Bikes on Planes 1

Auch wenn es in China durchaus gute Räder gibt – 80 Prozent aller weltweit produzierten Räder kommen aus China – möchte ich doch auf den gut 4.000 Kilometern den Yangzi entlang nicht auf die Qualität der Koga-Räder verzichten.

Nur muss so ein Rad erst einmal nach China kommen – und davor hat Konfuzius die Airlines gesetzt. Und die Berliner Taxizentrale.

Die Chronik eines grundlegend schiefgelaufenen Tages:

Es fing eigentlich ganz gut an. Die Reisetaschen waren am Morgen fast schon gepackt, Sarah, meine Tochter, nahm sich eine gute Magenfüllung mit in die Kita (sie besteht auf Ziegenbutterkäse zum Frühstück, und wir hoffen, dass wir sie in den nächsten Tagen von Reisbrei, Dampfbrot und Maultaschen überzeugen können.)

Bahn frei also zum Fertigpacken, ohne das mein neugieriges Mäuschen wieder alles auspackt, oder noch schlimmer – umpackt. Den Gepäckschein meiner Tasche, die seit dem letzten Besuch noch in Shanghai steht, habe ich gestern abend, obwohl ich ihn packbereit auf meine Taschen gelegt hatte, in einer Tupperschüssel im Nebenraum gefunden. Die Fahrradschlüssel in unserer Kleidertruhe. Kreativ, die Kleine.

Mittags dann der Anruf bei der Taxizentrale, ich bestelle ein Großraumtaxi für 14:00 Uhr. Nein, ein Kombi geht nicht, und einen Kindersitz bräuchten wir, betone ich.

Kurz vor 2 ist das Rad fertig verpackt. Vor der Tür steht etwas Beiges mit Taxischild. Klitzeklein, aber immerhin mit Heckklappe. Davor steht ein türkischer Mitbürger und bedeutet mir, dass ich bei ihm schon richtig sei. Ich weise ihn darauf hin, dass der Radkarton etwa 50 cm breiter also sein Auto ist. „Können Sie klappen?“ fragt er. Mein Gesicht sagt schon nein, bevor ich antworten kann.
„Geht trotzdem, kriegen wir hin, klappen wir Sitze um“. Dabei zeigt er auf die Rückbank mit dem Kindersitz. „Und das Kind“, frage ich. „Welches Kind?“

Die Taxizentrale klärt mich auf, das Fahrräder generell nur von Kombitaxis und mit maximal einem Fahrgast mitgenommen werden, bestellt mir aber dann einen großen Van für „in 12 bis 15 Minuten“.

40 Minuten später ist alles verstaut und wir sind auf dem Weg zum Flughafen.

Der Taxifahrer berlinert flott vor sich hin, erklärt mir, warum das alles schief gegangen ist („Hamse keene Ahnung in die Zentrale!“) und bringt uns heil und einigermaßen pünktlich nach Tegel. Vor dem Schalter dann keine Schlange. Jetzt wird alles gut, denken wir!

„Wo haben Sie DAS denn gebucht!“ fragt mich der Mann am Schalter, der aussieht wie ein Stromberg-Clon. „Bei Air China direkt“, antworte ich und verkneife mir den Zusatz „wie ein paar tausend Tickets zuvor auch.“

„Also ich habe hier nichts im Computer!“. Dann sucht er. Eine Minute, zwei. „Ach, sie haben ein Papierticket!“, sagt er, und deutet auf die Ausdrucke in meiner Hand.

Seit zwei Jahren werden weltweit keine Papiertickets mehr ausgestellt, ist aber anscheinend noch nicht bis hierher durchgedrungen.

„Nein, Ausdrucke der E-Tickets!“, antworte ich. „Zeigen Sie mal her!“ Berlin ist ja bekanntermaßen das schwarze Loch der Freundlichkeit – was hier an Freundlichkeit reingeht, kommt nie wieder raus. Stromberg tippt mühsam die Ticketnummern in seinen Computer, der richtige Durchblick fehlt ihm aber immer noch. Das ruft zwei Kollegen auf den Plan, die sich nun über ihn hinweg über das richtige Vorgehen unterhalten, sich aber auch nicht einig werden. „Ich steh dann mal auf und lass Euch machen!“, sagt Stromberg und deutet ein Aufstehen an. War wohl aber eher rhetorisch gemeint, da er auch nach zehn Sekunden Reaktionskarenz immer noch vor seinem Bildschirm sitzt und von beiden Seiten belabert wird.

Nach zwanzig Minuten dann das Ergebnis: Bordkarten für Zornica, Sarah und mich nach Frankfurt. Bordkarten für Sarah und mich von Frankfurt nach Shanghai, Sitz 50 H („Das hat uns viel Arbeit gekostet!“, meint Stromberg). Keine Bordkarte für Zornica. Die hätte man nicht ausdrucken können, wir sollten es in Frankfurt noch einmal versuchen.

