Unter dem Schwert des Manjushri

Noch ein Ruhtag am Wutaishan, Spaziergang zum Manjushri-Tempel und am Nachmittag großes buddhistisches Shoppingerlebnis.

Im Speisesaal des „Roten Oktober“ geht es heute sehr ruhig zu, denn die Chinesen sind alle gestern Nachmittag noch abgereist, um heute wieder das Chinesische Bruttosozialprodukt zu steigern. Auch gibt es keinen Spiegelei-Krieg und die Auswahl der Frühstücksgerichte ist besser als gestern.

Nach dem Frühstück steht erst einmal die Wartung der Räder auf dem Programm. Im Hof des Nachbarhotels arbeitet ein Autowäscher und wir bringen unsere Räder zum Abspritzen und neu fetten.

Im Ort gibt es einen Shuttle Bus, den man kostenlos nutzen kann, das war in den fettigen 218,5 Yuan Eintrittspreis, also 23 €, mit enthalten und ist genau das richtige für müde Radlerbeine.

Zum Majushri Tempel dürfen wir dann auch weiter faul bleiben, es gibt eine Seilbahn und die nutzen die meisten auch, allerdings zuckelt die bahn so langsam, dass wir genauso schnell wie Barbara, Jacky und Lin sind, die die Treppen zu Fuß hoch gelaufen sind.

Oben hat man eine berauschend Aussicht über das ganze Tal und den recht groß gewordenen Ort, wenn ich da an meinen ersten besuch vor 11 Jahren zurück denke, da war das ein verschlafenes Nest mit nur wenig Besuchern, eine Seilbahn gab es auch nicht und auch nicht so viele Bettler oder Händler.

Buddhas und Kitsch und Mao Statuen stehen hier Reih und Glied nebeneinander und ich komme auch an zwei Figuren nicht vorbei, weiß aber noch nicht, wie ich die beiden Bronzefiguren nach Berlin bringen soll, es sind fast drei Kilo Zuladung!

Auch bekomme ich wieder eine schicke Mütze mit rotem Stern, meine geliebte aus Vietnam habe ich noch in Russland verloren. Zur Mütze fehlt dann nur noch ein Kurzhaarschnitt und den lasse ich mir später unten im Dorf für einen Euro auch verpassen und fühle mich gleich viel jünger.

Oben laufen wir durch die „alten“ Gebäude, Qing Dynastie steht dran, also irgendwas zwischen dem 14. und 17 jahrhundert, aber ich kann mich genau dran erinnern, dass hier fast alles vor 10 Jahren neu aufgebaut wurde. Damals standen die Tempel mit neuen Ziegeln und neuen Holzstämmen im Rohbau und die zahlreichen Buddhafiguren und Manjushris waren noch in Holzkisten verpackt. Ja, ja, die Chinesen und ihre Sichtweise auf die Historie!

Heute zieren die Figuren die drei Tempel und die Pilger weisen dem wichtigsten der Boddhisatvas hier in China ihre Ehre. Mit einem flammenden Schwert in der rechten Hand ist Manjushri leicht zu erkennen, damit zerschneidet er die Unwissenheit und bringt das Licht des Wissens. Einer Legende zu Folge soll Manjushri hier in den Bergen von Wutaishan ein von Sakyamuni ausgesandtes gelbes Licht empfangen haben und dann den Grundstein für die Klöster hier gelegt haben.

Wie auch immer, der Tempel ist toll und auf den Stufen nach oben trifft man Pilger, die jede Stufe einzeln heftig mit dem Kopf berühren, was natürlich einen dicken blauen Fleck an der Stirn zur Folge hat. So hat sich das Sakyamuni wohl eigentlich doch nicht gedacht.

Am Nachmittag bleibt dann noch ein bisschen Zeit zum Schreiben und für ein Schläfchen und zum Wäsche waschen, dann geht es zum Abendbrot und dann will ich am Abend noch ein wenig mit den Tücken des Computers im Zimmer kämpfen, meinen eigenen kann ich nicht anschließen, da das Kabel nur 15 cm aus der Wand ragt und ich dann meinen Laptop unter dem Schreibtisch aufschlagen müsste.

Morgen warten wieder ordentlich Berge auf uns, ich rechne wieder mit 1500 hm und knappen 140 Kilometern, deshalb werden wir auch sehr zeitig aufbrechen. Ist aber nur ein Fahrtag und dann warten schon wieder zwei Ruhetag am Hengshan, einem taoistischen Heiligtum und am Hängende Kloster Xuan Kong Si auf uns.

Im Lichte der Buddhas

Ruhetag am Wutaishan mit Wanderung zu zwei großen buddhistischen Klöstern.

Am Morgen haben sich alle Nebel verzogen und wir realisieren erst einmal in welch schöner Landschaft wir gelandet sind. Taihuai liegt in der Talsohle eines tiefen Tales hier inmitten des Wutai Gebirges. Zu beiden Seiten geht es grüne Berge weit nach oben und dort liegen romantisch eingebettet einige der 47 Klöster. Selbst für buddhistische Profis wäre es unmöglich, all diese in einer Woche zu besichtigen.

