Invasion in Badaling

60 Kilometer vom Ganting Reservoir nach Changping, 232 hm bei sonnigen bis 22 Grad, Große Mauer bei Badaling.

Heute Morgen können wir dann erst einmal einen Blick darauf werfen, wo wir eigentlich gelandet sind, rundherum Maisfelder und ein wenig schimmert der Gaunting Stausee hindurch. Das Frühstück ist mies, es gibt die schlechteste Nudelsuppe, die ich je in China gegessen habe. Ein weiterer Plattfuß ist nach dem Frühstück schnell repariert und dann geht es weiter in Richtung Peking. Nach einigen Kilometern verlassen wir dann auch die Provinz Hebei und fahren in den Pekinger Landkreis ein, die Hauptstadt liegt nunmehr nur 60 Kilometer etwas südlich von uns entfernt, ist aber heute noch nicht unser Ziel. Das liegt in den Bergen vor uns: die Chinesische Mauer bei Badaling.

Badaling ist der Mauerabschnitt, der am nächsten zur Hauptstadt liegt und deshalb auch am touristischsten ausgebaut. Es ist Sonntag und deshalb rechne ich auch mit einem regelrechten Massenandrang. Langsam tauchen dann auch die ersten Wach- und Signaltürme auf den Bergkämmen auf und auch der Verkehr wird dichter. Nur noch drei Kilometer von dem historischen Gemäuer entfernt staut sich der Verkehr auch ordentlich und auf dem Parkplatz ist richtig was los, ganz Beijing schein heute hier unterwegs zu sein und nach links und rechts schiebt sich ein unendlicher Pulk bunter Touristen die Mauer hinauf und wieder hinunter.

Die Mauer in Badaling ist schon recht spektakulär, denn unten vom Tor im tief eingeschnittenen Tal geht es auf beiden Seiten steil nach oben bis auf die Gipfel der umliegenden Berge und dann atemberaubend in das nächste Tal hinein und wieder auf den nächsten Gipfel. Kaum vorstellbar, die logistische Leistung, die hier vollbracht wurde und die Schinderei von hunderttausenden von chinesischen Arbeitern und Strafgefangenen durch verschiedenen Dynastien, die hier emsigst unter schwersten Bedingungen Steine geschleppt und aufeinander gesetzt haben.

2000 Jahre wurde an dem Bauwerk herumgebastelt wird in den Reiseführern und Geschichtsbüchern erzählt, aber die Mauer um Badaling dürfte nicht viel älter als 200 oder 300 Jahre sein. Und auch von den originalen Bauten aus dieser Zeit ist nicht mehr viel zu sehen, denn in den 60er und 70er Jahren wurde hier der Mauerabschnitt renoviert und für den Massentourismus zubereitet. Böse Zungen behaupten sogar, es habe hier an dieser Stelle nie eine Mauer gegeben, in der Realität glaube ich, dass lediglich nicht mehr viel davon übrig war. Ein paar Kilometer weiter befinden sich unrenovierte Abschnitte, die Mauer an sich ist keine zwei Meter mehr hoch und von üppigem Grün überwuchert, lediglich die Wachtürme überlagern die Büsche und Sträucher. Die Ziegel um die Mauerfüllung aus groben Steinen wurden von den Dörflern in der Umgebung wohl sorgfältig wieder abgetragen und zum Häuserbau verwendet.

Wie auch immer folgen wir dem Strom von Touristen aufs Bauwerk, der Eintritt mit 45 Yuan, knappe 5 € ist recht moderat. Es herrscht ausgelassenen Wochenendstimmung und die Chinesen und ein paar ausländische Touristen digitalisieren Erinnerungen, was das Zeug hält. Ich mag Badaling besonders, nicht wegen der Mauer, sondern weil man einfach so hervorragend Chinesen gucken kann, hier findet man den Querschnitt durch eine ganze Nation, da wird die Oma und der Opa vom Lande auf den ersten Wachturm nach oben geschoben, intellektuelle Studenten mit Nickelbrille, verzogene dicke Einzelkinder aus der Hauptstadt, den Betriebsausflug einer Landkommune, Neureiche mit superprofessioneller Fotoausrüstung und eben ein paar Radfahrer, die vor ziemlich genau 12.000 Kilometern an der Berliner Mauer aufgebrochen sind, um hierher zu fahren.

Wieder zurück auf dem Parkplatz schicken wir Xiao Pang, unseren Fahrer, über die Autobahn weiter und schmuggeln uns an den Ordnungskräften vorbei in die Fußgängerzone und können dadurch auch direkt durch die Mauer fahren. Wir stoppen noch einmal unter dem Torbogen für ein historisches Foto und ganz schnell haben wir auch ganz viele Chinesen um uns herum, die auch mit aufs Foto wollen, viel Jubel und Heiterkeit und ein bisschen Olympiastimmung wie vor zwei Jahren, als wir aus Athen kommend auf dem Platz des Himmlischen Friedens angekommen waren.

Den Rest des Tages geht es dann noch 600 Höhenmeter nach unten, dann durch die Stadt Changping hindurch, ein ehemaliges Provinznest, heute eine quirlige Vorstadt von Beijing mit modernen breiten Straßen, die dem Feierabend Verkehr trotzdem nicht mehr gewachsen sind.

Unser Hotel liegt noch drei Kilometer vor der Stadt und hier hat wieder einmal die WM im Triathlon stattgefunden. Überall sieht man schicke superleicht Rennräder und die dazugehörigen bunten Fahrer. Glücklicherweise ist der Wettkampf vorüber und die Mannschaften im Aufbruch, sonst hätten wir wohl in der ganzen Region wieder einmal keine Zimmer gefunden. Von den Wettkämpfern werden wir mit unseren „Billigrädern aus Holland“ kaum beachtet und wenn man die anderen Langnasen auf der Straße grüßt kommt keine Antwort. Das sind mir dann doch die Langstreckenreiseradler lieber, die sich mit zuviel Gepäck durch Wüsten und Gebirge schleppen, ihre Plattfüße selber flicken und durchnumerieren, die auch einmal drei Tage ohne Dusche auskommen und sich richtig über ein Tasse guten Kaffees freuen können.

Höhenprofil

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