abends schleichen wir ein wenig abgeschlafft von den knapp 150 Kilometern im Gegenwind durch die Straßen und landen in einem usbekischen Restaurant mit Schaschlik. Während die anderen dann müde ins Bett fallen, beginnt für mich dann der zweite Teil des Arbeitstages, denn es gibt nach einer Woche mal wieder Internet.

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Angriff der Killerbremsen II

138 Kilometer von Abatskoe nach Tjukalinsk, 112 hm bei Nebel und dann Sonnenschein bis 26 Grad.

Unser zeitiger Start funktioniert wie geplant, genau um 7 Uhr sind wir auf der Straße und rollen durch dichten Nebel. Rundherum lassen sich die Birkenwäldchen nur erahnen und dann beginnt die Sonne langsam die graue Nebelsuppe aufzusaugen. Heute ist es erstmals richtig schön hier in Sibirien. die Landschaft ist nicht mehr ganz so weit und fern und mit den dichten Nebelschwaden macht alles ein wenig einen verzauberten Eindruck.

Gegen 10 Uhr hat sich die Sonne dann ganz durchgesetzt und eine Weile lässt es sich ganz gut fahren, doch dann, nach dem Mittag an einer Raststätte tauchen wieder die Pferdebremsen (die mit den braunen Augen) auf und es wird richtig lästig. nach den kühlen Regentagen sind die Biester richtiggehend ausgehungert und das fahren macht keinen Spaß mehr. Jeder von uns hat einen Schwarm von vielleicht 50 dieser blutlüsternen Insekten um sich und ließen sie sich in ihrer Stechlaune nur anfangs vom Fahrtwind abbringen. je später es wird, umso angriffslustiger werden die Viecher und versuchen sich auch während der Fahrt an den Körper zu heften, was leider auch hin und wieder gelingt. Ich möchte meinen regen zurück!

Nach 130 Kilometern erreichen wir schon gegen 16 Uhr Tjukalinsk und es gibt kein Hotel an der Straße. irgendwo im Ort soll es eines geben und so machen wir uns auf die Suche. Wir finden auch das runter gewirtschaftete Gebäude, aber hier gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit mehr. Vielleicht ist dies aber auch unser Glück, denn der laden sieht mehr als schlimm aus. Es soll nun doch an der Straße noch eine Absteige geben und genauso etwas in die Richtung ist es auch, eine Baracke mit drei Zimmern. Wir wecken die Herrscherin über die drei Zimmer aus dem Schlaf und entsprechend schlecht ist sie drauf. Was soll’s, wir haben unsere Betten in der mehr als einfachen Unterkunft und eine warme Dusche gibt es auch. Auf Nachfrage bekommen wir dann jeder ein winziges Handtüchlein.

Die Sonne und die Wärme und die Insektenschwärme haben uns heute ganz schön zu schaffen gemacht, deshalb wollen wir morgen noch ein wenig zeitiger aufbrechen und es sind wieder 140 Kilometer bis Omsk.

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Wetterwende???

70 Kilometer von Ischim nach Abatski bei anfangs strahlendem Sonnenschein und dann Wolken, leichter Rücken- und Kantenwind bei 22 Grad.

Am Morgen wecken wir Barbara mit einem Geburtstagsliedchen, zur Feier des Tages gibt es Blümchen und eine Riesenportion Joghurt für sie. Draußen ist klarstes Wetter und die Sonne lacht schon wieder seit vier Uhr morgens. Das Frühstück im Hotel, eine Schüssel Milchreis und ein Pfannkuchen halten uns nicht lange auf und um 8 Uhr sind wir auf den Rädern. In der Stadt gibt es noch eine Stalinbüste. Das „Pamjatnik“ des Generalissimus der UdSSR ist schnell gefunden, im Moment etwas eingemüllt in einer Baustelle hinter einem Verwaltungsgebäude, liegen aber rechts und links trotzdem frische Blumen. Obgleich sich auch in Russland die kritischen Stimmen am „genialen Strategen des Zweiten Weltkrieges“ durchgesetzt haben, scheinen immer noch genügend gestrige den alten Zeiten nachzutrauern. Bei den katastrophalen Zuständen im Land sei es aber den Leuten nicht zu verdenken, wenn Tendenzen aufleben, sich an Zeiten zu erinnern, die an Ruhm und Ehre des Landes erinnern.