Doch bevor wir unsere kleine Wanderung beginnen, haben wir erst einmal noch Frühstück mit 444 anderen Chinesen im Speisesaal des „Betriebsferienheimes Roter Oktober“. Die Frühstücksausgabe hat Erlebnischarakter und erinnert an den Romantitel von Thomas Mann „Wer einmal aus dem Blechnapf isst“. Jeder bekommt ein Blechtablett und darf dann an den kalten und warmen Gerichten vorüberziehen, vor allem an den Rühreiern wird gut gedrängelt und es dauert ewig, da die Chinesen einen Daibiao, Abgeordneten, gesendet haben, der gleich mal 32 Eier einsackt. Die Nacht im Hotel war auch gekennzeichnet durch krakeelende chinesische Wochenendtouristen und seit 6 Uhr morgens springen die Etagenmädchen mit laut krächzenden Walkie-Talkies durch die Gänge: „Krächz, krächsz, 406 gibt das Zimmer zurück! krächz“, „Krächz, da fehlt ein Handtuch!“, „Krächz, das soll im Wandschrank liegen!!“

Gestern hatte ich schon Krieg an der Rezeption wegen des Internets. In jedem Zimmer gibt es einen Computer und dieser muss jedes Mal beim Einschalten angemeldet und beim Ausschalten abgemeldet werden, aber vorher muss man sich mit Ausweis registrieren lassen. Aber Chinesen haben nun mal keinen Ausweis und deshalb bekommen wir keinen Zugang. Erst als ich nach 20 Minuten Diskussion sauer werde und der Dame sage, sie soll jetzt auf der Stelle ihren Chef anrufen und sich eine entsprechende Handlungsanweisung geben lassen, geht es dann doch.

Dann ist es Zeit für unsere buddhistische Erleuchtung und wir ziehen zuerst zum Tempel, der auf einem Hügel dem Hotel gegenüber thront. Es ist der Nanshan Si und entstammt aus der Yuan-Dynastie und ist damit einer der ältesten Tempel im Gebiet. Wie eine Festung thront der Tempel am Berg und erstreckt sich über drei Ebenen. Beeindruckt schlendern wir durch das Gemäuer und lassen die Namen der Tempel auf uns wirken: „Tempel der höchsten Erbauung“ und „Tempel der Güte und Tugend“. Die Hallen sind mit vergoldeten Buddhas ausgestattet und wir treffen auch wieder auf die Guanyin, den Boddhisatva der Barmherzigkeit, die einzige weibliche Inkarnation im buddhistischen Götterreigen. Da der Tempel recht weit oben liegt ist er nicht zu überlaufen, denn der chinesische Tourist an sich ist recht lauffaul, wo man nicht hinfahren kann oder hingetragen werden kann, da trifft man kaum noch auf Leute. Deshalb sind die Mönche recht offen und redselig und freuen sich noch über die Besucher. Sie lassen sich auch wenig stören beim Ausprobieren ihres neuesten Spielzeuges, eines funkgesteuerten Hubschraubers, ob das dem Karma sehr zuträglich ist, möchte ich wohl in Frage stellen. Fakt ist, alle Beteiligten haben Spaß daran.

Unten am Berg gibt es ein paar schöne kleine winzige Hotels, jeweils nur mit 10 Zimmern und einem kleinen Restaurant. Im Hof ist es nicht nur sehr angenehm und ruhig, auch die Preise sind nicht unerträglich überhöht.

Am Nachmittag steht dann der größte Tempel im Ort auf dem Programm. Der Tayuan Si ist schon von weitem an seinem großen weißen Stupa zu erkennen und damit auch das Wahrzeichen des Wutaishan Gebietes. Hier ist mehr als reger Betrieb, einmal die chinesischen Touristen, aber auch die Pilger aus allen Teilen des Landes unter anderem auch einige Tibeter, die sich in den Gesichtszügen und traditionellen Sachen deutlich von den Chinesen abheben. Rund um den Stupa rotieren die Gebetsmühlen und vor dem Tempel „polieren“ die Hardcore-Pilger die Steine mit tausenden von Gebeten am Tage, Aufstehen, Hinlegen und ein Stoßgebet und wieder Aufstehen und Hinlegen. Dazu tragen die Pilger dann eine entsprechende Schutzkleidung aus Knieschonern und Handschuhen.

Am Abend ist in der Stadt auf dem Markt richtig was los, es wird in einem Hof für die Leute aus dem Ort eine Peking Oper dargeboten. In bunten Kostümen rezitieren die Darsteller ihre langen Arien, ein für europäische Ohren eher interessantes als melodisch schönes Erlebnis, zumindest für mich. Auf der anderen Straßenseite dagegen ist ein mongolischer Grillstand und der Grillmeister avanciert zur Gegenattraktion. Aus zwei großen Lautsprechern ertönt Popmusik und tanzend wendet der kräftige Mongole rhythmisch die Grillspieße unter entsprechendem Zuspruch des Publikums, was sich verkaufstechnisch für ihn auch lohnt, denn der Grillstand 50 Meter weiter unten ist praktisch verwaist und qualmt einsam vor sich hin und der einzige Unterschied ist: die Präsentation! (BWL für Grillmeister)

Königsetappe – Im dichten Nebel zu den Heiligen Bergen

114 Kilometer von Yingxian zum Wutaishan, 1980 anstrengende Höhenmeter bei leichtem Regen und dichtem Nebel, Temperaturen zwischen 12 und 18 Grad.

Am Morgen regnet es und wir haben wieder einmal einen Plattfuß, wieder bei Gerhard. Nachdem es ihn fünf Monate nicht erwischt hat, scheint sich sein Glück gewendet zu haben. Danach hat der Regen wenigstens etwas nachgelassen und wir können die Stadt fast ohne Regenklamotten verlassen.

