Stadt der Gegensätze

Ruhetag in Datong mit Stadtspaziergang und Shopping.

Als ich das letzte Mal in Datong war, und das ist schon 19 Jahre her, war die Stadt ein absolutes Drecknest. Es gab viele alt Hutongs, die Stadtviertel mit den traditionellen Häusern, und vier oder fünfstöckige Bauten aus den 80er Jahren, durchweg weiß gefliest und überall war es mehr als staubig und dreckig von den Kohlekraftwerken und der Industrie in der näheren Umgebung.

Seit knapp 10 Jahren läuft in China jedoch eine riesige Sanierungswelle und diese hat Datong nun auch erreicht. Die alten Häuser werden mit der Planierraupe zusammen geschoben und ein neues „altes“ Zentrum entsteht. Es gibt Prachtstraßen im traditionellen chinesischen Stil mit viel Platz für Restaurants, Läden und Boutiquen. Die ehemaligen Bewohner müssen ausweichen in die Satellitenstädte. das ist natürlich, wie alles in China, ziemlich zweischneidig. Natürlich möchten die Leute raus aus den engen Wohnhöfen, in denen auf engstem Raum vier oder fünf Familien wohnen und die Toilette am Ende der Straße ist und die sich schon 50 Meter vorher durch einen scharf beißenden Geruch ankündigt. Genauso natürlich sind die Mieten für die Wohnungen im Neubau wesentlich höher, der Wohnkomfort auch, viele können es sich leisten, dort eine Wohnung zu kaufen, andere jedoch nicht und die stehen jetzt faktisch ohne Obdach da.

Aus dem Fenster meines Hotels prallen diese drei Welten aufeinander, vorn ist noch ein schäbiger Hutong, dann kommen die Bauten der 80er Jahre und am Horizont steht eine kleine Skyline.

Trotz des schlechten Geruchs tobt in den Hutongs das Leben, Kinder spielen, von der Großmutter beaufsichtigt, auf der Straße. Fliegende Händler mit Fahrradkarren bieten Obst und Gemüse feil und in jedem zweiten Häuschen gibt es einen Laden oder eine Bude mit einem öffentlichen Telefon und Verkauf von Schnaps und Zigaretten. Verschlafen trampelt ein Chinese in schlabbrigem Unterhemd und Unterhose mit Pantoffeln an den Füßen in Richtung Toilette. Die Schlafanzugläufer sind wieder unterwegs. Zu den Olympischen Spielen war diese (Un)sitte bei Ordnungsstrafe verboten, ebenfalls hatte man sich bemüht ein Rauchverbot für Gaststätten durchzusetzen. Das hat alle wieder gebröckelt, in den kleinen Lokalen wird geraucht wie vorher, nur die großen Restaurants sind manchmal rauchfrei.

Danach erreichen wir die neu gestaltete Innenstadt. Es sieht so schön und historisch aus, wie es in den letzten 4000 Jahren chinesischer Geschichte nie war, für den Touristen schön anzusehen, für den Reiseleiter eher langweilig, denn in allen Städten wird ähnlich „rekonstruiert“. Rekonstruktion auf Chinesisch heißt, Abreißen und neu Aufbauen und dabei einen pseudohistorischen Stil bewahren.

Die Frauen meiner Gruppe enden bei einem Schneider in einem Hutong. Das tapfere Schneiderlein hat eine schöne Auswahl an Seidenstoffen und bekommt gleich drei Aufträge von unseren Damen. So was hat er auch noch nicht erlebt, Ausländer in seinem Laden und lassen sich auch noch bei ihm Maßschneidern.

Um die Ecke plärren die Lautsprecher der Klamottenläden unten im Kaufhaus. Es ist ein babylonisches und lautes Gewirr an Musik und Werbung, welches hier durch die Straßen dröhnt und ich will hier eigentlich nur so schnell wie möglich wieder weg. Den Chinesen scheint es nicht zu stören, der kann seine Ohren nämlich einfach abschalten.

Während meine Gruppe weiter die Kaufhäuser leer kauft habe ich noch ein weiteres Nachmittagsprogramm, vier unserer Radler fliegen Übermorgen nach Hause und deren Räder müssen verpackt und versandfertig gemacht werden. Xiao Pang, unser Fahrer hilft mir und in einem Radladen finden wir auch Kartons und weitere Unterstützung.

Am Abend droht ein Gewitterguss, deshalb machen wir heute Kontrastprogramm und gehen in ein Restaurant in einem dem Abriss geweihten Hutong. Der Laden ist winzig, das Essen bodenständig rustikal und gut, die Rechnung wieder erfrischend niedrig.

An der Großen Mauer

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