Nicht nur das bei den Säuberungsaktionen Stalins Millionen Menschen das Leben ließen, auch die Kriegsführung des Generalissimus ist unter Geschichtswissenschaftlern mehr als umstritten. In einigen Schlachten wurden mehr als sinnlos hunderttausend Soldaten verheizt, ohne dass der strategisch erzielte Vorteil dies gerechtfertigt hätte. So ergibt sich auch, dass die Sowjetunion um ein Vielfaches mehr Soldaten im Krieg verlor, als die deutschen und Restalliierten zusammen.

Unterwegs packt Barbara eine kleine Wodkaflasche aus und wir begießen schon gegen 10.30 Uhr morgens den Tag mit 40%igem Alkohol, heute heißt es nicht mehr: „Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen!“; sondern: „Von Russland lernen, heißt Trinken lernen!“

Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen sieht die Landschaft gleich ein wenig freundlicher aus und die weiten Landschaften wirken nicht mehr so depressiv. Bei einer kleinen Pause nach 20 Kilometern loben wir noch die russischen Straßen, die seit Moskau und besonders seit Kasan doch recht ordentlich geworden sind, um dann gleich in einer Baustelle und 5 Kilometer Holperstrecke zu enden. Danach ist der Asphalt aber wieder ok.

Leider ist die Sonne schon gegen halb 12 wieder hinter Wolken verschwunden und auch Regen scheint nicht mehr unmöglich, was ist das denn für ein riesiges Tiefdruckgebiet, das uns begleitet. Als wir um 13 Uhr in Abatkoe eintrudeln finden wir ein recht ordentliches Hotel vor und überlegen. Die Stückelung nach Omsk ist denkbar schlecht, bis zur nächsten Raststätte sind es 90 Kilometer, das hieße heute fahren bis zum Anschlag und danach wären es wiederum mehr als 160 Kilometer bis Omsk. Also entschließen wir uns, obgleich der guten Fahrbedingungen, hier zu bleiben und morgen noch etwas zeitiger hier zu fahren.

Abatski erweist sich als ein Ort mit wunderschönen Holzhäusern und es macht Spaß eine Runde etwas abseits der Hauptstraße zu drehen. In den Gärten hat man auf Selbstversorgung mit Kräutern, Gemüse und Kartoffeln umgestellt, letztere fallen uns heute erstmals in größerem Maßstab auf.

Danach ist bei mir großer Waschtag angesagt und mit einiger Mühe gelingt es die Originalfarben an den Kleidungsstücken wieder annähernd herzustellen, meine Gore-Socken zu entduften und selbst auch wieder schön sauber zu werden.

Am Abend verschlingen wir dann unten im Restaurant große Portionen an Pelmeni und trinken noch etwas Bier dazu. Nicht zu spät geht es dann ins Bett, denn für morgen haben wir ja einen zeitigen Start geplant.

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Dauerregen III

83 Kilometer von Golyshmanovo nach Ishim, ab Mittag wieder Regen, deshalb dann doch nach Ishim, Scheißhotel, 98 hm und 14 Grad bei gutem Rückenwind.

Der Tag beginnt schon blöd. Die Nacht im winzigen Dreierzimmer war nicht sonderlich erholsam.