Heute erwarten uns ordentlich Höhenmeter und nachdem wir ein wenig in Richtung Süden gefahren sind tauchen die ersten Berge auf und der Anstieg beginnt leicht und stetig. Es geht ein paar Serpentinen hoch und dann in ein wildes, tief eingeschnittenes Tal und dann langsam in eine Hochebene. Dort gibt es viele kleine Dörfer, die wohl den Hanfanbau als Nebengewerbe entdeckt haben. Überall stehen die dicken grünen Pflanzen und verströmen ihren typischen Duft, es riecht ein bisschen wie auf einer Haschischparty.

Leider gibt es auf der anderen Seite keine schöne Abfahrt, zwar geht es die 600 Höhenmeter, die wir hinauf geklettert sind wieder hinunter, aber es gibt viele Baustellen, die von schweren Trucks blockiert werden, die auf der vom Regen nassen und schlammigen Fahrbahn nicht mehr anfahren können und einen gigantischen Stau verursachen.

So kommen wir erst recht spät im nächsten Ort an, wo wir auch Mittagspause machen, es gibt gebratene Nudeln oder gefüllte Teigtaschen, beides geeignet für den großen Anstieg am Nachmittag. Der zieht sich dann auch über 30 Kilometer hin und wir schrauben uns mit vier bis fünf Prozent Steigung nach oben. Vor uns liegen jetzt die Berge des Wutaishan Gebirges in dichtem Nebel, nur ab und zu geben die Wolken einen Blick auf ein paar Nebengipfel frei.

Dann beginnt der Nadelwald und es geht steiler in Serpentinen nach oben und wir tauchen bald in den Nebel ein. Ab 2000 Meter Höhe wird es recht frisch und kühl und wir haben noch weitere 500 Meter zu klettern. Oben ist es dann fast dunkel und die Sichtweite im Nebel beträgt höchstens noch 30 Meter, aber wir kommen wohlbehalten oben an und machen uns auf die lange und eisigkalte Abfahrt.

700 Höhenmeter geht es wieder runter und dann tauchen die ersten Häuser von Taihuai auf, dann ein erstes buddhistisches Kloster und die ersten Restaurantzeilen. Etwas später erreichen wir unser Hotel. Es ist Wochenende und mächtiger Betrieb. Eine halbe Stunde unter der Dusche muss ausreichen, um wieder Wärme in den durchgefrorenen Körper zu bringen, dann ziehen wir zum Essen.

Das ist ok, aber leider sind die Lokale hier recht überteuert und man muss sogar den Bierpreis verhandeln. Nach dem Essen passiert nicht mehr viel, die knapp 2000 hm machen sich bemerkbar und einem schnellen Schlaf steht nichts mehr im Wege.

Höhenprofil

Abschied, kleine Katastrophen und die größte Holzpagode der Welt

Abschied von weitern 4 Teilnehmern, 84 Kilometer von Datong nach Yingxian, 100 unbedeutende Höhenmeter bei diesigen bis 28 Grad.

Heute Morgen dann der nächste Abschied: Emma, Karin, Wulf und Jochen machen sich heute mit schweren Koffern auf den Weg nach Hause. Wir genießen noch einmal das gigantische Frühstücksbuffet unser 4 Sterne Luxushütte mit Käse, Sushi, Nürnberger Würstchen, gutem Capuccino oder toller chinesischer Spätzlesuppe. Aus dem frühen Aufbruch wird nichts, denn heute hat Gerhard seinen ersten Plattfuß, gerade als er wieder vor Chinesen prahlt, dass er 11.000 Kilometer ohne einen solchen zurückgelegt hat. Wir flicken und dann fliegt uns das Ventil um die Ohren, also wieder den Mantel runter. So wird es fast halb 10 als wir endlich loskommen.

Am Ortsausgang ist dann die Straße gesperrt und unser Fahrer Pang muss irgendwo außen herum gurken, wir können über die Baustellenbrücke schieben. Am Anfang sah es gut aus, dann kommen dicker Schlamm und große Pfützen, nur gut, dass wir in Datong die Räder nicht, wie eigentlich geplant, gewaschen haben. Dann können wir fast ungestört auf der fast fertigen Straße fahren. Einmal wird es später noch eng, in einem Tunnel haben sich vier LKW so verkeilt, dass man werde vor und zurück kommt und ich muss eine Umfahrung suchen, das ist nicht zu schwer und wir kommen dabei durch nette kleine Dörfer.

In Huairen, auf halbem Wege zum Ziel haben wir dann erstmals zum Mittag Nudeln. Wir verursachen in dem Laden einen riesigen Auflauf mit abschließender Mundorgelvorführung und Fotosession. Es ist wirklich begeisternd durch China zu radeln, die Leute sind überall fasziniert und aufgeschlossen und freundlich.

Auf einer größeren Straße geht es dann flott nach Yingxian, auch das war vor 19 Jahren noch ein kleines Kaff und hat sich zu einer netten Kleinstadt mit neu gestaltetem Stadtkern gemausert. In der Mitte der Stadt überragt eine große 9stöckige Pagode von 70 Metern Höhe den Tempel und die Stadt. Das besondere an der Pagode ist einmal ihr Alter, sie wurde vor 956 Jahren nur aus Holz errichtet und soll die größte Holzpagode Chinas und damit wohl auch der ganzen Welt sein. Leider kommt man nur bis in die zweite Etage des beeindruckenden Holzturmes, aber man hat von dort auch schon eine schöne Aussicht. Der Tempel rundherum ist recht gut gestaltet und die Anlage ist ihre 60 Yuan Eintritt schon wert.

