Multi-Kulti zwischen Kirchtürmen

Ruhetag in Vilnius mit langem Stadtspaziergang.

Den Bier schock habe ich leidlich überstanden, leider ist Litauen ein miserables Kaffeeland, ebenso wie Polen, überall nur “Schwerterkaffee”. Vielleicht bin ich aber auch nur durch Vietnam verwöhnt, wo man den Löffel regelrecht in das muntermachende Schwarzgetränk stecken konnte.

Gintas ist auch pünktlich im Hotel, gestern Abend hatte sich ja unser Treffen etwas verzögert, natürlich wegen Kommunikationschwierigkeiten, in meiner Mail an Sigitas hatte ich das “Comfort” Hotel erwähnt, am Telefon dann nur beiläufig gesagt, dass wir jetzt im “Panorama” sind, ob er wisse wo das ist. Und natürlich wartete Sigitas dann im “Comfort” und wir im “Panorama”. Ja, die Sprache ist eben das Grundübel aller Kommunikationsstörungen.

Das Wetter ist heute wieder mehr als angenehm, zwar morgens noch ein wenig frisch, aber als wir durch die alten Straßen und Gassen ziehen wird es schon wärmer. Zentrales Element sind immer wieder die Kirchen, von denen wirklich an jeder Ecke eine steht. Über 50 soll es im engeren Stadtgebiet geben und man sagt, es gebe in Vilnius keinen Platz, von dem man nicht mindestens vier Kirchen sehen kann.

Interessant ist auch der Stadtteil “Uzupis”, der Prenzlauer Berg von Vilnius, oder wenigstens das was der Prenzlauer Berg für Berlin einmal war. In dem ehemaligen jüdischen Stadtteil haben sich nach dem Holocaust vor allem Obdachlose, Kriminelle und Prostituierte hier niedergelassen. Die Gebäude und Straßen waren ordentlich verwahrlost. In den 90er Jahren wurde es dann aber zu einer Künstlerkolonie. Als eine Kunstaktion wurde dann die “Unabhängige Republik Uzupis” gegründet mit Regierung, Präsident und 12-Mann-Armee, letztere wurde aber wegen fehlenden Feindes wieder aufgelöst. Interessant bis witzig sind die Verfassungsparagraphen der Republik. Ich nenne nur ein paar Beispiele:

• Jeder Mensch hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbei zu fließen.
• Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach.
• Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, aber das ist keine Pflicht.
• Jeder Mensch hat das Recht, Fehler zu machen.
• Jeder Mensch hat das Recht auf Zweifel, aber das ist keine Pflicht.
• Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein.
• Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich zu sein.
• Jeder Mensch hat das Recht faul zu sein oder einfach nichts zu tun

Genügend philosophisches Potential, um bei süffigem litauischen Bier lange Abende lang zu diskutieren.

Hinter dem Viertel liegen dann wieder Kirchen und der Gediminas, ein nach dem bekanntesten König des Landes benannter Berg, auf dem sich die Ruine der Festung befindet und man eine grandiose Sicht über die Stadt hat.
Hier habe ich zum letzten und zum ersten Male so ziemlich genau vor 19 Jahren gesessen, auf meiner ersten richtig großen Radtour und auch damals war ich auf dem Weg nach China. Der Blick vom Gedeminas auf die Altstadt ist eine der wenigen konkreten Erinnerungen, die noch nicht verblasst sind, damals war es allerdings kühler und regnete ein wenig. Von oben habe ich damals versucht, die Kirchtürme zu zählen und bin auf über 20 gekommen. Wir genießen heute hier wieder den Blick, die warme Sonne und das Spiel der Wolken und trennen uns dann für den Rest des Tages. Zuvor verabschieden wir uns mit einem Lied von Gintas und ich freue mich auf die nächste Begegnung. Die litauischen Radler um Sigitas wollen auch von China nach London radeln, zwar auf einem anderen Weg, aber spätestens kurz vor London sollte sich eine Begenung nicht mehr vermeiden lassen.

Einige wollen noch den Hügel mit den drei Kreuzen besteigen, mich zieht es noch in die eine oder andere Kirche und in die vielen interessanten Galerien im Zentrum. Beeindruckend ist eine kleine ethnographische Fotosammlung, gut 100 Jahre alte Fotos, sehr systematisch angelegt, Familien vor ihren Häusern und bei der Arbeit. Oftmals mehrere Aufnahmen mit der gleichen Person in verschiedenen Positionen. Die Sammlung ist eine kleine Rarität und gibt gute Einblicke in das bäuerliche und ländliche Leben. Die gute Qualität der Aufnahmen lässt mich oft ganz nahe herantreten und die Gesichter studieren, dabei versuche ich die Charaktere zu ordnen, wer hat Durchsetzungsvermögen, wer ist der Komiker, wer trinkt gerne viel Wodka…..

Den Rest des Tages gehe ich ruhig an, ein kleines Schläfchen, Wäsche waschen und Internet und ein kleines Abendessen, noch einmal Rote Beete Suppe und gesalzener Hering, zum Nachtisch einen Zitronen-Käsekuchen, lecker und eine gute Basis für einen langen Tag morgen.

2 Kommentare zu Multi-Kulti zwischen Kirchtürmen

  • Iris

    Mir gefällt am besten Paragraph 13: Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Hausherren zu lieben, aber in schweren Momenten muss sie ihm beistehen :-)

    Danke Tom, dass du so auführlich von eurer Reise schreibst. Ich habe schon damals das Tagebuch “In 175 Tagen um die Halbe Welt” fieberhaft mitgelesen – es ist immer ein bißchen wie dabei sein – ein klitzekleines bißchen ;-)

    Viele Grüße aus Kassel!
    Iris

  • Edith

    Geschmäcker sind verschieden …….. mein Favorit:
    “JEDER MENSCH HAT DAS RECHT NICHT GELIEBT ZU WERDEN, jedoch nicht unbedingt !” Echt sensationell ………
    und schließe mich – wie immer – den Lobes- und Dankesreden meiner “Vorschreiberin” an !!!

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