Der Plattfuß an Miriams Rad ist wieder da und wiederum ist die Ursache nicht auffindbar. Es kommt eine kleine raue Stelle an der Felge in Frage oder ein winziger Draht im Mantel, der sich nicht ertasten lässt. Gerhard will unbedingt einen neuen Mantel aufziehen und so werden wir die wirkliche Ursache nicht ergründen und fahren zudem einen 60 % abgefahrenen Mantel mit uns herum, von dem wir nicht wissen, ob er defekt ist oder nicht.

In der Stolowaja, also der Kantine gegenüber, will man uns nichts zu essen verkaufen, zum einen ist das Menü sowieso schon auf fast nix reduziert, zum anderen hat die Dame am Tresen keine Lust mehr, sie habe heute ihren freien Tag und die Ablösung ist noch nicht da. Da ist es gerade 10 Minuten nach 8.

Zum Glück gibt es noch ein zweites Lokal und so beginnen wir den Tag mit einer Soljanka und etwas Brot. Am Abend vorher hatte ich gefragt, ob es möglich sei Milchreis für 5 Personen zu bekommen, die Antwort war ohne nachzudenken: „Njet!“
Ein paar Kilometer später kommt Barbara mit kreischenden Bremsen an, das klingt nach Metall auf Metall und die Felge hat auch schon gut einige Schrammen weg. Ich wechsele die Bremsbeläge und hoffe nur, dass die Felge noch bis zum Ende der Reise hält.

Die Landschaft ist wieder genau so monoton, wie schon in den letzten beiden Tagen davor. manchmal kann man den Horizont ganz weit weg hinter den trüben Nebelschwaden erahnen. Weite Wiesen oder Felder auf denen aus irgendwelchen grüne Erbsen angebaut werden, Erbsen, Erbsen, Erbsen soweit das Auge reicht. Dazwischen dann Grüppchen von Birken und seltener Kiefern, manchmal sogar ein richtiger Birkenwald. Im letzten Jahr war der Sommer zu heiß, so dass es in vielen Regionen zu Waldbränden kam. Häufig sehen wir Birkenwäldchen, in denen die Stämme bis auch fünf Meter angekohlt sind und oben wird es dann wieder schwarz-weiß und grün. Besonders bei Regen legt sich die Weite der Landschaft aufs Gemüt und ich packe meinen MP3 Player wieder aus und stöpsele mich an Musik.

Es sieht zwar schon wieder nach Dauerregen aus, aber es bleibt am Morgen erst einmal trocken. Wir kommen noch ohne Regensachen bis kurz vor Ischim und in die dortige Raststätte. Dort haben wir reichlich Mittag und die Suppen und Salate sind seit langen wieder einmal recht gut. Eine gute Basis für die nächsten 65 oder 70 Kilometer, die wir noch beschließen.

Leider fängt es an zu regen und so wackelt an der nächsten Kreuzung der Beschluss und fällt der Demokratie zum Opfer, dabei sind wir eh schon nass. Also fahren wir in die Stadt und treffen auf die nächste Enttäuschung des Tages – unser Hotel. Unverschämte Preise für unrenovierten Sozialismus, 70 € für ein Doppelzimmer mit grenzwertigem Badezimmer und immerhin noch knappe 20 € für ein Bett im winzigen Dreibettzimmer ohne Bad. Also ist heute wieder Jugendherberge angesagt.
Die Stadt gibt nicht viel her. Eine verblieben Stalin-Statue sehen wir uns morgen früh an, die soll etwas außerhalb sein. Das Zentrum bildet die Karl Marx Straße, hier versucht man so etwas wie eine Promenade zu gestalten, doch wo man noch nicht fertig ist mit den Pflaster- und Gestaltungsarbeiten bröckelt schon wieder der Putz, die Bauausführung ist mehr als schlampig (wir haben den Fachmann dabei!), überall sammelt sich Regenwasser und es liegt Bauschutt herum.