Nach unsere Luxusbude in Datong sind wir jetzt wieder auf Chinesischem Niveau, das heißt die Zimmer sind groß und sauber und die Betten auch angenehm hart, lediglich an der Wand gibt es Flecken und im Badezimmer klappern die Armaturen und es fließt nur dünnes Wasser aus der Dusche, aber zum Duschen reicht es und was wollen wir mehr an einem solchen Tag, außer vielleicht noch ein gutes Abendessen und das sollte eigentlich kein Problem sein.

War es dann auch nicht, denn auf dem Platz am Kaufhaus gab es ein Grillrestaurant mit Lamm- und Rindspießchen, dazu gab ein paar Gerichte und Gemüse und kaltes Bier und wir sitzen draußen unter Chinesen und genießen den lauen Abend.

Höhenprofil

Im Reich des Tees

Ruhetag in Datong mit langer Teeprobe und abendlichem Abschiedsessen.

Das Frühstücksbuffet in unserer 4 Sterne Herberge toppt alle bisherigen Frühstücke auf der Tour. Es gibt drei verschieden Sorten Käse, verschiedene warme Gerichte und Sushi, aber auch der chinesische teil des Buffet ist lecker. Schon dass es eine richtige Kaffeemaschine gibt, die einen guten Capuccino produziert ist etwas Besonderes im Lande des Tees.

Und der steht heute im Mittelpunkt des Tages. Im Zentrum habe ich einen netten Teeladen gefunden, in dem wir heute eine Teeprobe machen wollen und dann geht es zwei Stunden einmal kreuz und quer durch den chinesischen Teegarten. Wir starten mit einem Klassiker, dem Drachenbrunnentee aus Hangzhou, probieren dann einen Woolong Tee aus dem Süden, dann gibt es einen leichten schwarzen Tee aus Yunnan. Abwechslung bringt dann ein Jasmintee und zum Schluss verkosten wir noch einen frischen grünen Pu-Erh und einen schwarzen Pu-Erh Tee. Nach zwei Stunden passt kein Tropfen mehr in die vollen Blasen und wir trennen uns zu einem weiteren Stadtbummel, es gib hier noch einige Klöster im Zentrum, aber ich nutze die Zeit und schaffe es seit langem wieder einmal, mein Blog auf den aktuellsten Stadt zu bringen. Auch habe ich noch jede Menge zu tun, um die letzte Etappe von hier nach Beijing vorzubereiten.

Ein Blick auf die Karte lässt mich wieder einmal erstaunen, denn die chinesische Hauptstadt ist nur etwa 300 Kilometer entfernt. Wir werden aber noch einen Bogen nach Süden zu einem der heiligen buddhistischen Berge, dem Wutaishan zu schlagen und dann machen wir noch ein Schlenker nach Norden zu einigen gut ausgebauten Abschnitten der Großen Mauer.

Da uns morgen früh vier unserer Irkutsk-Mitradler verlassen, steht heute noch einmal ein gigantisches Abendessen auf dem Programm. Ich habe einen Laden herausgesucht, der auch von Chinesen gut besucht wird. Deshalb muss man den Tisch auch reservieren. In einem der neu errichteten alten Gebäude liegt das großflächige Restaurant, das sich auf gedämpfte Teigtaschen spezialisiert hat. Die leckeren Füllungen aus Gemüse, Seafood oder Fleisch werden durch einen hauchdünnen Nudelteig zusammen gehalten. Im Restaurant zeigt sich, was Chinesen unter Luxus verstehen, der Toilettentrakt ist mit kleinen Kupferplatten komplett ausgekleidet und schimmert golden, über jedem Pissoir befindet sich ein kleiner Bildschirm und zeigt lustige Werbespotts, damit Mann sich beim kleinen Geschäft nicht langweilt. Auch ansonsten ist das Lokal sehr rustikal ausgestaltet und Dutzende von Mädels in schönen Qi-Pao Kleidern, den traditionellen chinesischen geschlitzten Kleidern rennen mit Walkie-Talkie busy durch die Gänge und flitzen zwischen den Tischen umher. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie ihren Service im Griff haben, im Kühlschrank gibt es nur vier Flaschen gekühlten Bieres und den Reis muss ich mindestens vier mal bestellen, bevor er dann kommt. Vielleicht liegt es einfach daran, dass Ausländer tendenziell eher freundlich mit dem Personal umspringen, während der Chinese laut: “Bedienung, Reis!!!” durch den Saal kräht. Also wieder einmal ein Abendessen mit Erlebnischarakter, der Preis im Lokal liegt natürlich etwas höher, aber immer noch weit unter europäischem Niveau, wir haben heute für 13 Personen 115 € auf den Tisch gelegt und sind dabei mehr als gut satt geworden.

Stadt der Gegensätze

Ruhetag in Datong mit Stadtspaziergang und Shopping.

Als ich das letzte Mal in Datong war, und das ist schon 19 Jahre her, war die Stadt ein absolutes Drecknest. Es gab viele alt Hutongs, die Stadtviertel mit den traditionellen Häusern, und vier oder fünfstöckige Bauten aus den 80er Jahren, durchweg weiß gefliest und überall war es mehr als staubig und dreckig von den Kohlekraftwerken und der Industrie in der näheren Umgebung.