Ach ja, und das Fahrrad, wird nun bemerkt, das koste ja auch noch Geld, 80 Euro. Stromberg bittet mich, ihm den Gepäckabschnitt für das Rad wieder zurückzugeben, weil den gäbe es ja eigentlich erst, nachdem ich bezahlt hätte. Widerwillig gebe ich ihm Schein und Banderole wieder zurück und begebe mich zum Lufthansaschalter. Dort erwartet mich der Typ Ex-Stewardess mit Kundenallergie.

„Wo soll das Fahrrad denn nun hin, Frankfurt oder Shanghai?“, schnauzt sie mich an. „Mit Lufthansa nach Frankfurt, dann laut Beförderungsbedingungen der Air China kostenlos nach Shanghai!“ gebe ich zurück. „Ja was denn nun, Frankfurt oder Shanghai?“ schnappt sie. Ich wiederhole meinen Satz. „Das geht schon mal gar nicht!“ „Was geht nicht!“ „Lufthansa kann Ihnen das Rad nur bis Frankfurt befördern“

Leichte Verärgerung steigt in mir hoch. Ich sehe mich schon mein 20-Kilo-Paket unter Zeitnot einmal quer durch den Frankfurter Flughafen schleifen.

„Warum kann Lufthansa das denn nicht, das Rad ist angemeldet und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich das so mache!“, versuche ich, ein wenig in die Offensive zu gehen. So langsam verliert meine Stimme ihre Sachlichkeit.

„Na für 80 Euro befördert die Lufthansa das Rad nur bis Frankfurt, wenn Sie es nach Shanghai durchgecheckt haben wollen, müssen sie den entsprechenden Tarif zahlen!“

In mir baut sich das Schreckgespenst von „1 Prozent vom First-Class-Preis für jedes Kilo Übergepäck“ auf.

„Sie wollen mir also erzählen, dass ich für eine Leistung, die Air China erbringt, und zwar kostenlos, bei Lufthansa zahlen muss. Ohne Gegenwert?“ versuche ich es mit Logik.

„Sie bezahlen dafür, dass Lufthansa das Rad bis Shanghai durchcheckt!“ erklärt sie mir in der verqueren Lufthansalogik, die wohl aus den Zeiten der Wegelagerei übrig geblieben sein muss.

„Wieviel?“, frage ich, da mir die Luft für mehr Worte fehlt

Sie hackt umständlich auf ihr Keyboard ein.

„150 Euro. Oder 80 Euro, wenn Sie das Rad in Frankfurt neu einchecken.“

Eine halbe Stunde später ist das Rad dann auf dem Weg nach Shanghai. Die zusätzlichen 70 Euro sind meine Spende für so viel Dreistigkeit.

Die Lautsprecherdurchsage ruft das Boarding für unser Maschine auf, wir hängen noch in der Sicherheitskontrolle, wo einer der Sicherheitsleute befindet, ich hätte zu viel Elektronik in meinem Rucksack. Computer, Kamera und zwei Ladegeräte, das ist verdächtig. Nun weiss ich also, dass hinter dem Wickelraum an Schalter 9 auch die Zusatzsicherheitsüberprüfung ist, aber immer noch nicht, warum die Dame dort mit kleinen Papierstreifen über alle meine elektronischen Geräte gegangen ist. Hat mich aber auch nicht so richtig interessiert.

10 Minuten vor Abflug bin ich dann wieder am Gate, wo Zornica und Sarah beunruhigt auf mich warten.

„Der Buggy darf aber nicht mit an Bord!“ herrscht uns die Dame am Gate an.
Alles klar, das ist immer so, aussteigen, Sarah, den Buggy zusammenklappen und abgeben.

„Ne, den bekommen wir nicht mehr mit!“ sagt die Dame resolut.

…?

„Dafür hätten Sie früher kommen müssen!“

Jetzt geht zur Abwechslung einmal Zornica in die Luft. Schließlich bekommen wir den Buggy dennoch mit an Bord. „Machen wir normalerweise nicht!“, sagt die Dame am Gate und erwartet wohl so etwas wie Dankbarkeit.

Währenddessen erfahre ich am Telefon bei Air China, dass Zornica beim internationalen Flug auf Platz 31 H sitzt, also 20 Reihen von Sarah und mir entfernt. Das versuche ich zu ändern, muss dann aber auflegen, da das Boarding abgeschlossen ist.

Mit der Erholungspause im Flugzeug scheint sich auch unser Glück gewendet zu haben. Am Gate in Frankfurt weiss man schon von uns, tauscht unsere Plätze und so sitzen wir nun in Reihe 31 nebeneinander, Sarah hängt ihre Arme und Beine über die knapp zu kleine Babywanne und die Nacht ist noch lang. Morgen mittag sind wir in Shanghai und dann stellt sich die Frage, wie ich mein Rad vom Flughafen in die Stadt bekomme.

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