Auch Restaurants gibt es keine, nur wieder ein Bistro mit Plastikassietten und Plastiklöffel und Gabeln. Die Frage nach einem Messer trifft auf Unverständnis, aber als ich betone, dass ich meine zähe Krautroulade nicht mit den Fingern zerreißen will, bekomme ich dann ein Messer mit 25 cm Klingenlänge aus der Küche.

Dann geht es zurück zum Hotel und ich schreibe noch etwas misslaunig meine Berichte, mal überlegen was morgen alles noch schlechter werden kann, bevor wir uns die Sprungfedern der Matratzen in den Rücken bohren.

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Dauerregen II und Plattfußprinzessin Mirjam

Von Sawodoukamsk nach Golyshmanovo, 127 Kilometer durch den Dauerregen und mal wieder Plattfüße, 244 hm, leichter Rückenwind bei 14 Grad.

Auch regnet es gleich wieder am Morgen. Trotz der Bitte nach Milchreis ist um 7 Uhr nichts vorbereitet und es soll dann noch einmal eine halbe Stunde dauern. Alternativ bekommen wir Haferbrei mit Milch angeboten. Mit viel Zucker bekomme ich das Zeug auch runter und es füllt auch den Magen.

Gleich am Morgen stöpsle ich mich an den MP3 Player, ich habe mich schön warm eingepackt und dann geht es wieder raus in die Einöde. Wieder geht es durch unendliche dunstige Weite. Der Verkehr ist glücklicherweise seit Tjumen nicht mehr so straff, so dass man gedanklich nicht mehr ständig bei den eng vorbei blasenden Trucks sein muss. Und gegen Mittag hört es dann sogar ganz auf mit Regen und es sind nur 13 Kilometer bis zur Mittagspause. Also drehe ich seit langem wieder einmal voll auf und ziehe von dannen und bin recht schnell an der diesmal recht modernen Raststätte, schade, dass wir nicht hier bleiben können, denn an der Tür prangt ein W-Lan Schild. Internet hier mitten in der Einöde, während der Rest des Landes noch recht weit vom technischen Fortschritt entfernt ist. Als Reisender hat man ja gute Gelegenheit hier verschiedene Länder zu vergleichen. China ist internettechnisch ein Paradies, hier gibt es in fast jedem Hotel freies Internet, auch wenn der Ort noch so klein ist. Vietnam war ebenfalls eine positive Überraschung, auch hier findet man oft in winzigen Hotels in kleinen Orten noch eine Verbindung. In Laos ist man bemüht, aber das Netz ist oft rech langsam. In Burma gibt es langsam Fortschritte, aber seit den Unruhen vor zwei Jahren ist der Datenfluss so gedrosselt worden, dass man kaum arbeiten kann. Aber Russland ist wirklich der absolute Tiefpunkt.

Nach 10 Minuten ist von der Truppe nichts zu sehen, also drehe ich mein Rad und strampele gegen den Wind zurück, noch einmal 7 Kilometer, dann treffe ich die anderen. Miriam hatte einen Plattfuß und der ist inzwischen behoben und so geht es dann gemeinsam wieder die letzten 7 Kilometer bis zum Mittag.

Nachmittags fahren wir dann nach fünf sonnigen Minuten in eine Gewitterfront und werden noch einmal nass. Dazu hält dann Mirjams Hinterreifen wieder die Luft nicht, aber mit noch einmal Nachpumpen kommen wir zum Ziel. Damit küren wir Mirjam heute zur Plattfußprinzessin. Bei der zweiten Hälfte meiner gestrigen Wodkaflasche flicken wir den Schlauch heute zum zweiten Mal, finden aber keine Ursache im Mantel und das missfällt mir sehr.

Das Hotel ist ein wenig schlampig, wir haben wieder nur winzige Dreibettzimmer, was mit dem Gepäck und den nassen Sachen ein wenig nervt, das Essen ist ziemlich fettig und draußen regnet es in Strömen. Wir haben schon bessere Tage erlebt.

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