Seit knapp 10 Jahren läuft in China jedoch eine riesige Sanierungswelle und diese hat Datong nun auch erreicht. Die alten Häuser werden mit der Planierraupe zusammen geschoben und ein neues „altes“ Zentrum entsteht. Es gibt Prachtstraßen im traditionellen chinesischen Stil mit viel Platz für Restaurants, Läden und Boutiquen. Die ehemaligen Bewohner müssen ausweichen in die Satellitenstädte. das ist natürlich, wie alles in China, ziemlich zweischneidig. Natürlich möchten die Leute raus aus den engen Wohnhöfen, in denen auf engstem Raum vier oder fünf Familien wohnen und die Toilette am Ende der Straße ist und die sich schon 50 Meter vorher durch einen scharf beißenden Geruch ankündigt. Genauso natürlich sind die Mieten für die Wohnungen im Neubau wesentlich höher, der Wohnkomfort auch, viele können es sich leisten, dort eine Wohnung zu kaufen, andere jedoch nicht und die stehen jetzt faktisch ohne Obdach da.

Aus dem Fenster meines Hotels prallen diese drei Welten aufeinander, vorn ist noch ein schäbiger Hutong, dann kommen die Bauten der 80er Jahre und am Horizont steht eine kleine Skyline.

Trotz des schlechten Geruchs tobt in den Hutongs das Leben, Kinder spielen, von der Großmutter beaufsichtigt, auf der Straße. Fliegende Händler mit Fahrradkarren bieten Obst und Gemüse feil und in jedem zweiten Häuschen gibt es einen Laden oder eine Bude mit einem öffentlichen Telefon und Verkauf von Schnaps und Zigaretten. Verschlafen trampelt ein Chinese in schlabbrigem Unterhemd und Unterhose mit Pantoffeln an den Füßen in Richtung Toilette. Die Schlafanzugläufer sind wieder unterwegs. Zu den Olympischen Spielen war diese (Un)sitte bei Ordnungsstrafe verboten, ebenfalls hatte man sich bemüht ein Rauchverbot für Gaststätten durchzusetzen. Das hat alle wieder gebröckelt, in den kleinen Lokalen wird geraucht wie vorher, nur die großen Restaurants sind manchmal rauchfrei.

Danach erreichen wir die neu gestaltete Innenstadt. Es sieht so schön und historisch aus, wie es in den letzten 4000 Jahren chinesischer Geschichte nie war, für den Touristen schön anzusehen, für den Reiseleiter eher langweilig, denn in allen Städten wird ähnlich „rekonstruiert“. Rekonstruktion auf Chinesisch heißt, Abreißen und neu Aufbauen und dabei einen pseudohistorischen Stil bewahren.

Die Frauen meiner Gruppe enden bei einem Schneider in einem Hutong. Das tapfere Schneiderlein hat eine schöne Auswahl an Seidenstoffen und bekommt gleich drei Aufträge von unseren Damen. So was hat er auch noch nicht erlebt, Ausländer in seinem Laden und lassen sich auch noch bei ihm Maßschneidern.

Um die Ecke plärren die Lautsprecher der Klamottenläden unten im Kaufhaus. Es ist ein babylonisches und lautes Gewirr an Musik und Werbung, welches hier durch die Straßen dröhnt und ich will hier eigentlich nur so schnell wie möglich wieder weg. Den Chinesen scheint es nicht zu stören, der kann seine Ohren nämlich einfach abschalten.

Während meine Gruppe weiter die Kaufhäuser leer kauft habe ich noch ein weiteres Nachmittagsprogramm, vier unserer Radler fliegen Übermorgen nach Hause und deren Räder müssen verpackt und versandfertig gemacht werden. Xiao Pang, unser Fahrer hilft mir und in einem Radladen finden wir auch Kartons und weitere Unterstützung.

Am Abend droht ein Gewitterguss, deshalb machen wir heute Kontrastprogramm und gehen in ein Restaurant in einem dem Abriss geweihten Hutong. Der Laden ist winzig, das Essen bodenständig rustikal und gut, die Rechnung wieder erfrischend niedrig.

An der Großen Mauer

71 Kilometer von Fengzhen nach Datong, „durch“ die Große Mauer und Besichtigung des Yunggang Felsenklosters, 396 Höhenmeter bei heißen 33 Grad und Sonne.

Heute wird es spannend auf der Strecke, denn die Straße schneidet irgendwo die Große Mauer. Meiner Gruppe habe ich noch nichts davon erzählt, denn nicht jeder Mauerabschnitt ist so imposant, wie es auf Werbung für Chinareisen dargestellt wird. An vielen Stellen ist eigentlich nichts mehr von dem Wall übrig geblieben oder lediglich ein paar Lehmhaufen.

Doch wir haben Glück und links und rechts der Straße tauchen ein paar große Lehmhügel auf, ehemalige Wachtürme und auch die Mauer dazwischen lässt sich erahnen. Ehemals waren die Bauwerke alle mit Ziegeln verkleidet, während der Kern der Mauer aus lokalen Materialien, hier also Lehm, bestand. Als die Mauer dann jedoch irgendwann vor zwei- oder dreihundert Jahren außer Betrieb genommen wurde, haben sich die Bauern rundherum billig mit Baumaterial eingedeckt und so bestehen alle älteren Ziegelbauten aus der Umgebung aus dem Material der Großen Mauer.

Etwas weiter weg kann man dann den Verlauf der Mauer besser sehen, aller 500 Meter ein Wachturmsockel und dazwischen die Lehmreste der Mauer, manchmal ganz weggespült, manchmal noch drei bis vier Meter hoch. Etwas später gibt es dann auch noch die Ruinen eines alten Forts in dem die Mauersoldaten stationiert waren und hier nutzen wir die Gelegenheit und klettern auf das alte Gemäuer. Das adelt uns dann zum „richtigen Chinesen“, denn so etwas kann man nur werden, wenn man mindestens einmal im Leben die Mauer bestiegen hat. Auf Chinesisch heißt die Mauer „10.000 Meilen Wall“, wobei eine chinesische Meile ca. 500 Meter hat, aber die Mauer an sich gibt es gar nicht. Seit der Han-Dynastie (200 B.C.) wurde mehr oder weniger systematisch an einem Schutzwall gegen die nomadischen Steppenvölker gebastelt. Dabei entstanden jeweils an zentralen Stellen Mauerabschnitte. In späteren Dynastien wurde ergänzt, einige Abschnitte verfielen und andere kamen dazu. Heute sind vor allem die Abschnitte aus der Ming und Qing Dynastie, also den letzten Dynastien am besten erhalten und teilweise überrekonstruiert worden. Die schönsten Abschnitte befinden sich im Norden und Nordosten von Beijing und in einigen Tagen werden wir dort auch die Mauer besichtigen können.

Heute soll es jedoch weiter historisch bleiben und auch heiß dazu. Bei 30 Grad hügelt die Straße in Richtung Datong. 20 Kilometer vor der Stadt liegen die Yungang Grotten. Es ist eine in den Sandstein gegrabene buddhistische Höhlenanlage mit 42 Grotten und 210 Nischen mit insgesamt über 50.000 Buddhastatuen. Der Baubeginn der Grotten lag vor 1500 Jahren in der Wei-Dynastie, als der Buddhismus Staatsreligion wurde. Über die Jahrhunderte war die Anlage jedoch der Witterung und der Erosion ausgesetzt und deshalb sind viele der Skulpturen und Grotten stark verwittert, andere sind wegen Restaurierungen und Umbauten in verschiedenen Epochen erstaunlich gut erhalten.

Wir betreten die Anlage durch einen eher futuristisch anmutenden Tempel. Hier haben die Chinesen alles gezeigt was sie können, wenn sie alte Geschichte neu empfinden und etwas restaurieren, was es nie zuvor gab. Man spaliert erst einmal durch eine Gasse mit Säulen, die von indischen Elefanten getragen werden. Dann zieht der Besucherstrom nach der Abgabe des 16 Euro Eintrittspreises auch schnell durch die vorderen Teile des modernen neu-alten Betontempels nach hinten zu den Felsengrotten.

Die erste Gruppe an Höhlen ist ziemlich stark verwittert, einige Buddhafiguren lassen sich nur noch erahnen. Lediglich in den tieferen Grotten sind die großen Figuren von bis zu 10 Meter Höhe besser erhalten oder rekonstruiert. Es ist schön hier der Gluthitze der Sonne entfliehen zu können und zu den erhabenen und Ruhe ausstrahlenden Gesichtern empor blicken zu können. Am tollsten sind die Grotten im Mittelteil der Anlage, die meistens als Zwillings- oder Drillingsgrotten angelegt sind. Geschützt durch tempelähnliche Vorbauten aus Holz sind hier die Figuren sehr gut erhalten, ebenso wie ihre farbenfreudige Bemalung. Auch hier sind die Figuren wieder 15 bis 20 Meter hoch. In einer besonders schönen Grotte sind um die große Buddhafigur die Wände mit tausender kleinen Buddhafiguren von vielleicht 10 bis 20 Zentimeter Größe.

Wir brauchen gute zwei Stunden für den Rundgang und treffen uns dann wieder in einem kleinen Restaurant am Ausgang, dessen Spezialität eine Suppe aus Bohnenstärke ist. Trifft man dieses Gericht im ganzen Land, dann verspeist man eine Art durchsichtige Nudeln, hier aber ist es eine glibberige Masse. Entsprechend geteilt ist das Echo der Gruppe auf die “Quallen”, obwohl der Geschmack mit Gemüsestreifen, Essig, Erdnüssen und Chili durchaus nicht übel ist, aber eben diese glibberige Struktur.

Bis in die Stadt brauchen wir noch ein bisschen mehr als eine Stunde. Im Zentrum von Datong wohnen ca. 1,5 Millionen Menschen, bei den 3 Millionen Angaben der Reiseführer sind die Vorstädte und kleiner Städte mit eingerechnet. Entsprechend hoch ist das Verkehrsaufkommen, aber der Verkehr in China ist rücksichtsvoller als in der Mongolei oder in Russland, meist gibt es rechts eine breite Fahrradspur und für die Autos bleibt auf den Hauptstraßen mit bis zu 8 Spuren auch noch genügend Platz.

Für uns beginnen heute drei Tage in einer 4 Sterne Luxuswelt mit großen Zimmern und fetter Dusche, wir haben kein großes Programm, also wird viel Zeit zum Schlendern und Ausruhen bleiben und natürlich zum Essen. Für heute habe ich ein etwas größeres und besseres Lokal ausgesucht, wir essen verschiedenen Fisch, leckere Brunnenkresse, Lamm, Rind und Huhn. Beeindruckender als das Essen ist jedoch der Lärm, den die beiden Chinesentische links und rechts verursachen, Unterhaltungen an unserem Tisch sind fast nicht mehr möglich. Zum Spaß erhöhen auch wir einmal den Gesprächslärm um eine Vielfaches für 2 Minuten und brüllen uns auch an, was aber in keinster Weise auffällt……”Die spinnen ja, die Chinesen” hätte Obelix jetzt sicher gesagt.

Höhenprofil

Die Chinesen und das Achte Weltwunder

77 Kilometer von Jining nach Fengzhen, anfangs sehr schöne Nebenstrecke durch kleine Dörfer, dann auf ruhiger Hauptstraße hügelig bis zum Ziel, sonnig bis 28 Grad.

Das Schlimmste haben wir hinter uns gebracht, bis zu den nächsten Ruhetagen in Datong haben wir nur noch zwei relativ kurze Fahrtage. Heute sind wir in mehrfacher Hinsicht in China richtig angekommen. zum einen sieht man kaum noch Mongolen und andere Minoritäten, die meisten Leute sind jetzt Chinesen. Auch wird auf jedem freien Quadratzentimeter Landwirtschaft betrieben. Wir folgen einer winzigen Straße nach Süden, eine Bäume bestanden Alle windet sich durch kleine Dörfer und unsere Fahrt, heute nur mit leichtem Wind, ist eine regelrechte Landpartie. Ab und zu sehen wir in den kleinen Dörfern eine Moschee, ein Zeichen für die Hui-Minorität. Eigentlich sind die Hui keine eigene ethnische Gruppe, sondern auch Han-Chinesen, die allerdings wegen ihrer Religion als eigene Volksgruppe gezählt werden.

Es ist so angenehm, durch das viele Grün zu radeln, links und rechts der Straße viele Maisfelder und die Tupfen der gelben Sonnenblumen. Ab und zu rattert ein kleiner Traktor vorbei oder wir überholen einen Eselkarren. Auf der Straße stehen die Leute und schwatzen. Wenn unsere Gruppe vorüber zieht, dann verstummen die Gespräche und man winkt uns zu und versucht sich an einem „Hellouu“, wir winken und geben ein freundliches „Hello“ oder „Moin, moin“ zurück.

Als wir in einem winzigen Städtchen auf dem Markt anhalten sind wir von Chinesen nur so umringt, manch einer versucht seine drei „Broken Englisch“, Gerhard ist wie immer das Kommunkationswunder und redet platt mit den Chinesen und kommt prima damit klar. Zwar versteht keine der beiden Seiten viel, aber alle haben Spaß und jetzt kennt auch der letzte Chinese in der inneren Mongolei das kleine Fischerdorf Bokel. (Das ist ein kleiner gruppeninterner Scherz, natürlich sind auch wir Süddeutschen, die südlich von Hannover wohnen, der Meinung, dass sich alle Dörfer im hohen Norden natürlich nur von Fischfang ernähren.)

Nach dem Bananen und Getränkestopp verlassen wir mit Mühe den riesigen Auflauf auf der Straße, den wir verursacht haben und das kleine Städtchen, leider auch die winzige Straße. Aber auch größere Straße ist nicht schlecht zu fahren, leider geht es nicht mehr so direkt durch die kleinen Dörfer.

Mittag haben wir dann in einem winzigen Restaurant, es dauert eine Weile, bis wir genug Stühle zusammen gesammelt haben, bevor wir uns eine kleine Mahlzeit aus drei oder vier Gerichten und Maultaschen gönnen.

Zum Glück haben wir es nicht mehr weit bis zum Ziel nach Fengzhen. Die Stadt ist keine Retortenstadt, wie die Städte in der Wüste, also in den letzten 20 Jahren „historisch“ gewachsen. Deshalb gibt es auch keine imposante Einfallsstraße, sondern einen staubigen Weg mit zahlreichen Reparaturbuden für LKW. Da sich das Leben auch hier auf der Straße abspielt, wird überall geschraubt, gebastelt und geschweißt. Motoren liegen auseinander gebaut auf der Straße und dazwischen spielen ein paar Kinder.

Am Ortseingang an einem steilen Hang gibt es noch einen kleinen buddhistischen Tempel, der recht verfallen wirkt, der obere Teil am Berg wird gerade renoviert, die neuen Buddhafiguren stehen unten in einem Schuppen schon bereit und sind noch verpackt. So können wir nur die alten Gebäude von außen betrachten.

Am Abend landen wir in einem winzigen Restaurant, das wir komplett einnehmen, der Koch ist eine Perle und zaubert in der winzigen Küche die schmackhaftesten Gerichte in Sekundenschnelle. Nach dem Essen wird der Fotograf vom Laden nebenan geholt und es muss noch ein Bild geschossen werden. Wenn ich im nächsten Jahr hier vorbeikommen sollte, dann hängt unsere Gruppe hier mit Sicherheit an der Wand. Zum Abschluss probieren wir noch einen Hirseschnaps, der trotz des 65%igen Alkohols noch recht angenehm zu trinken ist, zumindest ab dem zweiten Schluck!

Höhenprofil

Hinter der Gobi

80 Kilometer von Shangdu nach Jining, 186 Höhenmeter bei drehenden Winden bis 28 Grad, kleine, neue Straße mit vielen winzigen Dörfern und recht viel Landwirtschaft.

Heute heißt es erstmals frühstücken, wie der normale Chinese, denn im Hotel gibt es kein Buffet. Auf der anderen Straßenseite dagegen gibt es einige Früstücksläden und dort gibt es dann zu einem Glas warmer Sojamilch gefüllte gedämpfte Teigtaschen und Youtiao, das ist eine Art Pfannkuchenteig der in langen Strängen in Öl ausgebraten wird.

So gestärkt geht es auf die heute erstmals etwas kürzere Strecke. Wir rollen aus dem kleinen modernen Retortenstädtchen noch einmal vorbei an einem riesigen kitschigen Denkmal. Auf einer Art Rolle aus Stahl galoppiert ein Pferd in die Weite des Himmels. Ich frage einen der an der Kreuzung stehenden Chinesen, was das Denkmal bedeuten soll, der zuckt aber mit den Schultern und sagt, dass es gerade zur Stadtfeier gebaut wurde. Die Stadt feiert in den nächsten Tagen ein Stadtfest und wurde deshalb auch schon überall mit Lichterketten und roten Laternen geschmückt, schade, dass wir das nicht erleben dürfen.

Noch einmal geht es ein wenig durch die Grassteppe, das Land ist heute wieder recht flach, etwas Abwechslung bringen die kleinen Dörfer. Damit haben wir dann wohl die Wüste endgültig hinter uns gebracht, denn es gibt zunehmend mehr und mehr Grüne Flächen und immer mehr Felder. Anfangs sind es nur Getreideflächen, dann kommen Mais und anderes hinzu.

Die kleine Straße, die wir heute gewählt haben ist noch nicht einmal richtig fertig gestellt und deshalb fast verkehrsfrei und das bleibt auch den ganzen tag so. Der Wind dreht und wendet sich und an einigen Stellen quälen wir uns wieder im Pulk vorwärts und etwas später treibt uns ein hauch von hinten voran.

Zwar sind die Temperaturen mit 28 Grad noch recht harmlos, aber die Sonne sticht wegen der höheren Luftfeuchtigkeit doch recht ordentlich. Zu den Pausen suchen wir irgendwo einen schattigen Platz, denn sonst ist es in der Sonne nur schwer auszuhalten.

Am späten Nachmittag taucht dann am Horizont der Umriss eine großen Kohlekraftwerkes auf, wir kommen also langsam in die Kohleregion und unserem heutigen Ziel, der Stadt Jining langsam näher.

Die Stadt hat schon eine knappe Million Einwohner und entsprechen rege ist das Leben auf der Straße und auch die Auswahl an Restaurants ist größer. Obwohl wir heute in ein Seafood Restaurant einziehen und im Separee dinieren haut uns der Preis nicht aus den Socken, der Fisch und Tintenfisch sind lecker, das Muschelgericht etwas mager, der Eselsbraten toll und die Gemüsegerichte gut wie immer.

Höhenprofil

Tag der Windkraft

95 Kilometer von Xianghuang nach Shangdu, am Anfang wieder heftig windig und etwas bergan, zum Schluss dann etwas Rückenwind, 316 hm bei etwas Sonne und Wolken bis 25 Grad.

Der Morgen beginnt nicht sehr erfreulich, denn die Pappeln vorm Fenster biegen sich nur so im Wind und natürlich in die falsche Richtung. Hört das denn nie auf mit dem Scheißgegenwind, gestern war es wenigstens am Morgen noch windstill. Eigentlich ist doch die Mongolei, das “Land der zornigen Winde”.

Gleich hinter der Stadt müssen wir uns wieder formatieren, der Wind ist so stark, dass bei jedem Wechsel vorne, die ganze Gruppe durcheinander kommt, also setzen sich Gerhard und ich nach vorne ans Feld und bleiben Windschatten spendend auch dort. Schwer kämpfend kommen wir noch gemächlich durch die Landschaft und wir stellen fest, dass es wohl hier immer streng windig ist, denn wir sehen heute wieder jede Menge an Windparks. Die gibt es schon seit der Grenze. Hin und wieder ragten die hohen weißen Windmühlen aus dem Wüstensand und auch viele Transporter waren unterwegs mit den Teilen für neue Windmühlen hinten drauf.

Heute gibt es jedoch besonders viele davon auf den Bergen links und rechts der Straße. In den letzten Tagen haben wir allmählich an Höhe gewonnen und sind jetzt auf über 1500 Meter Höhe. Man merkt es hauptsächlich daran, dass die Lippen in der Sonne schneller verbrennen und muss ordentlich mit Sonnencreme schmieren. Auch scheinen wir heute die Wüste endgültig hinter uns gelassen zu haben, denn es gibt ab und zu kleine Ortschaften und überall links und rechts der Straße Felder. Hauptsächlich werden Getreide, Kartoffeln und Mais angebaut, manchmal sieht man dazwischen noch eine Schaf- oder Ziegenherde.

Heute haben wir dann erstmals in China auch eine richtige Mittagspause, am Abzweig auf die Hauptstraße gibt es ein paar Restaurants. leider essen wir viel zu viel und dann müssen wir wieder aufs rad, aber wir haben Glück, der Wind dreht ein bisschen und auch die Straße macht einen kleinen Bogen in die richtige Richtung und dann gleiten wir die letzten 40 Kilometer auf dem Highway dahin. Das ist in China kein Problem, denn die Verkehrsdichte ist hier nicht sehr hoch und es gibt einen breiten Seitenstreifen für Radfahrer, Traktoren und Eselskarren. So taucht unser Übernachtungsort Shangdu heute schon einmal ein bisschen eher auf als sonst und es bleibt neben einer ausgiebigen Dusche ein wenig mehr Zeit zum Entspannen, bevor wir zum Abendessen losziehen. Ich entdecke ein Feuertopfrestaurant und wenig später sitzen wir um einen dampfenden Tischkessel und schieben jede erdenkliche Art von Fleisch und Gemüse in die brodelnde Brühe, ein paar Minuten später beginnt der Verteilungskampf um Tofustücken, Wachteleier, Rindfleisch, Goldnadelpilze, aber alles ist mehr als reichlich uns so sind wir dann heute zum zweiten male gut abgefüllt. Auch wenn der Yuan Renminbi, die chinesische Währung wieder einmal 10 % zugelegt hat, isst man in China immer noch mehr als günstig. Ein Bier kosten 35 Cent und für das Gruppenessen legen wir unter 50 € auf den Tisch und das bei 13 Personen. Wenn man dann sieht, wie viel Personal in jedem Laden herumspringt, fragt man sich, wie das überhaupt möglich ist.

Höhenprofil